Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Spiralen im Kopf: wie Neuroradiologen Hirnblutungen verhindern

19.05.2004


Ein neues minimal-invasives Verfahren erspart Patienten mit einer Gefäßaussackung (Aneurysma) im Gehirn die Operation. Winzige Spiralen dichten die lebensbedrohliche Blutblase ab. Das Verfahren ist der herkömmlichen Operation ebenbürtig, berichten Experten auf dem 85. Deutschen Röntgenkongress in Wiesbaden.



Unmittelbar einsetzende Kopfschmerzen, ein kurzer Ohnmachtsanfall und ständig zunehmende neurologische Ausfälle wie Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen - so können sich plötzlich auftretende Blutungen ins Schädelinnere - so genannte Subarachnoidalblutungen - bemerkbar machen. In neun von zehn Fällen liegt diesen Blutungen die Aussackung an einer Schwachstelle einer Hirnarterie zugrunde, ein so genanntes Aneurysma. "Die Behandlung dieser äußerst lebensbedrohlichen Blutblasen im Gehirn kann heute viel schonender erfolgen, als noch vor wenigen Jahren", sagt Professor Michael Forsting vom Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Leiter der Abteilung Neuroradiologie der Universitätsklinik Essen. Um die mitunter auch zufällig entdeckten Aneurysmen zu entschärfen, müssen die Ärzte nur noch in Ausnahmefällen den Schädel in einer Operation öffnen, sich einen Weg durch das empfindliche Hirngewebe bahnen und das Aneurysma mit einer Metallklammer "abklippen".

... mehr zu:
»Aneurysma


Statt dessen setzen Forsting und seine Oberärztin Dr. Isabel Wanke auf die endovaskuläre Therapie, einen minimalinvasiven Eingriff, bei dem das Aneuryma zunächst von innen mit einem Mikrokatheter sondiert wird. Durch einen kleinen Schnitt in die Leistenarterie führen die Ärzte den Mikrokatheter ein und schieben ihn mit einem Führungskatheter über die Bauchschlagader bis ins Gehirn vor.

"Coiling statt Clipping" heißt dann die Devise, wenn das Aneurysma während des einstündigen Eingriffs mit winzigen Platinspiralen ("Coils") ausgestopft und abgedichtet wird.

Vorzeitiger Studienabbruch aus ethischen Gründen. Erst vor sieben Jahren wurde die Methode in Deutschland eingeführt. "Bei einer großangelegten internationalen Untersuchung mit 2100 Patienten erwies sich das Coiling gegenüber dem Clipping als wesentlich risikoärmer", berichtet Forsting. "Studienleiter Andrew Molyneux von der Universität Oxford beendete die Studie im Herbst 2003 vorzeitig, weil er es für unethisch hielt, Patienten, die dafür in Frage kommen, nicht mit der sanfteren Methode zu behandeln - und so etwas geschieht in der Medizin äußerst selten."

Versorgungsdefizite. Inzwischen wird in Essen pro Tag im Durchschnitt ein Patient behandelt - mehr als irgendwo sonst in Deutschland. Auch an den Universitätskliniken Hamburg und München wird das "Coiling" zunehmend häufiger eingesetzt. Bei jährlich schätzungsweise 5500 bis 8000, durch Aneurysmen ausgelösten Subarachnoidalblutungen alleine in Deutschland, kann indes längst nicht jeder Patient mit dem neuen Verfahren behandelt werden. "Die Technik muss ausgeweitet werden, es müssen sich neben den ganz großen Zentren auch solche bilden, die 40 bis 50 Aneurysmen pro Jahr versorgen. "Man sollte einen kreativen Blick auf die Landkarte werfen und Kliniken mit großen Neurologischen und Neurochirurgischen Abteilungen identifizieren und dort dann neuroradiologische Experten einstellen" fordert Forsting.

Dem standen bislang noch die Bedenken einiger Kritiker entgegen, die darauf hingewiesen hatten, dass die minimal invasiven Eingriffe mit den Platinspiralen zwar risikoärmer sind als Operationen am offenen Gehirn, dafür aber eine etwas höhere Quote von Nachblutungen haben.

Gewaltiger Sprung nach vorn. Ergebnisse aus einer klinischen Studie mit annähernd 100 Patienten, die die Universitätsklinik Essen in Kooperation mit einem französischen Zentrum durchgeführt hat, zeigen nun, dass auch die Gefahr neuer Blutungen beim Coiling nicht höher sein muss, als nach einer Operation am offenen Schädel. Zu verdanken ist dies laut Forsting einer neuen Art von spezialbeschichteten Platinspiralen, den so genannten Hydrocoils. Sie tragen auf dem Platin ein neues, extrem saugfähiges Material, mit dem das Aneurysma offensichtlich ebenso gut abgedichtet werden kann, wie bei einer offenen Operation. Dies sei nochmals ein gewaltiger Sprung nach vorne, sagt Forsting. Die Kosten der neuen Spiralen seien zwar höher, dem stünden jedoch Einsparungen durch die verringerten Liegezeiten für die Patienten gegenüber, die vor allem weniger lang auf der Intensivstation bleiben müssen. Einer amerikanischen Untersuchung zufolge kostet das "Coiling" etwa 20000 Dollar (16500 Euro) pro Patient, während eine Operation am offenen Gehirn mit Gesamtkosten von annähernd 35000 Dollar (29200 Euro) zu Buche schlägt.

Pressestelle
Barbara Ritzert, ProScience Communications GmbH, Andechser Weg 17, 82343 Pöcking
Tel. 08157/9397-0, Fax: 08157/9397-97, ritzert@proscience-com.de
Pressestelle während der Tagung:
Regine Schulte Strathaus, Büro 3, II. OG., Rhein-Main-Hallen
Tel: 0611/144-203, Fax: 0611-144-403

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://awmf.org

Weitere Berichte zu: Aneurysma

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Chancen für die Behandlung von Kinderdemenz
24.07.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

Recherche-Reise zum European XFEL und DESY nach Hamburg

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Lupinen beim Trinken zugeschaut – erstmals 3D-Aufnahmen vom Wassertransport zu Wurzeln

24.07.2017 | Biowissenschaften Chemie