Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wissenschaftliche Überprüfung neuer operativer Verfahren

06.02.2004


Heidelberger Chirurgen plädieren für die wissenschaftliche Überprüfung neuer operativer Verfahren / Klinisches Studiencentrum seit zwei Jahren aktiv



Neue chirurgische Operationsverfahren sollten vor der Einführung wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit überprüft werden. Dafür plädieren Heidelberger und Marburger Chirurgen in der aktuellen Ausgabe des "Deutschen Ärzteblatts". Als Beleg führen sie u.a. eine wissenschaftliche Studie an, die scheinbare Vorteile der weitverbreiteten "Schlüsselloch-Chirurgie" im Vergleich zur konventionellen Entfernung der Gallenblase eindeutig widerlegt hätten. An der Heidelberger Chirurgischen Universitätsklinik besteht seit 2002 das Klinische Studiencentrum (KSC), das mittlerweile mehr als 300 Patienten in 20 wissenschaftlichen Studien betreut.

... mehr zu:
»Chirurgie »Scheinoperation


Für neue Arzneimittel und technische Geräte, z.B. Herzschrittmacher, ist es gesetzlich vorgeschrieben: Sie müssen in umfangreichen Studien auf Wirkungen und Nebenwirkungen getestet werden, bevor sie Einzug in die klinische Praxis halten dürfen. Für neue Operationsmethoden gilt dies nicht. Hier zählt vor allem die nachträglich gemessene Erfolgsbilanz; wissenschaftliche Studien sind in der Chirurgie eine Rarität. "Nur 2,8 Prozent aller kontrollierten klinischen Studien befassen sich mit chirurgischen Verfahren", bemängelt Prof. Dr. Dr. h.c. Markus W. Büchler, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemein- und Viszeralchirurgie der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg.

Vorbehalte gegenüber "Verblindung" von chirurgischen Patienten

Die Vorbehalte gegenüber der wissenschaftlich fundierten, "evidenzbasierten" Chirurgie sind nach wie vor groß, insbesondere in Deutschland. Chirurgische Verfahren eigneten sich nicht für eine wissenschaftliche Überprüfung, da dabei Patienten noch Ärzte "verblindet" werden müssen, also nicht wissen, ob die zu untersuchende Therapie tatsächlich angewandt worden ist. Chirurgische Verfahren ließen sich kaum ohne Wissen des Patienten durchführen, meinen die Kritiker. Zudem werden ethische Bedenken, Scheinoperationen durchzuführen und wirksame Verfahren den Patienten dadurch vorzuenthalten, angeführt.

Ein sorgfältige ethische Abwägung schließt, wie Studien im Ausland belegt haben, die wissenschaftliche Überprüfung nicht aus. Vielmehr erscheint den Heidelberger Chirurgen der Verzicht auf eine wissenschaftliche Überprüfung letztlich ethisch fragwürdig, da der breite Einsatz ungeprüfter Verfahren dem Patienten schaden könne.

Voraussetzungen für kontrollierte wissenschaftliche Studien sind: Das chirurgische Verfahren wird mit einer bereits etablierten Therapiemethode verglichen oder eine Scheinoperation kann ohne große Risiken für den Patienten durchgeführt werden, erklärt der Chirurg und Epidemiologe, Dr. Christoph Seiler, der gemeinsam mit Dr. Hanns-Peter Knaebel das Heidelberger Studiencentrum leitet. Neue Verfahren sollten nur ohne Überprüfung eingeführt werden, wenn von ihnen nach dem "Alles-oder-Nichts-Prinzip" eine wesentliche Verbesserung für den Patienten zu erwarten sei.

Spektakulär sind die Ergebnisse von drei wissenschaftlichen Studien aus dem Ausland, die einige Dogmen der operativen Medizin ins Wanken gebracht haben: So unterzogen sich Patienten mit chronischen Bauchschmerzen, die infolge von Darmverwachsungen nach Bauchoperationen aufgetreten waren, nur scheinbar einer Operation, bei der die Verwachsungen gelöst wurden. Nach einem Jahr war das Befinden und die Lebensqualität der Scheinoperierten nicht schlechter als das einer Vergleichsgruppe von Patienten, die tatsächlich operiert worden waren. Ähnliche Ergebnisse erzielten chirurgische Placebo-Studien, die die Wirksamkeit der Arthroskopie bei Gelenkschmerzen und der Entfernung der Prostata bei Krebs wissenschaftlich im Vergleich zur Placebo-Therapie überprüft hatten.

Chirurgische Eingriffe haben auch einen Placebo-Effekt

"Chirurgische Eingriffe haben ebenso einen Placebo-Effekt wie Medikamente", erklärt Dr. Seiler. Allein das Umfeld und die Tatsache, dass ein Eingriff vorgenommen wird, sowie die Erwartungshaltung von Arzt und Patient scheinen sich auf das Befinden des Patienten und die Einschätzung des Arztes auszuwirken. Deswegen sollten die Behandlungsergebnisse nicht nur von demjenigen Arzt erhoben werden, der die Operation durchgeführt hat, empfiehlt Dr. Seiler.

Nicht nur die Heidelberger Chirurgen haben die Bedeutung des Umdenkens erkannt. Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie hat im vergangenen Jahr die Gründung eines Studienzentrums für Chirurgie beschlossen, das kontrollierte Studien, an dem mehrere deutsche Zentren teilnehmen können, plant, durchführt und auswertet. Alle chirurgischen Kliniken in Deutschland sind aufgerufen, Studien vorzuschlagen und daran teilzunehmen. Die Heidelberger Expertise soll dabei intensiv genutzt werden.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Dr. h.c. Markus W. Büchler
Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemein- und Viszeralchirurgie
der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg
Tel. 06221 - 56-6201 (Sekretariat, Frau Alffermann)

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=40392
http://www.chirurgieinfo.com/de/ksc.html
http://www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles

Weitere Berichte zu: Chirurgie Scheinoperation

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie