Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Perspektiven für den Kampf gegen die tödliche Sepsis

08.09.2004


Kaum bekannt: "Blutvergiftung" ist eine der häufigsten Todesursachen / Heidelberger Intensivmediziner entwickeln Therapiekonzept und neue Forschungsansätze



Rund 150.000 Patienten in Deutschland sind jährlich betroffen; fast die Hälfte stirbt daran. Hochakut und oft dramatisch, jedoch von der Öffentlichkeit meist unbemerkt, fordert die Sepsis - im Volksmund "Blutvergiftung" genannt - pro Jahr mehr Opfer als Brustkrebs und Aids zusammen. Molekularbiologische Forschungsansätze, die von der Heidelberger Universitätsklinik für Anaesthesiologie (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Eike Martin) entwickelt werden, sowie ein streng an wissenschaftlich bewiesenen Therapiestrategien ausgerichtetes Behandlungskonzept eröffnen neue Perspektiven für die Bekämpfung der tödlichen Sepsis.

... mehr zu:
»Blutgerinnung »RAGE »Sepsis »Tiermodell


Für seine richtungsweisenden Arbeiten zur Sepsis wurde der Heidelberger Anaesthesist Privatdozent Dr. Markus Weigand jetzt von der "Heidelberger Stiftung Chirurgie" und ihrem Vorsitzenden Professor Dr. Dr. h.c. Markus W. Büchler mit dem mit 1.000 Euro dotierten Förderpreis für ärztliches Personal ausgezeichnet. Damit wurde auch die exzellente Zusammenarbeit zwischen den Heidelberger Anaesthesisten und Chirurgen bei der intensivmedizinischen Betreuung von Patienten gewürdigt.

"Ohne die konsequente chirurgische Entfernung des Infektionsherdes, aus dem die Erreger ihre gefährlichen Giftstoffe (Toxine) in den Körper senden, ist der Kampf oft von vorneherein verloren" sagt Privatdozent Dr. Jan Schmidt, erster Oberarzt an der Chirurgischen Universitätsklinik. Entscheidend ist zudem, dass die Sepsis frühzeitig erkannt wird. "Der verräterische rote Streifen am Arm ist nur sehr selten ein Warnsignal", sagt Dr. Weigand, zu dessen Forschungsteam auch die beiden Anaesthesisten und Wissenschaftler Dr. Jens Plachky und Dr. Stefan Hofer gehören. Häufig sind es unspezifische, grippeähnliche Beschwerden wie Fieber und Schüttelfrost, die einer Sepsis vorangehen und die wahre Ursache verschleiern. In vielen Fällen sind allerdings schwere Infektionen bekannt, vor allem eine Lungenentzündung, die sich trotz Antibiotika-Behandlung zur Sepsis entwickelt haben.

Entzündungen und Schockzustand führen zu Organversagen

Dann kommt es zu einer fatalen Kettenreaktion mit hohem Tempo: Entzündungen breiten sich im ganzen Körper aus, der Kreislauf kollabiert und der Organismus gerät in einen Schockzustand, die Blutgerinnung wird überaktiv und die Adern verstopfen. Schließlich versagen Nieren, Lunge und Leber.

"Nur eine enge Kontrolle und intensivmedizinische Behandlung der lebenswichtigen Funktionen verbunden mit effektiver Antibiotika-Therapie kann dann noch Leben retten," erklärt Dr. Weigand. Seine Arbeitsgruppe hat die wissenschaftlichen Studien ausgewertet und den "Heidelberg Sepsis Pathway" entwickelt, eine Therapieempfehlung mit Checklisten, die mit den internationalen Behandlungsleitlinien einhergeht und bereits in zahlreichen Fortbildungsveranstaltungen Intensivmedizinern vermittelt wurde.

"Wichtig ist es, dafür zu sorgen, dass Durchblutung, Sauerstoffversorgung, Ausscheidung und Blutzucker eng kontrolliert und andauernd stabil gehalten werden", sagt Dr. Weigand. Als dritte Säule der optimalen Versorgung spielt neben der chirurgischen und intensivmedizinischen Therapie die infektiologische Betreuung des Sepsispatienten eine mitentscheidende Rolle. Durch die Zusammenarbeit am Krankenbett kann die mikrobiologische Diagnostik zeitnah und krankheitszentriert in eine adäquate Antibiotikatherapie umgesetzt werden, unterstreicht Professor Dr. Heinrich K. Geiss, Leiter der Sektion Infektiologie am Hygiene-Institut der Universität Heidelberg.

Erst in den letzten Jahren sind Medikamente, die in die Sepsisentwicklung selbst eingreifen, erprobt worden. Erfolgreich angewandt wird bislang nur "Xigris", ein gentechnisch hergestelltes, menschliches aktiviertes Protein. Es sorgt dafür, dass die Blutgerinnung und die Auflösung von Gerinnseln im Gleichgewicht bleiben. In einer klinischen Studie wurde nachgewiesen, dass "Xigris" die Sterblichkeit um sechs Prozent senken konnte.

Mäuse ohne RAGE-Protein entwickeln seltener eine Sepsis

Auch die Heidelberger Wissenschaftler wollen die Schockreaktion durch einen spezifischen Angriff an bestimmten Molekülstrukturen aufhalten. So haben sie ein Tiermodell entwickelt, mit dem die Bedeutung bestimmter Oberflächenproteine in Entzündungszellen bei einer Sepsis untersucht werden kann.

Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg (Professor Dr. Peter Nawroth und Dr. Angelika Bierhaus) und dem Deutschen Krebsforschungszentrum (Professor Dr. Bernd Arnold und Dr. Birgit Liliensiek) haben sie festgestellt: Mäuse ohne das Regulatormolekül RAGE überleben häufiger eine Blutvergiftung als Mäuse mit RAGE. Bei dem Molekül handelt es sich um einen Rezeptor. Er erkennt und bindet bestimmte Eiweißstoffe, bevorzugt "Advanced Glycation Endproducts" (AGE) - daher stammt der Name RAGE - und setzt dadurch Entzündungsreaktionen in Gang. Ziel dieser Forschungsarbeiten ist die Entwicklung neuer Medikamente, die erfolgreich am Tiermodell getestet, möglichst bald in die klinische Praxis gelangen sollen, um die schlechten Chancen für Sepsis-Patienten zu verbessern.

Ansprechpartner:

PD Dr. Markus Weigand
E-Mail: Markus_Weigand@med.uni-heidelberg.de
Tel.: 06221 / 56 63 55 (Sekretariat)
(hier kann auch der "Heidelberg Sepsis Pathway" angefordert werden)

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-heidelberg.de

Weitere Berichte zu: Blutgerinnung RAGE Sepsis Tiermodell

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Therapieansätze bei RET-Fusion - Zwei neue Inhibitoren gegen Treibermutation
26.06.2017 | Uniklinik Köln

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Event News

Plants are networkers

19.06.2017 | Event News

Digital Survival Training for Executives

13.06.2017 | Event News

Global Learning Council Summit 2017

13.06.2017 | Event News

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Digital Mobility“– 48 Mio. Euro für die Entwicklung des digitalen Fahrzeuges

26.06.2017 | Förderungen Preise

Fahrerlose Transportfahrzeuge reagieren bald automatisch auf Störungen

26.06.2017 | Verkehr Logistik

Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit

26.06.2017 | Physik Astronomie