Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ursache für besondere Bösartigkeit mancher Tumoren entschlüsselt

24.11.2003


Bestimmte Krebserkrankungen lassen sich anfangs gut mit Bestrahlung oder Chemotherapie bekämpfen, sprechen mit der Zeit aber zunehmend schlechter auf die Behandlung an. Wie Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum nun herausgefunden haben, liegt die Ursache dieser so genannten Therapieresistenz in zahlreichen Defekten des genetischen Selbstvernichtungsprogramms der Krebszellen.



Selbstmord als natürliche Notbremse

... mehr zu:
»Caspasen »Krebszelle »Tumorzelle


Die molekularen Ursachen der Therapieresistenz haben Privatdozentin Dr. Ingrid Herr und Professor Peter Krammer vom Deutschen Krebsforschungszentrum sowie Professor Klaus-Michael Debatin von der Kinderklinik Ulm erstmals im Detail untersucht. Zusammen mit Stella Okouoyo, Dr. Jürgen Mattern und weiteren Heidelberger Kollegen bestätigten sie, was bereits seit längerer Zeit vermutet wird: Bei therapieresistenten Tumorzellen ist der Selbstzerstörungsmechanismus gestört, der allen Körperzellen genetisch einprogrammiert ist. Als eine Art natürliche Notbremse dient dieses Selbstmordprogramm dazu, geschädigte Zellen zu beseitigen, bevor sie zu hemmungslos wuchernden Krebszellen entarten können. Auch Krebstherapien nutzen diesen Mechanismus, indem sie Tumorzellen durch Bestrahlung oder Chemotherapeutika schädigen und dadurch in den Selbstmord treiben.

Mäuse als Krebspatienten

Da sich die molekularen Mechanismen der Therapieresistenz nicht an Patienten studieren lassen, pflanzten die Krebsforscher Mäusen menschliches Lungentumorgewebe unter die Haut und untersuchten an diesem Modell, wie sich wiederholte Chemotherapie auf die Tumoren auswirkt. Erwartungsgemäß starben zunächst viele Tumorzellen ab, doch nach mehreren Therapiezyklen wuchsen die Krebsgeschwülste immer schneller. Die Krebszellen wurden also resistent, genau wie man es von Lungenkrebspatienten kannte. Um einen Anhaltspunkt für den Resistenzmechanismus zu finden, analysierte die Forschergruppe die Aktivität von mehr als tausend Genen in den Tumorzellen. Es stellte sich heraus, dass resistente Tumorzellen ihre verhängnisvolle Überlebensfähigkeit nicht wie angenommen einem Defekt in einzelnen Selbstmordgenen verdanken. Vielmehr ist die lange Befehlskette, welche letztlich zum Selbstmord führt, an vielen Stellen gestört. Die Folge: Das Selbstmordprogramm stürzt gewissermaßen ab und die entscheidenden Komponenten am Ende des Signalwegs, so genannte Caspase-Moleküle, werden gehemmt. Durch die blockierten Selbstmord-Moleküle erlangt die Tumorzelle ihre fatale Unsterblichkeit und wird therapieresistent. Die Heidelberger Wissenschaftler vermuten, dass ihre an Lungentumoren gewonnen Erkenntnisse auch für andere Krebsformen gelten.

Therapie noch in weiter Ferne

Die Ergebnisse der DKFZ-Forscher zeigen, wo man ansetzen könnte, um die Therapieresistenz von Krebszellen zu brechen. "Unsere zukünftigen Therapiestrategien sollten nicht darauf abzielen, einzelne Fehler in der Signalkette des Selbstmordprogramms zu reparieren", sagt Ingrid Herr. "Erfolg versprechender wäre es, nur die blockierten Caspasen am Ende der Kette zu aktivieren." Theoretisch denkbar wäre zum Beispiel, intakte Versionen der Caspasen zu verabreichen, um so die zahlreichen anderen Defekte im Selbstmordprogramm zu überbrücken. Allerdings liegt die medizinische Anwendung solcher gentherapeutischen Methoden noch in weiter Ferne. Vorher gilt es, die derzeitigen Probleme der Gentherapie zu überwinden. So ist es zurzeit nicht möglich, Gene effektiv und gezielt in menschliche Zellen einzuschleusen, ohne unter Umständen lebensbedrohliche Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen.

Stella Okouoyo, Kerstin Herzer, Esat Ucur, Jürgen Mattern, Peter H. Krammer, Klaus-Michael-Debatin und Ingrid Herr, Rescue of Death Receptor and Mitochondrial Apoptosis Signaling in Resistant Human NSCLC In Vivo, International Journal of Cancer

Dr. Julia Rautenstrauch | idw
Weitere Informationen:
http://www3.interscience.wiley.com/cgi-bin/fulltext/106563366/HTMLSTART

Weitere Berichte zu: Caspasen Krebszelle Tumorzelle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf
06.12.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie