Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Depressionsforschung : Ausschalten eines Hormonrezeptors macht mutige Mäuse

01.10.2003


Eine Mutation macht die Mäuse von Professor Wolfgang Wurst zu wahren Draufgängern: Sie klettern mutig durch offene Röhren und erkunden hellerleuchtete Käfigbereiche, während ängstlichere Artgenossen schummrige Beleuchtung und sichere Deckung bevorzugen. Ihre Besonderheit: In bestimmten Regionen ihres Gehirns ist der Rezeptor für das Neuropeptid CRH (Corticotropin-freisetzendes Hormon) ausgeschaltet. Wurst gelang es, gemeinsam mit Kollegen des von ihm geleiteten GSF-Instituts für Entwicklungsgenetik sowie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, diesen sogenannten Crhr1-Rezeptor ausschließlich in den Teilen des limbischen Systems zu blockieren, die für das Angstverhalten wichtig sind. Die von anderen Hirnregionen gesteuerte hormonelle Stressregulation dagegen läuft normal ab. Trotz der Flut von Stresshormonen in ihrem Körper bleiben solche Mäuse cool und zeigen weniger Angst und weniger kognitive Störungen als der Wildtyp in vergleichbaren Situationen. Damit gelang den Forschern erstmals der Nachweis, dass für psychische Krankheiten typische Verhaltensweisen (z.B. Angst) nicht über Stresshormone, sondern über den Crhr1-Rezeptor im limbischen System, d.h. vom Nervensystem, gesteuert werden. Crhr1 ist demnach nicht nur für die hormonelle Stressadaption wichtig, sondern es ruft auch direkt Verhaltensänderungen hervor. Diese Erkenntnis eröffnet neue Möglichkeiten für die Entwicklung von Medikamente gegen Depressionen und Phobien.



Das Neuropeptid CRH steht am Anfang einer Hormonkaskade, die mit Hilfe dreier hierarchisch arbeitender Hormondrüsen abläuft: Gerät der Körper unter Stress, produziert der im Zwischenhirn angesiedelte Hypothalamus CRH, das durch die Blutgefäße zur Hypophyse transportiert wird. Dort sorgt es für die Erzeugung des Hormons Corticotropin, das wiederum die Nebennierenrinde zur Produktion von Stresshormonen wie den Glucocorticoiden Cortisol und Corticosteron anregt. Beendet wird die Stressreaktion durch negative Rückkoppelungsmechanismen, an denen unter anderem CRH und Glucocorticoide beteiligt sind. Bei depressiven Menschen funktioniert die Regulierung der Hormonkaskade nicht, und sie werden ständig von einer Flut von Stresshormonen überschwemmt.

... mehr zu:
»CRH »Crhr1-Rezeptor »Stresshormon


CRH beeinflusst auch die Entstehung psychischer Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen: Mäuse, die eine Extradosis CRH erhalten, zeigen klassische Symptome affektiver Störungen. Sie reagieren ängstlicher als andere, fressen weniger und sind sexuell wenig aktiv. Dass hierbei der spezifische CRH-Rezeptor Crhr1 eine Rolle spielt, bewiesen bereits frühere Versuche mit einer sogenannten Nullmutante, deren Crhr1-Rezeptor generell blockiert war. Bereits diese Mäuse waren deutlich mutiger als der Wildtyp. Allerdings unterschieden sie sich nicht nur im Verhalten von anderen Mäusen, sondern der Ausfall des Rezeptors ließ auch den Pegel der Stresshormone im Blut drastisch sinken.

Die neue spezifische Mausmutante erlaubt nun erstmals, Verhaltenseffekte von hormonellen Stress-Effekten zu trennen, da der Crhr1-Rezeptor nur im limbischen System ausgeschaltet wird, nicht aber in den für die Hormonregulation wichtigen Bereichen von Hypothalamus, Hypophyse und Nebennieren. Diese Mäuse schütten unter Stress genau so viele Stresshormone aus wie "normale" Artgenossen - aber sie lassen sich den Stress nicht anmerken: genau wie die Nullmutante reagieren sie deutlich mutiger als der Wildtyp. Ihr Verhalten wird demnach nicht von der unter Stress ablaufenden Hormonkaskade, sondern direkt über den Crhr1-Rezeptor im limbischen System gesteuert.

Auf hormoneller Ebene dagegen sind Mäuse mit ausgeschaltetem Crhr1-Rezeptor sogar übererregbar: Ihr Stresshormonpegel sinkt nur sehr langsam wieder ab. Offensichtlich sorgt Crhr1 über Rückkoppelungseffekte auch dafür, dass die hormonelle Stressreaktion wieder nachlässt. Fehlt es, kann sich der Körper nur schlecht an längere Stress-Perioden anpassen und der Hormonspiegel bleibt chronisch hoch, was vermutlich die Anfälligkeit für psychische Krankheiten erhöht.

Wurst und seine Mitarbeiter hoffen, mit der Entschlüsselung der vielfältigen und komplexen Wirkungsweise von Crhr1 einen Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Antidepressiva gefunden zu haben, die möglicherweise schneller und breiter wirken als herkömmliche Präparate. Zudem könnte ein Präparat, das über diesen spezifischen Hormonrezeptor wirkt, zwei Charakteristika von Depressionen gleichzeitig angreifen: den überhöhten Stresshormonpegel und Verhaltensauffälligkeiten.

Gertrud Aßmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.gsf.de/aktuelles/presse

Weitere Berichte zu: CRH Crhr1-Rezeptor Stresshormon

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Die neue Achillesferse von Blutkrebs
22.05.2018 | Ludwig Boltzmann Gesellschaft

nachricht Schnelltests für genauere Diagnose bei Hirntumoren
17.05.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Im Focus: LZH showcases laser material processing of tomorrow at the LASYS 2018

At the LASYS 2018, from June 5th to 7th, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) will be showcasing processes for the laser material processing of tomorrow in hall 4 at stand 4E75. With blown bomb shells the LZH will present first results of a research project on civil security.

At this year's LASYS, the LZH will exhibit light-based processes such as cutting, welding, ablation and structuring as well as additive manufacturing for...

Im Focus: Kosmische Ravioli und Spätzle

Die inneren Monde des Saturns sehen aus wie riesige Ravioli und Spätzle. Das enthüllten Bilder der Raumsonde Cassini. Nun konnten Forscher der Universität Bern erstmals zeigen, wie diese Monde entstanden sind. Die eigenartigen Formen sind eine natürliche Folge von Zusammenstössen zwischen kleinen Monden ähnlicher Grösse, wie Computersimulationen demonstrieren.

Als Martin Rubin, Astrophysiker an der Universität Bern, die Bilder der Saturnmonde Pan und Atlas im Internet sah, war er verblüfft. Die Nahaufnahmen der...

Im Focus: Self-illuminating pixels for a new display generation

There are videos on the internet that can make one marvel at technology. For example, a smartphone is casually bent around the arm or a thin-film display is rolled in all directions and with almost every diameter. From the user's point of view, this looks fantastic. From a professional point of view, however, the question arises: Is that already possible?

At Display Week 2018, scientists from the Fraunhofer Institute for Applied Polymer Research IAP will be demonstrating today’s technological possibilities and...

Im Focus: Raumschrott im Fokus

Das Astronomische Institut der Universität Bern (AIUB) hat sein Observatorium in Zimmerwald um zwei zusätzliche Kuppelbauten erweitert sowie eine Kuppel erneuert. Damit stehen nun sechs vollautomatisierte Teleskope zur Himmelsüberwachung zur Verfügung – insbesondere zur Detektion und Katalogisierung von Raumschrott. Unter dem Namen «Swiss Optical Ground Station and Geodynamics Observatory» erhält die Forschungsstation damit eine noch grössere internationale Bedeutung.

Am Nachmittag des 10. Februars 2009 stiess über Sibirien in einer Höhe von rund 800 Kilometern der aktive Telefoniesatellit Iridium 33 mit dem ausgedienten...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Mikroskopie der Zukunft

22.05.2018 | Medizintechnik

Designerzellen: Künstliches Enzym kann Genschalter betätigen

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics