Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mini-U-Boot im Magen-Darm-Trakt

11.09.2003


Bei der Fahndung nach möglichen krankhaften Veränderungen im Verdauungstrakt gab es bislang einen Bereich, der sich dem Blick des untersuchenden Arztes weitgehend entzog, und zwar den Dünndarm. Wegen seiner Länge und seiner schweren Zugänglichkeit stoßen herkömmliche Untersuchungsverfahren wie Magen- und Darmspiegelung hier an ihre Grenzen. Diese diagnostische Lücke schließt neuerdings elegant und schmerzlos eine winzige High-Tech-Kapsel, die seit kurzem auch am Universitätsklinikum Münster (UKM) eingesetzt wird: Mittels einer in ihr verborgenen elektronischen Mini-Kamera sendet das vom Patienten wie eine Tablette geschluckte "Mini-U-Boot" während seiner Reise durch den Magen-Darm-Trakt über sechs bis acht Stunden kontinuierlich gestochen scharfe Bilder aus dem Körperinnern. Auf diese Weise kann erstmals der gesamte etwa vier bis sieben Meter lange Dünndarm endoskopisch betrachtet werden.


Kaum größer als ein 1-Cent-Stück ist die Mini-Kapsel zur Dünndarm-Diagnostik.



Im Hinblick auf die große Verbreitung von Erkrankungen des Dünndarms stellt dieses mit keinerlei Strahlenbelastung verbundene innovative Verfahren einen echten Durchbruch dar. Allein in Deutschland leiden mehrere hunderttausend Menschen an organischen Krankheiten des Dünndarms. Dazu zählen unter anderem chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Zöliakie (Überempfindlichkeit gegenüber dem in Getreide vorhandenen Klebereiweiß Gluten), durch Schmerzmittel bedingte Schleimhautschäden, Polypen, Tumore oder Blutarmut aufgrund einer nicht erkannten Blutungsquelle im Dünndarm. Die recht uncharakteristischen Symptome von Dünndarmerkrankungen reichen von wiederholten Durchfällen und Bauchschmerzen bis hin zu Gewichtsverlust und Blutarmut.



Mit Hilfe der Mini-Kamera in Tablettenform können die Ursachen solcher Probleme jetzt genau aufgespürt werden. Weniger als vier Gramm wiegt die gerade einmal 26 mal elf Millimeter kleine Kapsel, in der sich neben der Videokamera ein Radiosender mit Antenne und vier LED-Leuchtdioden befinden. Damit werden pro Sekunde zwei Bilder aus dem Magen-Darm-Trakt gesendet, bei denen jeweils ein Lichtblitz abgegeben wird. Während der sechs bis acht Stunden dauernden Untersuchung, bei der sich der Patient frei bewegen kann, werden so insgesamt rund 50.000 Einzelbilder geschossen. Die aus dem Körperinneren gesendeten Informationen werden von acht auf die Bauchdecke des Patienten platzierten Elektroden empfangen und zur Aufzeichnung an ein Aufnahmegerät
weitergegeben. Dieses trägt der Patient zusammen mit einem Akkupaket an einem Gürtel mit sich.


Nach der Übertragung der Daten erfolgt die Auswertung an einem PC-Arbeitsplatz mit einem speziellen Software-Programm. Mithilfe einer Zeitrafferfunktion kann der untersuchende Arzt die gesamte Dünndarm-Schleimhaut genau betrachten. Durch ein Ortungssystem kann neuerdings auch eine dynamische Lokalisierung der Kapsel und der krankhaft veränderten Dünndarmbereiche erfolgen und die Position des diagnostischen Mini-U-Bootes im Körper als zweidimensionales Bild dargestellt werden.

Für die Patienten bringt dieses als Kapsel-Endoskopie bezeichnete Verfahren neben der Aussicht auf eine erstmalige Diagnose ihrer Beschwerden vielerlei weitere Vorteile. So ist die Untersuchung völlig schmerzfrei, erfordert keine Beruhigungsmittel, bringt keinerlei Strahlenbelastung mit sich und erlaubt zudem völlige Bewegungsfreiheit. Bevor die kleine Videokapsel mit etwas Wasser geschluckt wird, muss der Patient lediglich zwölf Stunden nüchtern sein. Eine komplette Darmvorbereitung wie zu einer Dickdarmspiegelung ist in der Regel nicht notwendig. Die Fortbewegung der Videokapsel erfolgt durch die natürliche Bewegung des Dünndarms. Nach Abschluss ihrer Reise durch den Körper wird sie auf normalem Wege ausgeschieden und entsorgt.

Als Haupteinsatzgebiet der Kapsel-Endoskopie verweist Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfram Domschke, Direktor der Medizinischen Klinik B des UKM, auf chronische und wiederholte Blutungen aus dem Darmbereich, bei der man die Quelle im Bereich des Dünndarm vermutet. Darüber hinaus wird dieses junge Verfahren unter anderem bei chronischem Durchfall, Bauchschmerzen mit Verdacht auf eine Ursache im Dünndarm, Vermutung eines Morbus Crohn, zum Nachweis schmerzmittelbedingter Dünndarmschäden, der Verdachtsdiagnose einer Zöliakie oder zum Nachweis von Dünndarm-Polypen eingesetzt. Wie Domschke nachdrücklich betont, eignet sich die Kapsel-Endoskopie jedoch ausschließlich zur Dünndarmdiagnostik. Die herkömmliche Magen- und Dickdarmspiegelung zur Untersuchung anderer Bereiche des Verdauungstraktes kann daher nicht ersetzt werden.

Für weitere Informationen steht der Leiter der Endoskopie-Abteilung der Medizinischen Klinik B, Privatdozent Dr. Torsten Kucharzik, Tel. 0251/83 47574, gern zur Verfügung.


Jutta Reising | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenster.de/institute/medb/

Weitere Berichte zu: Dünndarm Kapsel-Endoskopie Morbus Crohn

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Proteomik hilft den Einfluss genetischer Variationen zu verstehen
27.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE