Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mini-Katheter hilft bei ständig tränenden Augen

11.11.2003


Stetig schwimmende Augen können auf einen Engpass in den Tränenkanälen hindeuten. Etwa fünf Prozent aller Patienten, die in eine Augenklinik kommen, klagen über den lästigen Tränenfluss, der ihre Sicht beeinträchtigt und in schweren Fällen sogar einen Wechsel des Arbeitsplatzes erforderlich machen kann. Ein Mediziner an der Universität Bonn hat eine neue Methode entwickelt, dieses unangenehme Leiden zu beheben: Mit einem haarfeinen Ballonkatheter weitet er die Einschnürung; in einigen Fällen verhindert aber erst das Einbringen einer dünnen Leitschiene als Stütze (Stent), dass sich der Tränenweg wieder verschließt.


An einem naturgetreuen Kopfmodell können die Mediziner den Eingriff üben. © Stiftung caesar.



"Dieses Übel ist eines der beschwerlichsten und unangenehmsten, und umso lästiger, als es nur durch eine schmerzliche, höchst verdrießliche und unsichere Operation geheilt werden kann", klagte schon Johann Wolfgang von Goethe. Zu Lebzeiten des deutschen Dichterfürsten war das "Tränenträufeln", fachsprachlich Epiphora, nur chirurgisch zu beheben - durch einen relativ schweren Eingriff, bei dem die Mediziner eine Knochenlamelle zwischen Auge und Nase durchbrechen mussten. Anschließend fädelten sie ein Pferdehaar in die abführenden Tränenkanäle ein und bewegten es dort wie einen Pfeifenreiniger hin und her, um ein erneutes Verstopfen des Tränenapparates zu vermeiden. Heute ersetzt ein Silikonschlauch das Pferdehaar, und die Operation wird typischerweise unter Vollnarkose durchgeführt. Sie erfordert in der Regel einen mehrtägigen stationären Aufenthalt.

... mehr zu:
»Katheter »Stent »Tränenapparat


Minikatheter ersetzt Pferdehaar

"Das muss auch anders gehen", dachte sich Dr. Kai Wilhelm von der Universität Bonn schon 1994 und sann auf eine schonendere Alternativ-Methode. Als Vorbild diente ihm die Behandlung verengter Blutgefäße: Dabei schiebt man einen dünnen Schlauch, einen so genannten Katheter, unter Röntgenkontrolle durch die verengte Ader zur Einschnürung vor und pumpt ihn dort auf, um das betroffene Gefäß zu weiten. Problem: Die Tränenkanäle sind sehr viel dünner; so feine Ballonkatheter mussten erst noch konstruiert werden.

Dr. Wilhelm entwickelte daher einen speziellen Katheter, den er über die Tränenpünktchen, das sind die kleinen Einmündungen oberhalb und unterhalb des inneren Augenwinkels, in die Tränenwege einfädeln kann. Normalerweise dünner als ein Millimeter, lässt er sich auf bis zu drei Millimeter aufblasen, um den Verschluss zu sprengen. "Neuerdings verfügen wir auch über eine Stütze, die den Tränenapparat schient. Diesen so genannten Stent können wir für ungefähr einen Monat im Tränenapparat belassen. Er verhindert, dass die Tränenwege nach der Behandlung wieder zusammenschnurren", erklärt der Neuroradiologe. Der Eingriff erfolgt ambulant unter lokaler Betäubung; den richtigen Sitz von Katheter oder Stent sowie den Erfolg der Behandlung überprüft Wilhelm dann auf dem Röntgenbild.

Über 180 Patienten hat der Radiologe bereits mit der neuen Methode behandelt - mit hervorragendem Erfolg: In über 80 Prozent der Fälle konnte er die Verengung dauerhaft beseitigen. Der neue Tränenwegsstent verspricht nun auch dann Erfolg, wenn die Tränenwege durch das umgebende Gewebe sofort wieder zusammengedrückt werden. Die Krankenkassen zahlen das Verfahren noch nicht; dazu ist es wohl noch zu neu. Doch die Methode hat sich bereits herumgesprochen. Dr. Wilhelm: "Wir behandeln täglich bis zu zwei Patienten."

Frauen sind häufiger betroffen

Grund für den lästigen Tränenfluss ist meist eine chronische Entzündung der ableitenden Tränenwege. Da sie vom inneren Augenwinkel durch einen knöchernen Gang zur Nase führen, können sie sich nicht beliebig ausdehnen, sondern schwellen zu. Die Tränen können nicht mehr abfließen; die Augen schwimmen permanent wie nach einer Motorrad-Fahrt im Gegenwind. Frauen sind häufiger betroffen als Männer: Ihre Tränenwege sind feiner; außerdem können mit dem Lidschatten Pigmente in die Kanälchen gelangen und sie reizen. Ist der Durchgang einmal verstopft, können auch über Augentropfen keine Wirkstoffe mehr dorthin gelangen.

Um auch Kollegen in der neuen Technik trainieren zu können, hat der Privatdozent von Experten am Forschungszentrum caesar ein naturgetreues Kopfmodell entwickeln und herstellen lassen (siehe Abbildung). Daran können die Mediziner üben, den Katheter in die winzigen Ausgänge der Tränenwege einzufädeln. Am 14. und 15. November findet zu dieser Thematik unter der Leitung von Dr. Wilhelm und in Kooperation mit der europäischen Gesellschaft für Interventionelle Radiologie ein Workshop statt.

Ansprechpartner:

Privatdozent Dr. Kai Wilhelm
Radiologische Klinik der Universität Bonn
Telefon: 0228/287-6311 oder -6505
E-Mail: kai.wilhelm@ukb.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Berichte zu: Katheter Stent Tränenapparat

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome
28.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Die bestmögliche Behandlung bei Hirntumor-Erkrankungen
28.03.2017 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Von Agenten, Algorithmen und unbeliebten Wochentagen

28.03.2017 | Unternehmensmeldung

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit