Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Chemische UV-Filter in der Kritik

21.07.2004


Sonnenschutzmittel mit Nebenwirkungen?

... mehr zu:
»Gebärmutter »Organismus »UV-Filter

Sommerzeit Sonnenzeit: Die wärmenden Strahlen locken Tausende in die Natur, in die Berge, an die Strände. Aber für ein Sonnenbad ohne Reue ist die Haut unbedingt vor übermässiger Strahlung zu schützen: Sonnenschutzmittel sind ein Muss.

Viele dieser Produkte enthalten chemische UV-Filter. Diese organischen Substanzen absorbieren Licht im Bereich der UVA- und UVB-Strahlung und schützen so die Haut. Doch einige dieser gängigen UV-Filter haben noch andere, weniger erwünschte Eigenschaften. Sie sind fettlöslich und biologisch schlecht abbaubar deshalb reichern sie sich in Organismen an. Und sie stehen im Verdacht, auf Grund ihrer chemischen Struktur natürliche Sexualhormone nachzuahmen und so die Fortpflanzung von Mensch und Tier negativ zu beeinflussen. Vorläufig fehlen jedoch anerkannte Testmethoden zur Identifizierung des hormonellen Effekts. Um das Risiko dieser Stoffe besser abschätzen zu können, unterstützt das Nationale Forschungsprogramm "Hormonaktive Stoffe" entsprechende Untersuchungen zweier Forschungsgruppen.


Über die Hälfte der getesteten Substanzen hormonaktiv

Margret Schlumpf und Walter Lichtensteiger von der Universität Zürich haben mit ihrem Team bei acht von zehn UV-Filtern eine östrogene Wirkung in Zellkulturen nachgewiesen. Karl Fent vom Institut für Umwelttechnik der Fachhochschule beider Basel stützt diesen Befund: Wir haben 17 verschiedene Filtersubstanzen im Reagensglas mit gentechnisch veränderten Hefezellen untersucht, die menschliche Östrogenrezeptoren tragen. Dabei haben wir festgestellt, dass über die Hälfte der Substanzen wie das weibliche Sexualhormon Östradiol wirkt. In Mischungen addiert sich die Wirkung der Einzelstoffe, zum Teil zeigen sie aber auch antagonistische oder gar synergistische Interaktionen.

Schlumpf und Lichtensteiger haben diese Substanzen, darunter die häufig angewandten 4-Methylbenzylidencampher (4-MBC) und 3-Benzylidencampher (3-BC), auch am lebenden Organismus getestet. Die Forscher fanden heraus, dass bei vorpubertären Rattenweibchen die Gebärmutter nach der Aufnahme der UV-Filter vorzeitig reifte. Je mehr UV-Filter die Tiere erhielten, desto mehr legte ihre Gebärmutter an Gewicht zu. Unabhängige Experten in Grossbritannien bestätigten diese Untersuchungsergebnisse.

Auch Nachkommen der Versuchstiere betroffen

Um herauszufinden, ob die Substanzen auch einen Einfluss auf die Entwicklung haben, wurden sie Ratten ins Futter gemischt. Dies mag zwar etwas seltsam erscheinen, aber Säuglinge nehmen solche Stoffe ja auch mit der Muttermilch auf. Zudem handelt es sich um eine international anerkannte Methode, erklärt Walter Lichtensteiger. Die Rattenweibchen hatten weniger Nachkommen, die zudem eine reduzierte Überlebensrate aufwiesen. Bei Rattenmännchen beobachteten wir einen verschobenen Pubertätsbeginn sowie veränderte Hoden- und Prostatagewichte bereits bei geringen Dosen. Ebenso fanden wir bei beiden Geschlechtern Veränderungen in der Aktivität von Genen, ergänzt Margret Schlumpf.

Die Zürcher Forschungsgruppe hat auch untersucht, ob UV-Filter über die Haut in den Körper gelangen. Dabei leisteten die Wissenschafter Pionierarbeit und entwickelten ein neues Testverfahren. Margaret Schlumpf: Wir halten haarlose Rattenweibchen mehrmals kurz bis Schulterhöhe in mit UV-Filtersubstanzen versetztes Olivenöl. Bei so behandelten Tiere erhöhte sich das Gewicht der Gebärmutter ebenfalls. Soeben haben dänische Forscher gemeldet, dass auch der Mensch UV-Filter über die Haut in den Körper aufnimmt.

Haben UV-Filter in einer Konzentration, wie sie in natürlichen Gewässern vorkommt, einen Einfluss auf die Fortpflanzung von Wasserlebewesen? Dieser Frage gehen Karl Fent und seine Mitarbeiterin Petra Kunz von der Fachhochschule beider Basel nach. Sie untersuchten die Wirkung von 4-MBC und 3-BC auf die Entwicklung bei Fröschen. Wir haben herausgefunden, dass der Übergang von der Kaulquappe zum erwachsenen Frosch durch die UV-Filter in diesen tiefen Konzentrationen nicht gestört wird. Ebenso haben wir keinen Effekt auf das Schilddrüsensystem und die Geschlechterverteilung der Frösche festgestellt, erläutert Karl Fent. Gegenwärtig untersuchen die Forscher, ob die Substanzen hormonelle Wirkung auf Fische haben. "Bisher haben wir bei einem UV-Filter in hohen Konzentrationen östrogene Wirkungen festgestellt", so Fent.

Hochkomplexer Problembereich

Kann auf Grund dieser Studienergebnisse bereits Entwarnung gegeben werden? Nein, sagen die Forscher. Denn bei schleichenden Langzeitwirkungen von Chemikalien in der Umwelt handelt es sich im Gegensatz zur akuten Toxizität um einen hochkomplexen Problembereich. Ursache und Wirkung lassen sich oft nur schwer in Beziehung setzen. Vielfach sind es verschiedene Faktoren, welche erst durch ihr Zusammenwirken in der Umwelt oder in spezifischen Organismen zu Veränderungen führen.

Die gleiche Meinung vertritt auch die Weltgesundheitsorganisation WHO. 2002 veröffentlichte sie im Rahmen des International Programme on Chemical Safety eine Studie, in der sie davon ausgeht, dass zwar mit keiner besonders starken Gefährdung des Menschen durch hormonaktive Substanzen zu rechnen ist. Allerdings könnten die Substanzen Auswirkungen auf Kinder haben, die womöglich empfindlicher reagieren als Erwachsene. Deshalb erachten sowohl die WHO als auch die OECD und die EU weiterführende wissenschaftliche Arbeiten als absolut notwendig.

Mineralische Filter für Kinder

Und was machen die Menschen, die den Sommer im Freien verbringen wollen? Hier gilt weiterhin: Geniessen Sie die schönen Stunden. Vermeiden Sie jedoch übermässige Sonnenbestrahlung, tragen Sie der Situation angepasste Kleidung, schützen Sie Ihre Augen und wenden Sie gängige Sonnenschutzmittel an. Besonders für Kinder empfiehlt sich der Gebrauch von Sonnencrèmes mit mineralischen Filtern (Mikropartikeln). Diese hinterlassen auf der Haut zwar einen feinen weisslichen Film, sind aber sehr wirkungsvoll und kommen ohne organische UV-Filter aus.

| CORDIS Wire
Weitere Informationen:
http://www.snf.ch
http://www.unizh.ch
http://www.fhbb.ch/umwelt

Weitere Berichte zu: Gebärmutter Organismus UV-Filter

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie