Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Brain-Imaging: Faszinierende Forschungen verändern Psychiatrie nachhaltig

20.11.2003


Neue bildgebende Verfahren bringen Verhalten und Hirnfunktionen in Verbindung



Die Einführung von bildgebenden Verfahren in die Psychiatrie und Psychotherapie eröffnet ungewöhnliche Möglichkeiten, Strukturen und Funktionen des Zentralnervensystems darzustellen und zu verstehen. Das Forschungsgebiet, das zunehmend Bestandteil von Diagnostik und Therapie psychischer Störungen wird, nennt sich Brain-Imaging oder auch Neuro-Imaging. Wie Experten beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin erklärten, ermöglicht der junge Forschungszweig neue Perspektiven für das Verständnis psychischer Erkrankungen.



"Moderne bildgebende Verfahren wie die funktionelle Kernspintomographie (fMRI) gestatten faszinierenden Einblicke in die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns, von denen vor wenigen Jahren noch niemand etwas geahnt hat", erläutert Prof. Peter Falkai von der Universität des Saarlandes. So können klinische Neurowissenschaftler heute beobachten, was in den verschiedenen Hirnregionen passiert, während ein Proband lacht, spricht oder sich bewegt - und das beinahe in Echtzeit und ohne Strahlenbelastung. Damit nicht genug: Bei psychisch Kranken lassen sich an der Erkrankung beteiligte Hirnregionen sichtbar machen und der Effekt von Medikamenten oder Psychotherapien am Bildschirm nachvollziehen.

Das Gehirn - ein Mysterium

"Schon ein kurzes Klavierspiel lässt im Gehirn neue Verbindungen sprießen" - "Sehen, wie das Gehirn arbeitet" - "Bilder der Seele". So und ähnlich lauteten Schlagzeilen der vergangenen Wochen und Monate, die sich allesamt mit einem Thema beschäftigen: Der Erforschung des menschlichen Gehirns, nach wie vor eines der größten Mysterien in der Wissenschaft.

Etwa 100 Milliarden Nervenzellen mit mehr als 100 Billionen Verschaltungen (Synapsen) vollbringen in jeder Minute Höchstleistungen, denn das Gehirn ist ein äußerst plastisches Organ: Jeder Sinnesreiz führt zu neuen Eindrücken, die im Hirn mit bisher gemachten Erfahrungen abgeglichen und dann verarbeitet werden. Dies erfordert permanent neue Verknüpfungen zwischen einzelnen Nervenzellen, so genannte neuronale Verschaltungen. Der enormen Flexibilität des Gehirns haben es z.B. Schlaganfallopfer zu verdanken, dass sie ihren anfangs gelähmten Arm doch wieder bewegen können: Im Gehirn wurden neue Verbindungen geschlossen, die die Aufgaben der untergegangenen Zellen übernommen haben ("neuronale Plastizität").

Moderne bildgebende Methoden

War psychiatrische Forschung bisher vornehmlich auf indirekte Verfahren wie die Elektroenzephalographie (EEG) bei der Untersuchung normaler und gestörter psychischer Funktionsabläufe begrenzt, ermöglichen nun funktionelle bildgebende Verfahren, Verhalten und Hirnfunktionen direkt miteinander in Verbindung zu bringen. Zu diesen modernen bildgebenden Methoden gehören:

- die funktionelle Kernspin- oder Magnetresonanztomographie (fMRT)
- die Magnetresonanzspektroskopie (MRS)
- die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und die
- Single-Photonen-Emissionstomographie (SPECT).

Die größte Verbreitung hat die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) gefunden. Die fMRT ist ein indirektes Verfahren zur Messung der Hirnaktivität, das ohne Röntgenstrahlen auskommt. Im MRT wird die Sauerstoffsättigung des Blutes gemessen, aus der sich Rückschlüsse auf die Aktivität im Hirn ziehen und dreidimensional darstellen lassen. In Kombination mit weiteren Methoden wie EEG oder Ultraschall ermöglicht die fMRT den Schluss, wann welches Areal im Hirn aktiviert wird. So entstehen funktionelle und biochemische "Landkarten", aus denen sehr exakt auf die Hirnfunktion geschlossen werden kann.

Neuronale Landkarten

Mit diesen neuronalen Landkarten können Regelkreise im Hirn dargestellt und untersucht werden, die für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen von großer Bedeutung sind. Einige Experten gehen soweit, dass mit diesen neuen Untersuchungsmethoden der Brückenschlag im Verständnis von Seele und Körper gelungen ist. Auch wenn dies noch weit vorgegriffen erscheint, werden die neuen technischen Möglichkeiten das diagnostische Vorgehen in der Psychiatrie und Psychotherapie des 21. Jahrhunderts nachhaltig verändern.

"Auch auf die tägliche Beratung und Therapie werden sich die diagnostischen Fortschritte auswirken", erläutert Prof. Falkai. "So lässt sich die Behandlung von seelisch Kranken künftig auf ein stabileres Fundament objektivierbarer Befunde stellen."

Prof. Dr. Peter Falkai | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgppn-kongress2003.de

Weitere Berichte zu: Hirn Hirnfunktion Magnetresonanztomographie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie