Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wissenschaftler entdecken, warum Baldrian beruhigt

09.02.2004


Schon Hippokrates wusste: Baldrian beruhigt und fördert den Schlaf. Bislang war aber nicht bekannt, wie die Heilpflanze genau wirkt. Pharmazeuten der Universität Bonn haben nun einen Inhaltsstoff identifiziert, der wahrscheinlich für den sedierenden Effekt mit verantwortlich ist. Die Substanz aus der Gruppe der Lignane bindet an bestimmte Rezeptoren im Gehirn, die den Wach-Schlaf-Rhythmus steuern. Koffein wirkt auf den selben Rezeptortyp, bewirkt allerdings das Gegenteil. Die Forscher versuchen nun, den Wirkstoff in vereinfachter Form chemisch nachzubauen und dabei noch effektiver zu machen.


Professor Müller und Dr. Jörg Hockemeyer bei der Extraktion.



Im Gehirn wirken verschiedene Müdemacher; einer davon ist der Botenstoff GABA. Bislang vermutete man, dass Baldrian irgendwie in den GABA-Regelkreis eingreift. Dabei gibt es auch noch ein ganz anderes "Müdigkeits-Molekül", das Adenosin: "Adenosin induziert Schlaf", sagt Christa Müller, Professorin für Pharmazeutische Chemie in Bonn. "Wenn man Tiere dauerhaft wach hält, häuft es sich in ihrem Gehirn mehr und mehr an." Das Molekül bindet an bestimmte Nervenzell-Rezeptoren, die Adenosin-Rezeptoren vom Typ A1. Damit setzt es eine Kettenreaktion in Gang und macht letztlich schläfrig. Sein Gegenspieler Koffein kann an dieselben Rezeptoren andocken. Ähnlich wie ein falsches Puzzleteil nicht zum richtigen Bild führt, blockiert Koffein jedoch lediglich A1-Rezeptoren, bewirkt dort aber keine Reaktion. Folge für den Kaffeetrinker: Er wird wach.

... mehr zu:
»Adenosin »Rezeptor


"Entspannte" Hirnströme

Als Professor Müller auf eine Publikation stieß, in der beschrieben wurde, dass Baldrian-Extrakt an Adenosin-Rezeptoren binden kann, wurde sie daher hellhörig. "Wir wiederholten die Versuche und konnten bestätigen, dass wässrig-alkoholische Vollextrakte aus der Baldrianwurzel zumindest im Gehirn von Ratten an den A1-Rezeptor binden können. Außerdem konnten wir erstmals zeigen, dass der Extrakt die Rezeptoren aktiviert, ähnlich wie Adenosin. Versuche mit gentechnisch produzierten menschlichen Rezeptoren ergaben ein ähnliches Ergebnis." Nun zeigte sich auch die Schweizer Pharma-Firma Zeller interessiert. In einer klinischen Studie maßen Zeller-Forscher die Hirnströme von knapp 50 Versuchspersonen. Nach Koffeingabe verflachten die Alpha-Wellen, die Entspannung signalisieren; die Beta-Wellen, Anzeichen für Nervosität, wurden im Gegenzug ausgeprägter. Die Einnahme von Baldrianextrakt neutralisierte diesen Effekt - ein weiterer Hinweis, dass die Pflanze tatsächlich auf den A1-Rezeptor wirkt.

Welcher Inhaltsstoff an die Rezeptoren andockt, wussten die Bonner damit aber noch nicht. Kontakte zu einer Marburger Arbeitsgruppe brachten sie schließlich auf die richtige Spur. Die Forscher von der Lahn hatten nachgewiesen, dass Baldrian verschiedene Verbindungen aus der Gruppe der Lignane enthält. Lignane sind Naturstoffe, die in vielen höheren Pflanzen vorkommen. Zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Dr. Britta Schumacher dröselte Müller die Lignan-Fraktionen weiter auf. "Dabei entdeckten wir eine bislang unbekannte Verbindung, die an den A1-Rezeptor andocken kann und dort eine ähnliche Reaktion hervorruft wie Adenosin."

Adenosin ist schlecht für’s Herz>

Adenosin selbst eignet sich nicht als Beruhigungsmittel, denn es wird innerhalb von Sekunden abgebaut. Stabile Adenosin-Derivate sind ebenfalls problematisch: Da es im Herzmuskel auch A1-Rezeptoren gibt, allerdings viel weniger als im Gehirn, können sie zu einer Herzmuskellähmung führen. "Unser Lignan ist dagegen ein partieller Agonist, das heißt, es entfaltet nur bei der hohen Rezeptordichte im Gehirn seine Wirkung", erklärt die Professorin. Spezielle Transportmoleküle scheinen zudem dafür zu sorgen, dass das Lignan besonders gut ins Gehirn gelangt.

Warum sich das Lignan überhaupt mit dem A1-Rezeptor verträgt, ist noch völlig unklar - die Substanz hat kaum Ähnlichkeit mit Adenosin. Die Bonner Forscher wollen nun versuchen, das Molekül so zu verkleinern, dass nur der für die Wirkung wesentliche Teil übrig bleibt. "Dann können wir daran gehen, diesen Rest im Labor nachzubauen und eventuell so zu verändern, dass er noch wirksamer wird."


Ansprechpartnerin:
Professor Dr. Christa Müller
Pharmazeutisches Institut der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-2301
E-Mail: christa.mueller@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2004.html
http://www.pharma.uni-bonn.de/pharmchem

Weitere Berichte zu: Adenosin Rezeptor

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Therapieansätze bei RET-Fusion - Zwei neue Inhibitoren gegen Treibermutation
26.06.2017 | Uniklinik Köln

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wellen schlagen

Computerwissenschaftler verwenden die Theorie von Wellenpaketen, um realistische und detaillierte Simulationen von Wasserwellen in Echtzeit zu erstellen. Ihre Ergebnisse werden auf der diesjährigen SIGGRAPH Konferenz vorgestellt.

Denkt man an einen See, einen Fluss oder an das Meer, so sieht man vor sich, wie sich das Wasser kräuselt, wie Wellen gegen die Felsen schlagen, wie Bugwellen...

Im Focus: Making Waves

Computer scientists use wave packet theory to develop realistic, detailed water wave simulations in real time. Their results will be presented at this year’s SIGGRAPH conference.

Think about the last time you were at a lake, river, or the ocean. Remember the ripples of the water, the waves crashing against the rocks, the wake following...

Im Focus: Schnelles und umweltschonendes Laserstrukturieren von Werkzeugen zur Folienherstellung

Kosteneffizienz und hohe Produktivität ohne dabei die Umwelt zu belasten: Im EU-Projekt »PoLaRoll« entwickelt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen gemeinsam mit dem Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik UMSICHT und sechs Industriepartnern ein Modul zur direkten Laser-Mikrostrukturierung in einem Rolle-zu-Rolle-Verfahren. Ziel ist es, mit Hilfe dieses Systems eine siebartige Metallfolie als Demonstrator zu fertigen, die zum Sonnenschutz von Glasfassaden verwendet wird: Durch ihre besondere Geometrie wird die Sonneneinstrahlung reduziert, woraus sich ein verminderter Energieaufwand für Kühlung und Belüftung ergibt.

Das Fraunhofer IPT ist im Projekt »PoLaRoll« für die Prozessentwicklung der Laserstrukturierung sowie für die Mess- und Systemtechnik zuständig. Von den...

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Marine Pilze – hervorragende Quellen für neue marine Wirkstoffe?

28.06.2017 | Veranstaltungen

Willkommen an Bord!

28.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Maßgeschneiderte Nanopartikel gegen Krebs gesucht

29.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wolken über der Wetterküche: Die Azoren im Fokus eines internationalen Forschungsteams

29.06.2017 | Geowissenschaften

Wellen schlagen

29.06.2017 | Informationstechnologie