Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kinder-Ozon-Studie Baden-Württemberg

25.04.2001


Messung der Lungenvolumen in Ozongebieten zeigt kein Langzeitrisiko

In einer breit angelegten Studie haben Mediziner des Universitäts-Kinderklinik

Freiburg unter Leitung von Privatdozent Dr. med. Joachim Kühr und Prof. Dr. med. Johannes Forster Langzeitwirkungen der Ozon-Einatmung im Frühjahr und Sommer auf das Lungenwachstum von Kindern erforscht. Über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren (März 1996 bis Oktober 1999) wurden insgesamt 1101 Kinder aus sechs Gebieten Baden-Württembergs (Aalen, Ehingen, Freudenstadt und Orte in der Umgebung, Tuttlingen, Villingen, Welzheim) mit überwiegend geringem industriellem Luftschadstoff-Ausstoß untersucht. Die Kinder waren zu Studienbeginn im Durchschnitt
8 Jahre alt. Das wissenschaftliche Projekt wurde von Seiten des Landes Baden-Württemberg über das Forschungszentrum Karlsruhe finanziell gefördert.
Fazit der Studie: Baden-Württembergische Schulkinder unterliegen keinem zusätzlichen Langzeitrisiko im Hinblick auf die Lungenvolumen-Entwicklung, wenn sie in einem Gebiet mit höheren sommerlichen Ozonwerten leben. Dies gilt auch für Kinder mit Pollenallergie oder Bronchialasthma als Vorerkrankung.

Die Hauptannahme vor Beginn der Studie war, dass es bei Verdopplung der Ozon-Durchschnittswerte im Frühjahr und Sommer zu einem deutlichen Zurückbleiben der normalen wachstumsbedingten Lungenvolumen-Zunahme kommt. Da in Baden-Württemberg keine "Niedrig-Ozongebiete" zur Auswahl standen, wurde auf ein Gebiet in Niederösterreich zugegriffen, wo in einer Vergleichsstudie 1150 Kinder gleichen Alters und mit gleichen Methoden wie in Baden-Württemberg ebenfalls über 3,5 Jahre untersucht wurden.

Das Studienteam der Universitäts-Kinderklinik Freiburg, bestehend aus Ärztinnen, Ärzten und medizinischen Doktoranden, traf in allen Orten auf großes Interesse bei Kindern, Eltern und Lehrern. Auch Schulämter und Ortsverwaltungen unterstützten das Vorhaben. Jeder Ort und jede Schule wurde in den 3,5 Jahren insgesamt elf Mal, jeweils für ein bis drei Tage, besucht. Die praktischen Arbeiten konnten größtenteils in den Schulräumen durchgeführt werden.

Die wachstumsbedingte Lungenvolumen-Entwicklung wurde bei den Kindern mit Hilfe von Lungenfunktionstests gemessen. Außerdem führten das Freiburger Studienteam mehrfach Fragebogen-Aktionen und Allergietests durch. Die Ozonwerte in den Untersuchungsorten waren anhand routinemäßig gemessener Daten der Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg bzw. der UMEG bekannt.

Für die statistische Auswertung wurde die Zunahme des Ausatemvolumens für die Zeit von Frühjahr bis Herbst (Sommer-Intervalle) und von Herbst bis Frühjahr (Winter-Intervalle) bestimmt. Demgegenüber gestellt wurde die Ozonstufe des Wohnortes des Kindes (Zuteilung der Orte zu den Stufen: hoch, mittel, niedrig). In den ersten beiden Sommer-Intervallen und in der zusammengefassten Auswertung aller vier Sommer-Intervalle zeigten sich für die Ozonstufe "niedrig" verglichen mit der Stufe "hoch" geringfügig höhere Zunahmen. D.h. in Orten mit höheren Ozonwerten (u.a. Welzheim und Freudenstadt) nahm das Ausatemvolumen weniger zu als in Orten mit niedrigeren Ozonwerten (Orte in Niederösterreich). Jedoch war dies in den ersten beiden Winter-Intervallen und in der zusammengefassten Auswertung aller drei Winter umgekehrt: d.h., in den Ozon-ärmeren Jahreszeiten war die Volumen-Zunahme in den Orten mit höheren Ozonwerten höher als in denen mit niedrigeren Ozonwerten. Dies bestätigte sich auch, als bei der Auswertung auf die örtlichen Ozon-Messwerte zurückgegriffen wurde. Innerhalb von Baden-Württemberg ist die Lungenentwicklung anhand des Ausatemvolumens in Orten mit höheren Werten nicht wesentlich verschieden von den Orten mit "mittleren" Ozon-Werten (Aalen, Ehingen, Tuttlingen, Villingen).
Die Langzeit-Beobachtungen über 3,5 Jahre haben ergeben, dass in Gebieten mit höherer Ozon-Immission die Lungenvolumen-Zunahmen in Frühling-Sommerhalbjahren im Durchschnitt leicht geringer ausfallen als in Gebieten mit niedriger Ozonbelastung, und dass dies sich in Herbst-Winterhalbjahren umkehrt.

Die Studie war nicht zur Beurteilung akuter Auswirkungen sehr hoher
Ozonbelastungen (wie Augen- und Atemwegsreizungen) konzipiert worden, sondern sie untersuchte Langzeitwirkungen - auf diesem Hintergrund belegen die Studienergebnisse zwar zum einen die Existenz sommerlicher Wirkungen hoher Ozonwerte auf die Atemvolumina bei Kindern, sie machen jedoch zum anderen anhand längerfristiger durchschnittlicher Maßzahlen deutlich, dass die Entwicklungen im Rahmen der Ozon-reichen Monate (Frühling-Sommerhalbjahre) durch gegenläufige Entwicklungen in Ozon-armen Monaten (Herbst-Winterhalbjahre) wieder ausgeglichen werden.
Die Auswertung im Bezug auf mögliche Risikogruppen ergab keinen Hinweis, dass Kinder mit Pollenallergie oder Asthma bronchiale im längerfristigen Verlauf über 3,5 Jahre stärker mit Lungenvolumen-Änderungen reagieren als Kinder, die von diesen Krankheiten nicht-betroffen sind.

Als Fazit der Studie ist festzuhalten: Baden-Württembergische Schulkinder unterliegen keinem zusätzlichen Langzeitrisiko im Hinblick auf die Lungenvolumen-Entwicklung, wenn sie in einem Gebiet mit höheren sommerlichen Ozonwerten leben. Dies gilt auch für Kinder mit Pollenallergie oder Bronchialasthma als Vorerkrankung.

Kontakt:
Privatdozent Dr. Joachim Kuehr
Telefon 0761-270 4301, FAX 0761-2704450
E-Mail kuehr@kikli.ukl.uni-freiburg.de

Leiter Kommunikation und Presse Rudolf-Werner Dreier | idw

Weitere Berichte zu: Lungenvolumen-Entwicklung Ozonwert Pollenallergie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - September 2017

17.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

1,4 Millionen Euro für Forschungsprojekte im Industrie 4.0-Kontext

20.07.2017 | Förderungen Preise

Von photonischen Nanoantennen zu besseren Spielekonsolen

20.07.2017 | Physik Astronomie

Bildgebung von entstehendem Narbengewebe

20.07.2017 | Biowissenschaften Chemie