Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Flammschutzmittel: Risiko für Umwelt und Lebewesen?

08.10.2003


Damit Materialien wie Computergehäuse oder PVC-Bodenbeläge nicht so leicht in Brand geraten, werden sie mit so genannten Flammschutzmitteln behandelt. Manche davon ähneln in ihrer chemischen Struktur bestimmten Hormonen des Menschen und stehen darum im Verdacht, sich negativ auf den Organismus auszuwirken. Um dieses mögliche Risiko besser abschätzen zu können, fördert die Europäische Union ein europaweites Forschungsprojekt, an dem auch Toxikologen von der Uni Würzburg mitwirken.



Insgesamt 600.000 Tonnen Flammschutzmittel wurden im Jahr 1992 weltweit verwendet. Fast die Hälfte davon enthält Elemente wie Chlor oder Brom, die zur chemischen Gruppe der Halogene gehören. "Wenn bromierte Flammschutzmittel einmal in die Umwelt gelangt sind, binden sie rasch an feste Stoffe im Erdreich. Über ihre Stabilität in der Umwelt ist aber so gut wie nichts bekannt. Darum ist es möglich, dass sie sich in der Nahrungskette und letztlich im menschlichen Organismus anreichern", so der Würzburger Toxikologe Prof. Dr. Wolfgang Dekant.

... mehr zu:
»Hormon »Organismus »Toxikologe


Dem Wissenschaftler zufolge wurden im Blut von Menschen, die berufsbedingt viel mit Flammschutzmitteln umgehen, in den vergangenen Jahren steigende Mengen dieser Stoffe festgestellt. Das könnte problematisch sein, weil verschiedene Flammschutzmittel dem Schilddrüsenhormon Thyroxin und dem Sexualhormon 17ß-Östradiol ähneln. Möglicherweise beeinflussen sie also den Hormonhaushalt von Mensch und Tier.

"Flammschutzmittel kommen in immer größeren Mengen zum Einsatz, aber die bislang vorliegenden Studienergebnisse reichen für eine Risikoabschätzung nicht aus", sagt Dekant. Daher soll ein Netzwerk aus 19 Arbeitsgruppen in sieben europäischen Ländern untersuchen, wie sich die Verwendung von Flammschutzmitteln auf Mensch, Tier und das Ökosystem auswirkt. Letzten Endes wollen die Forscher zu einem umfassenden Überblick mit Risikoabschätzung gelangen und gegebenenfalls Grenzwerte bestimmen.

Die Europäische Union fördert das Projekt mit insgesamt 4,8 Millionen Euro. Rund 200.000 Euro davon fließen in das Projekt von Dekant, dessen Arbeitsgruppe sich vorrangig dem Flammschutzmittel Tetrabrombisphenol A widmet. Die Wissenschaftler untersuchen, wie dieses Mittel in den Organismus aufgenommen, verteilt, im Stoffwechsel verändert und wieder ausgeschieden wird.

Die Vorstellung, dass hormonähnliche Substanzen in der Umwelt die Ursache von Fortpflanzungsstörungen bei Vögeln oder Fischen sein könnten, wurde in der Vergangenheit immer wieder diskutiert. Gleichzeitig kam der Gedanke ins Spiel, dass diese "Umwelthormone" beim Menschen für die zunehmende Häufigkeit verschiedener Krebserkrankungen und Missbildungen verantwortlich seien. Es wurde auch in Betracht gezogen, dass sie bei Männern die Zahl und Qualität der Spermien verringern.

Zu diesem Thema gebe es, so Dekant, viele Spekulationen. Nach Einschätzung des Toxikologen sind die hormonähnlichen Substanzen für den Menschen nicht sonderlich problematisch. Anders sehe es dagegen bei einigen im Wasser lebenden Tieren aus: "In der Nähe von Kläranlagen wurden bei manchen Schnecken und Fröschen Hormoneffekte beobachtet, zum Beispiel Störungen der Geschlechtsentwicklung." Allerdings sei nicht bekannt, ob diese Erscheinungen durch Industriechemikalien oder natürliche Hormone verursacht wurden. Letztere stammen aus dem Urin von Frauen und gelangen über die Kläranlagen in die Gewässer.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Wolfgang Dekant, T (0931) 20148-449, Fax -865, E-Mail: dekant@toxi.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Berichte zu: Hormon Organismus Toxikologe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Im Focus: Developing reliable quantum computers

International research team makes important step on the path to solving certification problems

Quantum computers may one day solve algorithmic problems which even the biggest supercomputers today can’t manage. But how do you test a quantum computer to...

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Von Hefe für Demenzerkrankungen lernen

22.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Sektorenkopplung: Die Energiesysteme wachsen zusammen

22.02.2018 | Seminare Workshops

Die Entschlüsselung der Struktur des Huntingtin Proteins

22.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics