Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verbesserte Lernfähigkeit des Gehirns nach Schlaganfall

06.08.2004


Der Schlaganfall im MRT-Bild. Oben: Weiß das Hirngewebe, das geschädigt ist; Unten: Rot ist der Bereich, der nicht genug Blut enthält. (Foto: Neurologie der FSU)


Prof. Dr. Otto W. Witte, Direktor der Klinik für Neurologie der Uni Jena, nutzt die Erkenntnis, dass Gehirne nach einem Schlaganfall lernfähiger sind, bereits für die Rehabilitation seiner Patienten.


Gehirn hat nach Schlaganfall "jugendliches Muster"


Beim Schlaganfall sind im Gehirn die Blutgefäße verschlossen oder gerissen. Diese Gehirnverletzungen führen in der Folge oftmals zu geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen, Arme oder Beine können schlecht bis gar nicht mehr bewegt werden. "Der Schlaganfall ist die häufigste Ursache für Invalidität in höherem Alter", weiß Prof. Dr. Otto W. Witte von der Universität Jena. Doch der Direktor der Klinik für Neurologie hat mit seinem Team jetzt auch herausgefunden, dass das Gehirn kurz nach einem Schlaganfall eine höhere Lernfähigkeit aufweist. Diese Erkenntnis gilt es, so Witte, nun für die Rehabilitation der Betroffenen zu nutzen.

Die Jenaer Neurologen, die ihre Ergebnisse jüngst in der Fachliteratur publiziert haben, fanden heraus, dass auch das Gehirn nach einem Schlaganfall wieder neue Verbindungen zwischen Gehirnzellen aufbaut, in Einzelfällen gar neue Zellen bildet. Diese Erkenntnisse, die durch Experimente und dank verbesserter Bildgebungsmethoden, deren Entwicklung ein Forschungsschwerpunkt am Jenaer Universitätsklinikum ist, möglich wurden, sind vom unverletzten Hirn bekannt. Wenn der Mensch lernt, passieren diese Vorgänge üblicherweise im Gehirn - selbst bei Erwachsenen. Diese Prozesse finden aber auch im gesamten Gehirn nach einem Schlaganfall statt. Das so geschädigte Hirn zeigt insgesamt ein verändertes Verhalten. Es weist eine erhöhte Erregbarkeit auf, was im ärgsten Fall zu Anfällen führt. Es offenbart aber zugleich eine erhöhte Lernfähigkeit, die medikamentös und durch spezifische Trainings genutzt werden kann, um die aufgetretenen körperlichen und geistigen Einschränkungen - zumindest zum Teil - zu kompensieren.


Ursache für dieses Verhalten sind so genannte GABA-Rezeptoren, deren Zusammensetzung im Gehirn sich nach einem Schlaganfall verändert, wie die Jenaer Neurologen entdeckt haben. Diese Botenstoffe, die in einem Drittel des Gehirns die Nachrichten weitergeben, gehen nach einem Schlaganfall "in ein jugendliches Muster zurück", macht Witte den überraschenden Befund deutlich. Das Gehirn fällt für wenige Monate in ein jugendliches und damit lernfähigeres Stadium seiner Entwicklung zurück. Einher geht damit "eine veränderte Repräsentation im Gehirn", sagt Witte. Das Hirn reagiert auch in den Teilen, die nicht verletzt sind, anders. "Bestimmte Lernmechanismen sind für eine gewisse Zeit - bis etwa sechs Monate nach dem Schlaganfall - verbessert", fasst Prof. Witte zusammen. Daher können gewisse Funktionen aus den betroffenen Gehirnarealen durch benachbarte Gehirnregionen übernommen werden. Diese Erkenntnis nutzt z. B. das Taub’sche Bewegungstraining, das der Psychologe Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner an der Uni Jena weiterentwickelt hat und das inzwischen an der Klinik für Neurologie in der Rehabilitation routinemäßig eingesetzt wird.

Das verletzte Gehirn, so das Fazit der Jenaer Forscher, erhält für eine gewisse Zeit Fähigkeiten, die es vorher nicht hatte. "Es gibt ein Zeitfenster, das man nutzen sollte", plädiert Prof. Witte für den raschen Beginn von Reha-Maßnahmen. Allerdings weiß der erfahrene Neurologe auch, dass diese verletzungsbedingte Lernfähigkeit nicht künstlich hervorgerufen werden sollte. Der regelmäßige Schlag auf den Hinterkopf fördert nicht, sondern schädigt. Denn auf Dauer führen die Verletzungen des Gehirns auch zu seinem beschleunigten Altern. Diese Demenzentwicklung, die oft mit depressiven Entwicklungen einhergeht, ist deutlich erhöht. Die Jenaer Neurologen forschen nun an Gegenmitteln, um diese schnell verlaufenden Alterungsprozesse zu verzögern und im Idealfall sogar zu stoppen. "Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg", dämpft Prof. Witte Hoffnungen auf eine schnelle Lösung.

Geschwindigkeit allerdings, da ist sich Witte sicher, spielt bei der Schlaganfallbehandlung eine bedeutende Rolle. Nach einem Schlaganfall - "der in der Regel nicht weh tut", so Witte - sollen die Betroffenen umgehend ohne Umwege eine Spezialklinik aufsuchen. Wer nach drei bis höchstens sechs Stunden dort behandelt wird, hat beste Chancen ohne große Schädigungen davon zu kommen. Auch bei Schlaganfallpatienten mit Ausfällen kommt es auf die Zeit an. "Im besten Fall sollte nach wenigen Wochen mit der Rehabilitation begonnen werden", drängt Prof. Witte, die neuen Forschungsergebnisse auch zügig in den klinischen Alltag umzusetzen, wie dies im Jenaer Universitätsklinikum bereits der Fall ist.

Mehr über die neuen Jenaer und viele weitere neurologische Forschungsergebnisse ist auch beim Kongress "Hirndisfunktion" zu erfahren. Die 49. Jahrestagung der "Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung" (DGKN) findet unter diesem Motto vom 15.-19. September an der Universität Jena statt. Kongressorganisator Witte, der gleichzeitig DGKN-Präsident ist, hat den Schlaganfall neben dem alternden Nervensystem, der funktionellen Bildgebung sowie der Epilepsie und zerebralen Plastizität zu einem Schwerpunktthema der Tagung erhoben. Denn "time is brain", so Witte, "das müssen wir den Menschen verdeutlichen".

Kontakt:
Prof. Dr. Otto W. Witte
Klinik für Neurologie der Universität Jena
Erlanger Allee 101, 07747 Jena
Tel.: 03641 / 9323401, Fax: 03641 / 9323402
E-Mail: owitte@med.uni-jena.de

Axel Burchardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Berichte zu: Lernfähigkeit Neurologie Schlaganfall

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Graduiertenschule HyPerCells entwickelt hocheffiziente Perowskit- Dünnschichtsolarzelle

17.08.2017 | Energie und Elektrotechnik

Forschungsprojekt zu optimierten Oberflächen von Metallpulver-Spritzguss-Werkzeugen

17.08.2017 | Verfahrenstechnologie

Fernerkundung für den Naturschutz

17.08.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz