Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tumorzellzerstörer im Gehirn

22.07.2004


Parvoviren töten bösartige Hirntumorzellen ab / Tönnis-Forschungsstipendium an Heidelberger Neurochirurgen zur Weiterentwicklung neuer Therapiestrategien beim Glioblastom verliehen


Computersimulation der Oberfläche eins Parvovirus. / Foto. Jan Cornelius, Deutsches Krebsforschungszentrum.



Die Erfolgschancen der Behandlung sind minimal: Weder Operation noch Chemotherapie oder Bestrahlung können das rapide Wachstum des sehr bösartigen Glioblastoms, eines Hirntumors, an dem jährlich rund 2.000 Menschen in Deutschland erkranken, verhindern. Deshalb werden mit Nachdruck neue Therapiestrategien erforscht.

... mehr zu:
»Glioblastom »Hirntumor »Parvovire »Virus


Ein möglicher Behandlungsansatz wird derzeit in Heidelberg erprobt. Durch die Injektion von speziellen Viren in den Hirntumor sollen die Krebszellen abgetötet und das Wachstum gestoppt werden. Die Wissenschaftlergruppe aus dem Universitätsklinikum und dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) hat jetzt nachgewiesen, dass normalerweise harmlose Parvoviren in Kulturen von Hirntumorzellen zerstörerische Wirkung entfalten.

Dr. Karsten Geletneky, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistenzarzt der Neurochirurgischen Universitätsklinik Heidelberg, hat von der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie bei ihrer Jahrestagung "aufgrund exzellenter wissenschaftlicher Arbeiten" das "Tönnis-Stipendium zugesprochen bekommen. Mit seiner Hilfe wird er sein zukunftsweisendes Forschungsprojekt bei einem dreimonatigen Aufenthalt an der University of California in San Francisco vertiefen. Eine klinische Erprobung ist für die nächsten Jahre geplant.

Beim Glioblastom ist die herkömmliche Tumortherapie nicht befriedigend

Das Glioblastom geht von Gliazellen, den Stützzellen des Gehirns, aus. "Die Tumoren sind extrem schwer zu behandeln", erklärt Professor Dr. Andreas Unterberg, Ärztlicher Direktor der Neurochirurgischen Universitätsklinik Heidelberg. Der Tumor kann nur dann operativ entfernt werden, wenn dadurch keine schweren Schäden im benachbarten gesunden Hirngewebe gesetzt werden. Aber auch nach einer Operation bleiben fast immer Tumorzellen zurück und nehmen ihr rapides Wachstum rasch wieder auf. Auch eine zusätzliche Chemo- oder Strahlentherapie verhindert dies nicht. "Derzeit überleben nur 50 Prozent der Patienten das erste Jahr", sagt Professor Unterberg.

Parvoviren könnten zu einer wirksamen Waffe gegen den gefährlichen Tumor werden, denn sie verfügen über besondere Fähigkeiten: Die winzigen, hüllenlosen Erreger können sich in Tumorzellen vermehren und diese abtöten. Die Heidelberger Arbeitsgruppe, der neben Dr. Geletneky auch Dr. Marta Herrero y Calle (jetzt in der Neurochirurgischen Klinik in Freiburg), und aus dem DKFZ Dr. Jan Cornelis und Professor Jörg R. Schlehofer aus der Abteilung von Professor Jean Rommelaere angehören, beschäftigt sich mit einem bestimmten Typ der Parvoviren, die vor allem Nagetiere befallen, dem H-1 Virus.

Erstmals konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die zerstörerische Wirkung des H-1 Virus besonders ausgeprägt in Zellen bösartiger Hirntumoren auftritt und bereits eine geringe "Virendosis" dafür ausreichend ist. "Die Viren beginnen bereits innerhalb von 24 Stunden mit ihrer Vermehrung und töten die Tumorzellen rasch ab", sagt Dr. Geletneky. Warum die Viren als Zellkiller agieren, ist nicht klar, hängt möglicherweise aber mit einem bestimmten viralen Eiweißstoff, dem NS-1 Protein, zusammen. Die wegweisenden Ergebnisse der Heidelberger Untersuchung wurden kürzlich im "International Journal of Cancer" veröffentlicht.

Weitere Tests mit genetisch veränderten Viren?

Ziel der Forschungsarbeiten ist der klinische Test des bisher getesteten H-1 Virus bei Patienten. Dabei sollen die Viren zielgerichtet direkt in den Hirntumor injiziert werden. "Der Vorteil einer Anwendung bei Glioblastomen ist, dass die Tumorerkrankung im Gegensatz z.B. zum Pankreaskarzinom, bei dem Parvoviren ebenfalls untersucht werden, fast immer auf das Gehirn beschränkt ist" stellt Dr. Geletneky fest. "Wir können daher die Viren in hoher Dosierung direkt an den Ort der Erkrankung bringen." Doch gibt es auch weiterführende Perspektiven: Die Forscher ziehen Virusvarianten in Betracht, z.B. Parvoviren, in deren Erbgut spezielle Gene eingeschleust wurden, die eine Immunantwort gegen die Krebszellen auslösen oder einen Giftstoff produzieren, der die Zelle abtötet. Ebenso wichtig ist natürlich, vorab zu klären: Können die Viren dem Patienten schaden? "In Tierversuchen haben die ins Gehirn injizierten Viren bislang keinerlei entzündliche oder toxische Reaktion hervorgerufen", sagt Dr. Geletneky.

Literatur:
Marta Herrero y Calle, Jan J. Cornelis, Christel Herold-Mende, Jean Rommelaere, Joerg R. Schlehofer, Karsten Geletneky: Parvovirus H-1 infection of human glioma cells leads to complete viral replication and efficient cell killing. International Journal of Cancer. Volume 109, Issue 1, Date:10 March 2004, Pages:76-84

Ansprechpartner:
Dr. Karsten Geletneky: Karsten_Geletneky@med.uni-heidelberg.de
Prof. Dr. Andreas Unterberg: 06221 / 56 6301 ( Sekretariat, Frau Major)

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-heidelberg.de

Weitere Berichte zu: Glioblastom Hirntumor Parvovire Virus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Tropenviren bald auch in Europa? Bayreuther Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels
21.06.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften