Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hypnose lindert Angst und Schmerzen bei OPs

10.10.2003


Bei Operationen, die zwar prinzipiell unter örtlicher Betäubung möglich sind, aber dem Patienten unzumatbar erscheinen, greifen Ärzte oft auf die aufwändige und risikobehaftete Vollnarkose zurück. Dass es auch anders geht, zeigt eine Studie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, die Experten beim Deutschen Schmerzkongress in Münster vorstellten: Unter Hypnose haben Patienten weniger Angst und Schmerzen. Davon profitieren auch die Ärzte.

... mehr zu:
»Betäubung »Hypnose »Vollnarkose

Ob es der Weisheitszahn ist, der entfernt werden muss, oder eine Gesichtsverletzung durch einen Hundebiss: Viele kieferchirurgische Eingriffe sind prinzipiell mit lokaler Betäubung möglich. Trotzdem werden sie häufig unter Vollnarkose durchgeführt, denn die Operation bewusst zu erleben scheint dem Patienten nicht zumutbar. Eine Alternative stellen Forscher der Klinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein / Campus Lübeck beim Deutschen Schmerzkongress 2003 vor: Sie führen - als einzige in Deutschland - jährlich ca. 200 chirurgische Eingriffe unter Hypnose durch. Eine Studie belegte nun, dass über 90 Prozent der so behandelten Patienten ihre Operation als wesentlich weniger lang und unangenehm empfanden und weniger Angst und Schmerzen hatten. "Die medizinische Hypnose eignet sich auch für andere Eingriffe, die unter lokaler Betäubung möglich sind, z. B. beim Hautarzt oder Chirurgen", so Dr. Dr. Dirk Hermes, der die Studie leitete.

Nichts geschieht gegen den Willen des Patienten


Wenn die Angst vor der Operation dem Patienten den letzten Nerv raubt, dann haben es auch die Ärzte schwer. Letzter Ausweg scheint dann die Beruhigungsspritze oder die Vollnarkose, die allerdings mit einigem Aufwand für die Mediziner und mit Risiken für den Patienten verbunden sind. Die Lübecker Studie zeigt, dass es auch anders geht. Nach einem Vorgespräch werden die Patienten mit Musik und beruhigenden Worten in Trance versetzt, eine Bewusstseinslage, in der durch aktive Bündelung der Aufmerksamkeit unangenehme Reize ausgeblendet werden. Die gefürchtete Behandlung rückt dabei in den Hintergrund. "Das funktioniert nur, wenn der Patient es selbst möchte. Man kann niemanden gegen seinen Willen hypnotisieren", erklärt Dr. Dr. Dirk Hermes. Der hypnotisierte Patient kann aus der Trance heraus außerdem jederzeit auftauchen. Er bleibt die ganze Zeit über ansprechbar. Der Gesamtzeitaufwand für eine OP-begleitende Hypnose beträgt zwischen 15 und 20 Minuten.

Bohrgeräusche klingen angenehm

Ganz nach Wunsch vor oder nach Beginn der Hypnose verabreichten die Ärzte den Patienten dann die örtliche Betäubung. Sobald sie wirkt, kann die Behandlung beginnen. Nach getaner Arbeit orientieren sich die Patienten in die Behandlungssituation zurück. Für die Studie wurden sie zu diesem Zeitpunkt nach ihrem Erleben befragt. 93,7 Prozent der Probanden hatten während der Behandlung deutlich weniger Angst verspürt als sonst beim Zahnarzt, sich entspannt gefühlt und die Behandlungsdauer kürzer empfunden als sie war. Einige Patienten berichteten sogar, sie hätten das Geräusch des Bohrers und das OP-Licht angenehm gefunden. Unangenehme Empfindungen wie Schmerz und Würgreiz kamen bei den hypnotisierten Patienten wesentlich seltener vor als bei Kieferoperationen ohne Hypnose. "Viele Patienten berichteten auch, dass ihre Wunden besser verheilt seien und sie in der Zeit nach der Operation weniger Schmerz gehabt hätten", so Dr. Dr. Hermes.

Ausbildung für Ärzte

Die Ausbildung für Ärzte umfasst acht Wochenenden und eine bestimmte Anzahl Stunden in Supervision. Kurse werden z. B. von der Deutschen Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose und von der Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose angeboten. "Dieser einmalige Aufwand zahlt sich für Patienten und Ärzte aus", zieht Dr. Dr. Hermes Bilanz. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Hypnose jedoch in der Regel nicht.

Ansprechpartner

Dr. Dr. Dirk Hermes, Prof. Dr. Dr. Peter Sieg, Klinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein / Campus Lübeck, Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck, Tel. 0451/500-2274, Fax. 0451/500-4188, E-Mail: hermesddd@aol.com

Meike Drießen | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgss.org

Weitere Berichte zu: Betäubung Hypnose Vollnarkose

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Aktuelle Therapiepfade und Studienübersicht zur CLL
20.10.2017 | Kompetenznetz Maligne Lymphome e.V.

nachricht Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt
18.10.2017 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Aus der Moosfabrik

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Klimawandel schwächt tropische Windsysteme

20.10.2017 | Geowissenschaften

Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

20.10.2017 | Physik Astronomie