Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erste Nabelschnurbluttransplantation in Bayern

05.06.2001


Team um Professorin Dr. med. Christine Bender-Götze behandelte leukämiekranken Jungen mit dem Nabelschnurblut seines neugeborenen Bruders


Bei einem mittlerweile fünfjährigen Patienten, der an akuter lymphatischer Leukämie erkrankt war, ist an der Kinderpoliklinik des Klinikums der Universität München erstmals in Bayern Nabelschnurblut erfolgreich transplantiert worden. Der Junge musste im Frühjahr 2000 in die Hochrisikogruppe eingestuft werden, da die herkömmliche Zytostatika-Therapie keine ausreichende Wirkung gezeigt hatte. Um einen Rückfall zu verhindern, wurden schließlich Stammzellen aus dem Nabelschnurblut eines neugeborenen Geschwisterchens transplantiert. Der kleine Patient ist ein Jahr nach dem Eingriff wohlauf.

Bei der Behandlung der bösartigen Erkrankung der weißen Blutkörperchen des Jungen zeichneten sich für die Ärzte an der Kinderpoliklinik in der Pettenkoferstraße rasch außergewöhnliche Probleme ab: "Die herkömmlichen Medikamente, Zellgifte oder "Zytostatika", sprachen nicht in dem notwendigen Maß an", berichtet Dr. Monika Führer, die behandelnde Kinderärztin. "Der Junge gehört zu der kleinen Gruppe von kindlichen Leukämie-Patienten (ca. 20%), die allein mit Medikamenten, die die Zellteilung hemmen, nicht gesunden können. In der vorbereitenden Kortisonphase, aber dann auch noch nach jenen dreißig Tagen, nach denen normalerweise das Knochenmark frei von Lymphoblasten sein sollte, fanden sich immer noch Reste dieser Tumorzellen, so dass wir den kleinen Patienten im Frühjahr 2000 in die Hochrisikogruppe einstufen mussten. Eine Knochenmarktransplantation musste also zwingend in die Therapie eingeplant werden."


Nabelschnurblut als Alternative

Da die Mutter des Patienten bereits zu Beginn der Erkrankung schwanger war, rückte eine Nabelschnurbluttransplantation - als Alternative zur zunächst vorgesehenen Knochenmarktransplantation - prinzipiell in den Bereich des Möglichen. Denn wie seit geraumer Zeit bereits bekannt ist, enthält die Nabelschnur ebenso wie das Knochenmark einen relativ hohen Prozentsatz an Blutstammzellen, so dass sich unter bestimmten Voraussetzungen hier ein Ausweg bietet, soweit kein passender Knochenmarkspender zur Verfügung steht.

Blutstammzellen sind Zellen, aus denen der Körper lebenslang alle Zellen des Blutes bilden kann. Sie können zum Zweck einer Transplantation aus dem Knochenmark bzw. - nach einer speziellen Vorbehandlung - auch aus dem zirkulierenden Blut oder eben aus Nabelschnurblut entnommen werden. Bei einer auf der Transplantation von Stammzellen basierenden Therapie von Blutkrebspatienten werden zunächst die körpereigenen entarteten Stammzellen mittels einer hochdosierten Chemo- und Strahlentherapie zerstört und anschließend durch intakte blutbildende Zellen eines gesunden Spenders ersetzt. Entscheidend für die Akzeptanz der transplantierten Zellen ist, dass die Gewebeeigenschaften von Spender und Patient übereinstimmen, wobei eine solche Übereinstimmung insbesondere z. B. bei Geschwistern erwartet werden kann und hier das Risiko von Abwehrreaktionen folglich relativ gering ist.

Das Nabelschnurblut Neugeborener hat gegenüber Knochenmark und anderem Spenderblut den Vorteil, dass seine Zellen immunologisch unreif sind; die potentiellen Abwehrreaktionen, die sie beim Empfänger hervorrufen, sind geringer als diejenigen, die u. U. von anderen Blutstammzellen verursacht werden. Andererseits reicht die Menge an Nabelschnurblut pro Geburt in der Regel nur, um einen Patienten von maximal 40 Kilogramm Körpergewicht zu behandeln.

Ohne Risiko für die Mutter und das Neugeborene

Da Letzteres im Falle des vierjährigen Leukämie-Patienten keine Einschränkung bedeutete und zudem ein Schaden für die Mutter oder das Neugeborene ausgeschlossen werden kann, kamen Eltern und Ärzte nach intensiven Beratungs- und Aufklärungsgesprächen zu der Entscheidung, im Zusammenhang mit der anstehenden Entbindung die lebensrettenden Stammzellen aus dem Blut der Nabelschnur des Geschwisterchens zu asservieren. Sollte die Untersuchung der Gewebemerkmale nach der Entbindung eine Übereinstimmung ergeben, so sollte das Nabelschnurblut dem älteren Sohn transplantiert werden.

Unmittelbar nach der Entbindung wurden in einem Speziallabor in Gauting (Aktion Knochenmark-Spende Bayern, Leiter: Herr Dr. Knabe) die exakt 36,5 Milliliter Blut, die der Nabelschnur entnommen werden konnten, mittels einer Stammzell-Selektion gereinigt, um die Gefahr von Unverträglichkeitsreaktionen noch weiter zu minimieren. "Um jedes Risiko auszuschließen", erinnert sich Frau Dr. Führer, "haben wir die lebensrettenden Stammzellen aus der Nabelschnur des neugeborenen Brüderchens in zwei separaten Transporten aus Gauting wieder zu unserem kleinen Patienten in die Pettenkoferstraße bringen lassen." Die Transplantation selbst verlief in Form einer rund einstündigen Transfusion völlig reibungslos. Der Patient nahm das Blut seines Geschwisterchens - eines kerngesunden Jungen - ohne jede Komplikationen an und konnte nach den üblichen Nachuntersuchungen und -behandlungen rechtzeitig zu Weihnachten 2000 nach Hause entlassen werden. "Er kommt regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen und entwickelt sich zu einem für sein Alter völlig normalen Jungen. Wenn nicht noch unvorhersehbare Komplikationen eintreten sollten, können wir ihm erlauben, im Spätsommer in den Kindergarten zu gehen", freut sich Frau Dr. Führer.

S. Nicole Bongard | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Das Blut zum Sprechen bringen: Bauchspeicheldrüsenkrebs früh erkennen
21.09.2016 | Universitätsklinikum Ulm

nachricht Alzheimer: Zellulärer Mechanismus liefert Erklärungsmodell für den Abbau der Gedächtnisleistung
20.09.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Synthese-chemischer Meilenstein: Neues Ferrocenium-Molekül entdeckt

Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) haben zusammen mit Kollegen der Freien Universität Berlin ein neues Molekül entdeckt: Die Eisenverbindung in der seltenen Oxidationsstufe +4 gehört zu den Ferrocenen und ist äußerst schwierig zu synthetisieren.

Metallocene werden umgangssprachlich auch als Sandwichverbindungen bezeichnet. Sie bestehen aus zwei organischen ringförmigen Verbindungen, den...

Im Focus: Neue Entwicklungen in der Asphären-Messtechnik

Kompetenzzentrum Ultrapräzise Oberflächenbearbeitung (CC UPOB) lädt zum Expertentreffen im März 2017 ein

Ob in Weltraumteleskopen, deren Optiken trotz großer Abmessungen nanometergenau gefertigt sein müssen, in Handykameras oder in Endoskopen − Asphären kommen in...

Im Focus: Mit OLED Mikrodisplays in Datenbrillen zur verbesserten Mensch-Maschine-Interaktion

Das Fraunhofer-Institut für Organische Elektronik, Elektronenstrahl- und Plasmatechnik FEP arbeitet seit Jahren an verschiedenen Entwicklungen zu OLED-Mikrodisplays, die auf organischen Halbleitern basieren. Durch die Integration einer Bildsensorfunktion direkt im Mikrodisplay, lässt sich u.a. die Augenbewegung in Datenbrillen aufnehmen und zur Steuerung von Display-Inhalten nutzen. Das verbesserte Konzept wird erstmals auf der Augmented World Expo Europe (AWE), vom 18. – 19. Oktober 2016, in Berlin, Stand B25 vorgestellt.

„Augmented Reality“ (erweiterte Realität) und „Wearable Displays“ (tragbare Displays) sind Schlagworte, denen man mittlerweile fast täglich begegnet. Beide...

Im Focus: OLED microdisplays in data glasses for improved human-machine interaction

The Fraunhofer Institute for Organic Electronics, Electron Beam and Plasma Technology FEP has been developing various applications for OLED microdisplays based on organic semiconductors. By integrating the capabilities of an image sensor directly into the microdisplay, eye movements can be recorded by the smart glasses and utilized for guidance and control functions, as one example. The new design will be debuted at Augmented World Expo Europe (AWE) in Berlin at Booth B25, October 18th – 19th.

“Augmented-reality” and “wearables” have become terms we encounter almost daily. Both can make daily life a little simpler and provide valuable assistance for...

Im Focus: Künstliche Intelligenz ermöglicht die Entdeckung neuer Materialien

Mit Methoden der künstlichen Intelligenz haben Chemiker der Universität Basel die Eigenschaften von rund 2 Millionen Kristallen berechnet, die aus vier verschiedenen chemischen Elementen zusammengesetzt sind. Dabei konnten die Forscher 90 bisher unbekannte Kristalle identifizieren, die thermodynamisch stabil sind und als neuartige Werkstoffe in Betracht kommen. Das berichten sie in der Fachzeitschrift «Physical Review Letters».

Elpasolith ist ein glasiges, transparentes, glänzendes und weiches Mineral mit kubischer Kristallstruktur. Erstmals entdeckt im El Paso County (USA), kann man...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einsteins Geburtsstadt wird für eine Woche Hauptstadt der Physik

23.09.2016 | Veranstaltungen

Industrie und Wissenschaft diskutieren künftigen Mobilfunk-Standard 5G auf Tagung in Kassel

23.09.2016 | Veranstaltungen

Fachgespräch Feste Biomasse diskutiert Fragen zum Thema "Qualitätshackschnitzel"

23.09.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Korallenthermometer muss neu justiert werden

23.09.2016 | Biowissenschaften Chemie

Doppel-Infektion macht Erreger aggressiver

23.09.2016 | Biowissenschaften Chemie

Synthese-chemischer Meilenstein: Neues Ferrocenium-Molekül entdeckt

23.09.2016 | Biowissenschaften Chemie