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Ansteigende Kaiserschnittraten: Geburtsmedizin in anderen Umständen

17.09.2004


Eine Frau hat das Recht auf Selbstbestimmung - auch und gerade wenn es um den Geburtsmodus geht. Daran lässt der Berliner Geburtsmediziner Professor Klaus Vetter, der nächste Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkolgie und Geburtshilfe, auf dem 55. Kongress der Gesellschaft in Hamburg keinen Zweifel. Wichtig ist aber eine gute vorausgehende Beratung der Frau, damit sie Nutzen und Risiko entsprechend abwägen kann.


In Deutschland steigt, wie in allen anderen Industrienationen, seit Jahren die Kaiserschnittrate an. Sie kletterte seit den neunziger Jahren im letzten Jahrtausend von cirka zehn auf 20 bis 25 Prozent. Heute kommt etwa jedes vierte bis fünfte deutsche Baby auf diesem Weg zur Welt. Experten wie Professor Klaus Vetter, Leiter der Klinik für Geburtsmedizin am Berliner Vivantes Klinikum Neukölln, wundert dies nicht. "Zwar ist es nicht zwingend, dass die Kaiserschnittrate steigt, aber es ist die Folge neuer Konstellationen und Bedingungen in der Geburtsmedizin." Es spielen sowohl "harte" medizinische Gründe als auch "weiche" Faktoren eine Rolle, etwa das veränderte Körperbewusstsein der Frauen oder deren Recht auf Selbstbestimmung.

Geänderte Bedingungen.


Ein Teil der steigenden Sectiorate geht sicherlich auf das Konto veränderter medizinischen Bedingungen bei Schwangerschaft und Geburt: Die Schwangeren sind im Durchschnitt älter, was häufiger zu Schwangerschaftskomplikationen führt, die eine Schnittentbindung erforderlich machen. Hinzu kommen Mehrlingsschwangerschaften nach reproduktionsmedizinischer Behandlung, sowie die dadurch unverändert hohe Rate von Frühgeburten. Ebenfalls spielt eine Rolle, dass das "Zeitfenster", in dem Frühgeborene behandelt werden können, immer weiter geöffnet wird - inzwischen ist dies bei Kindern ab der 24. Schwangerschaftswoche möglich.

Gefördert wird die Bereitschaft zur Sectio bei den Schwangeren und den Geburtshelfern aber auch durch das erheblich gesunkene Risiko für die Mutter bei einem Kaiserschnitt, insbesondere durch bessere Anästhesieverfahren, und ein entsprechend verändertes Risikobewusstsein.

Sterblichkeit sinkt.

Die Sterblichkeit bei einer Sectio ist in den Jahren 1983 bis 2000 kontinuierlich von 0,23 Promille (eine von 4350 Frauen) auf 0,04 Promille ( eine von 25.000 Frauen) gesunken. Im gleichen Zeitraum sank die Müttersterblichkeit bei einer vaginalen Entbindung von 0,033 Promille (eine von 30.000 Frauen) auf 0,017 Promille (1 von 58.000 Frauen). "Die Letalität eines geplanten Kaiserschnittes in Regionalanästhesie", erklärt Professor Klaus Vetter, "entspricht wahrscheinlich derjenigen einer geplanten vaginalen Geburt."

Zwar birgt ein geplanter Kaiserschnitt unmittelbar also nicht mehr Risiken als eine vaginale Entbindung, allerdings birgt die Sectio sehr wohl bedeutsame Risiken für nachfolgende Schwangerschaften. Die Narbenbildung an der Gebärmutter kann zu Fehlgeburten, Störungen bei der Einnistung der Plazenta oder zum Aufreißen der Gebärmutter führen. Das Aufreißen der Gebärmutter entlang der alten Narben ist um den Faktor 42 erhöht. Plazentastörungen kommen doppelt so häufig vor wie bei anderen Schwangeren.

Ärzte als Indikatoren.

Umfragen bei Ärzten belegen, wie sich deren Einschätzung der Risiken in den letzten Jahren gewandelt hat. Bei einer Umfrage bei Gynäkologinnen und Gynäkologen in Groß Britannien im Jahr 1996 wollten 31 Prozent der Gynäkologinnen für sich selbst auch im Falle einer unkompliziert verlaufenden Schwangerschaft einen Kaiserschnitt in Anspruch nehmen. Hingegen würden nur acht Prozent ihrer männlichen Kollegen eine Sectio bei ihrer Frau unter diesen Umständen befürworten. Im Jahr 2000 hatte sich das Bild gewandelt: Bei einer Umfrage in den USA plädierten nach wie vor ein Drittel der Gynäkologinnen für einen Kaiserschnitt, aber 57 Prozent der Gynäkologen würden ihrer Frau inzwischen dazu raten.

Einen solchen Sinneswandel haben die Hebammen allerdings nicht durchlaufen, wie eine Umfrage aus dem Jahr 2002 zeigt: Bei einer unkomplizierten Schwangerschaft beträgt die Ablehnung eines Kaiserschnittes 100 Prozent.

Eine Erklärung für diese Diskrepanz könnte darin liegen, dass Gynäkologinnen und Gynäkologen im Gegensatz zu Hebammen auch die möglichen langfristigen Folgen einer Geburt sehen und behandeln: Beckenbodenlockerungen, Riss- und Schnittverletzungen an Damm und Scheide, Inkontinenz, und sexuelle Probleme.

Kein "Spaziergang".

Allerdings ist ein Kaiserschnitt "keineswegs ein Spaziergang", mahnt Vetter. "Er ist ein erheblich größerer Einschnitt im Leben einer Frau als eine vaginale Geburt - zumindest betrifft dies die Perspektiven und die zum Teil lebensgefährlichen Risiken für Mutter und Kind bei weiteren Schwangerschaften und Geburten." Eine Verhinderung des Geburtserlebnisses kann Auswirkungen auf familiäre Beziehungen haben; Geburtsängste werden nicht bewältigt und mitunter gibt es psychische Reaktionen der Frau erst lange nach dem Eingriff.

"Nötig sind darum wissenschaftliche Studien zu den Langzeitergebnissen von vaginalen Entbindungen und Kaiserschnitten", fordert Vetter. Allerdings lässt der Berliner Geburtsmediziner auch keinen Zweifel daran, dass letztendlich die Frau den Geburtsmodus bestimmt. "Allerdings ist dazu eine umfassende Beratung nötig", betont Vetter. Wichtig ist beispielsweise die Berücksichtigung der Familienplanung insgesamt. "Wenn eine Frau nur ein Kind möchte, ist die Beurteilung von Nutzen und Risiko anders als wenn eine Frau mehrere Kinder möchte. Im letzteren Fall müssen die Risiken für nachfolgende Schwangerschaften und Geburten berücksichtigt werden."

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Barbara Ritzert | idw
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