Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Depressionen nach Stufenplan behandeln!

19.06.2001


Studie der FU-Psychiatrie zeigt: Auch bei seelischen Krankheiten bringt eine systematische Therapie bessere Erfolge

Wenn Menschen mit Depressionen nach einem wissenschaftlich fundierten "Stufenplan" behandelt werden, sind die Erfolgsaussichten deutlich größer. Dies zeigen die soeben ausgewerteten Daten einer zwischen 1997 und 2000 vorgenommenen Untersuchung, der "BERLINER STUFENPLANSTUDIE" am Fachbereich Humanmedizin der FU/Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF). Während bei körperlichen Erkrankungen Leitlinien längst akzeptiert sind, waren bei psychischen Krankheiten die Effekte einer systematischen Therapie bisher kaum untersucht. Die Arbeitsgruppe um Dr. Mazda ADLI und Dr. Dr. Michael Bauer von der Psychiatrischen Klinik (Leitung: Prof. Isabella Heuser) der Freien Universität Berlin hat nun die streng leitliniengetreue Therapie der Depression mit der üblichen Behandlung nach individuellem ärztlichen Ermessen verglichen. Die Ergebnisse: weniger chronifizierte Krankheitsverläufe, weniger Medikamente, kürzere Krankenhausaufenthalte.

Dem "Berliner Stufenplan" liegt ein Algorithmus - ein Entscheidungsbaum - zugrunde, der je nach Ansprechen eines Patienten im 14-tägigen Rhythmus das weitere Vorgehen vorschreibt. Das Prinzip ist einfach: Führt die 1. Stufe des Behandlungsplanes im vorgesehenen Zeitraum nicht zum erwünschten Erfolg, wird die 2. Stufe der Therapie beschritten - und so weiter.
Die Patienten in der Stufenplangruppe zeigten eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, im Beobachtungszeitraum zu genesen wie die "individuell" behandelten Patienten. Nach Stufenplan therapierte Patienten mussten im Schnitt 18 Tagen kürzer behandelt und konnten zehn Tage früher aus dem Krankenhaus entlassen werden. Während nach sieben Behandlungswochen die Hälfte der nach Stufenplan behandelten Patienten weitgehend beschwerdefrei war, wurde diese Rate bei nach individuellem Zuschnitt behandelten Patienten erst nach zwölf Wochen erreicht. Die "Stufenplan-Patienten" brauchten ferner nicht nur weniger Medikamente, sondern auch weniger Therapiewechsel. Mit anderen Worten: Die systematisierte Behandlung senkt nicht nur Kosten, sondern kann auch zu einer schonenderen und möglicherweise nebenwirkungsärmeren Therapie führen.

Trotz besserer Medikamente hatte die Depressionsbehandlung in den letzten Jahren stagniert. Die führenden europäischen und amerikanischen Depressionsforscher hatten wiederholt gefordert, leitlinienorietierte Therapien auf den Prüfstand zu stellen. Nach ihren bisherigen, ermutigenden Ergebnissen will die Berliner Gruppe nun ihre Erfahrungen in einer bundesweit angelegten Studie auf noch breitere Basis stellen. Das Projekt wird im Rahmen des Kompetenznetzes Depression als "Algorithmusstudie" realisiert. 450 Patienten sollen, über die Republik verteilt, in die Untersuchung aufgenommen werden. Die Studie prüft auch ein computergestütztes Therapiesystem, das dem behandelnden Arzt in regelmäßigen Abständen eine leitlinienorientierte Entscheidungshilfe anbietet. Viele niedergelassene Ärzte wünschen seit langem eine solche Unterstützung bei der medikamentösen Depressionsbehandlung. Dabei ist selbstverständlich die Psychotherapie integraler Bestandteil.

Das Kompetenznetz Depression will die Krankheit, ihre Symptome und Behandlungsmethoden bei den Betroffenen und in der Öffentlichkeit bekannter machen und in enger Zusammenarbeit mit der ambulanten Versorgung diagnostische und therapeutische Defizite beheben. Die Psychiatrische Klinik der FU ist eines der wesentlichen beteiligten Forschungszentren in diesem wegweisenden Projekt.

Depressiv erkrankte Patienten, die sich in stationärer Behandlung der beteiligten Kliniken befinden, können in die Algorithmusstudie aufgenommen werden. Für Studienpatienten gibt es eine intensive Begleitung durch Studienärzte und -psychologen sowie regelmäßige Nachuntersuchungen in Absprache mit dem niedergelassenen Arzt. Erteilt ein Patient hierzu seine Zustimmung, so kann er sich am UKBF auch an anderen Projekten des Kompetenznetzes Depression beteiligen, die sich allesamt der Verbesserung von Erkennung und Behandlung depressiver Erkrankungen gewidmet haben. Hierzu gehören zum Beispiel die Untersuchung des Einflusses von Lebensumständen und Besonderheiten der Symptomatik auf die kurz- und langfristige Prognose, Möglichkeiten frühzeitiger Rezidiverkennung, aber auch biologischer Faktoren wie die Besonderheiten des Stresshormonhaushaltes.

Ansprechpartner:
Dr. med. Mazda Adli
Psychiatrische Klinik der FU
Eschenallee 3, 14050
Berlin Tel.: (030) 8445-8671/-8351; Fax: -8424
E-Mail: adli@medizin.fu-berlin.de

Dipl.Pol. Justin Westhoff | idw
Weitere Informationen:
http://www.kompetenznetz-depression.de/
http://www.mwm-vermittlung.de/

Weitere Berichte zu: Depression Depressionsbehandlung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Die neue Achillesferse von Blutkrebs
22.05.2018 | Ludwig Boltzmann Gesellschaft

nachricht Schnelltests für genauere Diagnose bei Hirntumoren
17.05.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Im Focus: LZH showcases laser material processing of tomorrow at the LASYS 2018

At the LASYS 2018, from June 5th to 7th, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) will be showcasing processes for the laser material processing of tomorrow in hall 4 at stand 4E75. With blown bomb shells the LZH will present first results of a research project on civil security.

At this year's LASYS, the LZH will exhibit light-based processes such as cutting, welding, ablation and structuring as well as additive manufacturing for...

Im Focus: Kosmische Ravioli und Spätzle

Die inneren Monde des Saturns sehen aus wie riesige Ravioli und Spätzle. Das enthüllten Bilder der Raumsonde Cassini. Nun konnten Forscher der Universität Bern erstmals zeigen, wie diese Monde entstanden sind. Die eigenartigen Formen sind eine natürliche Folge von Zusammenstössen zwischen kleinen Monden ähnlicher Grösse, wie Computersimulationen demonstrieren.

Als Martin Rubin, Astrophysiker an der Universität Bern, die Bilder der Saturnmonde Pan und Atlas im Internet sah, war er verblüfft. Die Nahaufnahmen der...

Im Focus: Self-illuminating pixels for a new display generation

There are videos on the internet that can make one marvel at technology. For example, a smartphone is casually bent around the arm or a thin-film display is rolled in all directions and with almost every diameter. From the user's point of view, this looks fantastic. From a professional point of view, however, the question arises: Is that already possible?

At Display Week 2018, scientists from the Fraunhofer Institute for Applied Polymer Research IAP will be demonstrating today’s technological possibilities and...

Im Focus: Raumschrott im Fokus

Das Astronomische Institut der Universität Bern (AIUB) hat sein Observatorium in Zimmerwald um zwei zusätzliche Kuppelbauten erweitert sowie eine Kuppel erneuert. Damit stehen nun sechs vollautomatisierte Teleskope zur Himmelsüberwachung zur Verfügung – insbesondere zur Detektion und Katalogisierung von Raumschrott. Unter dem Namen «Swiss Optical Ground Station and Geodynamics Observatory» erhält die Forschungsstation damit eine noch grössere internationale Bedeutung.

Am Nachmittag des 10. Februars 2009 stiess über Sibirien in einer Höhe von rund 800 Kilometern der aktive Telefoniesatellit Iridium 33 mit dem ausgedienten...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Mikroskopie der Zukunft

22.05.2018 | Medizintechnik

Designerzellen: Künstliches Enzym kann Genschalter betätigen

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics