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Nagel mit doppelter Funktion

06.11.2003


Offene Knochenbrüche sind nicht ganz ungefährlich. Noch im zweiten Weltkrieg wurde bei mindestens jedem zweiten Soldaten das gebrochene Bein oder der gebrochene Arm amputiert, um ein Eindringen von Bakterien und damit die Gefahr lebensbedrohlicher Infektionen zu verhindern. Obwohl Betroffenen dieses Schicksal heute dank großer Fortschritte bei der Behandlung und Rehabilitation erspart werden kann, kommt es nach wie vor bei etwa jedem zehnten offenen Knochenbruch zu massiven Störungen beim Heilungsprozess. Entzündungen des Knochengewebes gehören dabei immer noch zu den besonders gefürchteten Komplikationen. Um solchen Infektionen vorzubeugen, die den Patienten über Jahre hinweg große Probleme bereiten können, geht die Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des Universitätsklinikums Münster unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Raschke jetzt neue Wege: Erstmals wurde in Münster bei einem Unfallopfer mit Unterschenkelfraktur ein Antibiotikum-beschichteter Nagel implantiert.



Der Nagel erfüllt in diesem Fall also gleich zwei Funktionen: Er stabilisiert den gebrochenen Knochen und er dient gleichzeitig als "Carrier" des Antibiotikums, das auf diese Weise unmittelbar vor Ort an die Frakturstelle gebracht und dort über einen bestimmten Zeitraum kontinuierlich in hoher Konzentration freigesetzt wird. Bei dem Patienten in Münster, bei dem jetzt ein solcher bioaktiver Nagel implantiert wurde, handelt es sich um einen 36-jährigen Mann, der einen schweren Motorradunfall erlitten hat. Bei diesem Unfall hat er sich neben zahlreichen anderen schweren Verletzungen unter anderem einen komplizierten Bruch des linken Unterschenkels zugezogen. Dieser wurde zunächst auf herkömmliche Weise mit einem Nagel stabilisiert. Dieser hatte sich aber nach kurzer Zeit gelockert und musste wieder entfernt werden. Da das Risiko einer Infektion bei einer Zweitimplantation besonders hoch ist, wurde in diesem Fall statt des üblichen Nagels die beschichtete Variante implantiert. Die Heilung des Knochenbruchs macht seitdem gute Fortschritte.



Mit der jetzt erfolgten Behandlung in Münster wurden bislang weltweit erst drei solcher mit einem Antibiotikum beschichteter Nägel implantiert. Die beiden ersten Implantationen erfolgten an der Charité in Berlin ebenfalls unter der Leitung von Prof. Raschke. Bis zu seinem Wechsel nach Münster im August dieses Jahres war er an der dortigen Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie tätig, wo er mit seiner damaligen Arbeitsgruppe dieses und andere innovativer Verfahren zur Verbesserung der Frakturheilung entwickelt hat. Diese Arbeiten wird er in Münster fortsetzen. Nach den guten Ergebnissen der experimentellen Vorarbeiten und den ersten drei Implantationen beim Menschen soll jetzt unter der Leitung Raschkes eine multizentrische Studie anlaufen, um die tatsächlichen Heilerfolge zu überprüfen. Sollte sich die Ergebnisse die Erwartungen bestätigen, könnte sich das Verfahren in der Unfallchirurgie durchsetzen und zahlreichen Patienten mit offenen Knochenbrüchen das Schicksal oft jahrelanger Komplikationen ersparen und zu einer früheren Mobilisation verhelfen.

Neben der Implantation des Antibiotikum-Nagels untersuchen Raschke und seine Mitarbeiter auch weitere Möglichkeiten, um die Heilung von Knochenbrüchen zu verbessern und zu beschleunigen. Die Idee ist dabei immer die gleiche: Implantate wie Schrauben, Platten oder Nägel mit bestimmten Substanzen zu beschichten, die den Heilungsprozess fördern beziehungsweise Komplikationen vorbeugen. Ein Beispiel für solche Substanzen sind neben den Antibiotika auch so genannte Wachstumsfaktoren und Wachstumshormone, gentechnisch hergestellte körpereigene Stoffe, die die Knochenheilung beschleunigen. Im Rahmen einer internationalen Multicenter-Studie mit über 400 Patienten hat Raschke in Berlin die Auswirkung von injizierten Wachstumshormonen untersucht. Anfang nächsten Jahres rechnet er mit den Ergebnissen.

Sollten sich diese neuen Ansätze tatsächlich als erfolgreich erweisen, wäre dies neben dem unmittelbaren Nutzen für betroffene Patienten auch volkswirtschaftlich von großer Bedeutung. Denn in einer immer älter werdenden Bevölkerung steigt die ohnehin schon hohe Zahl an Unfällen mit Knochenbrüchen weiter an und damit auch die Kosten für die Behandlung von Heilungsstörungen.


Jutta Reising | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenster.de/institute/uhchir/

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