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Zunahme von Syphilis-Erkrankungen

19.04.2004


Nahezu eine Generation von Ärzten hat außerhalb der Lehrbücher kaum noch Syphilis-Erkrankten gesehen, nachdem die Krankheit in den 90er Jahren in Westeuropa bereits fast ausgestorben schien. Doch seit einigen Jahren werden auch in Deutschland wieder zunehmend Neuerkrankungen festgestellt, das Robert Koch-Institut (RKI) registrierte im Jahr 2002 2.275 Fälle der Geschlechtskrankheit, rund 720 mehr als noch im Jahr 2001. In Deutschland gehört Syphilis (Lues) zu den meldepflichtigen Krankheiten. Die Zunahme ist auch in der Dermatologischen Klinik am Klinikum der Universität München deutlich spürbar, jährlich sind etwa 40, in dem ersten Quartal dieses Jahres schon 16 Patienten meldepflichtig. Der Großteil der Patienten stellt sich im Anfangsstadium der Krankheit vor.



Die Zunahme geht vor allem auf Infektionen bei homosexuellen Männern zurück. Die Angst vor Geschlechtskrankheiten scheint wieder abzunehmen. Nachdem sich in den 90er Jahren viele aus Furcht vor dem HIV-Virus ausreichend vor Ansteckung schützten, ermöglicht der Verzicht auf den geschützten Geschlechtsverkehr allen sexuell übertragbaren Krankheiten, sich wieder auszubreiten. Syphilis ist eine Geschlechtskrankheit, die durch das Bakterium Treponema pallidum übertragen wird. Syphilis verläuft in mehreren Stadien und war früher wegen der Erkrankung des Nervensystems im vierten Stadium gefürchtet. Seit der Entdeckung der Antibiotika Salvarsan im Jahr 1909 und Penicillin 1928 kann man sie gut behandeln. Ohne Therapie führt sie oft zu chronischem Leiden und Tod. Syphilis wird durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen. Eine Mutter kann ihr ungeborenes Kind auf dem Blutweg anstecken, wenn sie sich während der Schwangerschaft mit Syphilis infiziert. Häufig führt dies zu einer Fehlgeburt im fünften Monat oder das Kind kommt missgebildet auf die Welt.



Der Krankheitsverlauf

Wenn die Syphilis nicht behandelt wird, zeigt sie sich in einem typischen Ablauf von vier Krankheitsstadien.

Erstes Stadium (Primärstadium): Drei bis vier Wochen nach der Ansteckung erscheint an der Stelle, an der die Bakterien in die Haut oder Schleimhaut eingedrungen sind, ein schmerzloses Geschwür. Das Geschwür entsteht am Penis, an den Schamlippen oder in der Scheide. Bei Oralverkehr findet man es auch im Mund oder Rachen und bei Analverkehr im Enddarm. Das Geschwür ist gerötet und sondert eine farblose Flüssigkeit ab, die sehr viele Erreger erhält und hochansteckend ist. Ein bis zwei Wochen später schwellen die benachbarten Lymphknoten an. Auch unbehandelt heilen die Geschwüre von selbst nach einigen Wochen ab.

Zweites Stadium (Sekundärstadium): Acht Wochen nach der Ansteckung kommt es oft zu grippeartigen Beschwerden wie Fieber, Abgeschlagenheit oder Kopf- und Gliederschmerzen. Die Lymphknoten am ganzen Körper sind vergrößert. Nach zehn Wochen erscheint bei den meisten Erkrankten ein Hautausschlag. Zunächst sind es nur schwachrosa gefärbte Flecken, die sich in derbe, kupferfarbene Knötchen (Papeln) verwandeln. Aus breiten Papeln, die besonders in Hautfalten auftreten, ist die austretende Flüssigkeit wiederum hoch infektiös. Seltener treten auch Schleimhautveränderungen im Mund und an den Genitalien auf. Manchen Patienten fallen die Haare aus. Alle Hauterscheinungen heilen nach ungefähr vier Monaten ab. Unbehandelt kommen sie aber innerhalb verschiedener Zeitabständen wieder.

Stillstand (latente Phase): Für viele Erkrankte kann die Syphilis jetzt zu einem Stillstand kommen, der jedoch jederzeit, nach Monaten oder Jahren unterbrochen werden kann und dann zur Spätsyphilis führt. Die Erreger sind jedoch immer noch im Körper des Betroffenen. Er ist somit immer noch ansteckend, auch wenn diese Gefahr sinkt, je länger der Patient beschwerdefrei bleibt.

Drittes Stadium (Tertiärstadium): Drei bis fünf Jahre später sind nicht nur Eintrittspforte, Lymphknoten und Haut befallen. Die Erreger haben sich im ganzen Körper ausgebreitet und auch innere Organe befallen wie Blutwege, Luftwege, Rachen, Speiseröhre, Magen, Leber, Knochen, Muskeln. Es bilden sich Knoten, die oft gummiartig verhärtet sind. Auf der Haut bilden sie mitunter große Geschwüre, am Gaumen entsteht unter Umständen ein Loch zur Nasenhöhle. Wenn diese Knoten aufbrechen, zerstören sie das umgebende Gewebe. Besonders gefährlich ist ein syphilitischer Knoten an der Hauptschlagader. Er führt hier zu einer Aussackung (Aortenaneurysma), das sehr leicht zerreißen kann und zur Verblutung führt.

Viertes Stadium (Neurolues): Ohne Behandlung kommt es zehn bis zwanzig Jahre nach Beginn der Erkrankung zu schweren neurologischen Störungen. Ein Viertel der unbehandelten Patienten erkranken an chronischer Hirnentzündung (Syphilis cerebrospinalis), die zu Geistesschwachsinn führt. Weiter wird das Rückenmark und seine austretenden Nerven so geschädigt, dass die Patienten zunächst Schmerzen haben, dann Schmerz und Temperatur nicht mehr wahrnehmen. Das Gehen und die Kontrolle über Blase und Darm sind gestört. Am Ende sind die Patienten gelähmt. Dieser Verlauf wird in den westlichen Ländern dank ausreichender Therapie mit Antibiotika nur noch selten beobachtet.

Ein rascher Verlauf durch alle Stadien der Erkrankung wird bei Patienten mit einer Immunschwäche (zum Beispiel HIV) beobachtet.

S. Nicole Bongard | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenchen.de

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