Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Legasthenie-Prävention - ein Kinderspiel

22.08.2003


Im Jenaer Kindergarten "Knirpsenland" testen Erzieherin Annegret Vanheiden (M.) und Dipl.-Psych. Evelyn Rothe von der Uni Jena spielerisch ein Präventionsprogramm gegen Lese-Rechtschreibstörungen mit den "Knirpsen". (Foto: Scheere/FSU-Fotozentrum)


Psychologin der Universität Jena testet Vorbeuge-Programm zur Lese-Rechtschreibstörung


Mühsam reiht der Erstklässler die Buchstaben aneinander. Was er schreiben will, ist das Wort "Leiter" - doch am Ende steht "disic" auf dem Papier: Häufen sich ähnliche Fehler, sprechen Experten von einer Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie). "Legasthenie wird diagnostiziert, wenn normal intelligente Kinder ungewöhnlich große Schwierigkeiten damit haben, das Alphabet zu lernen, sie außerdem auffällig langsamer und stockender lesen als Gleichaltrige und überdurchschnittlich viele Rechtschreibfehler machen", erklärt Evelyn Rothe den Fachausdruck. Die Diplom-Psychologin von der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat seit zwei Jahren ein Präventionsprogramm für Kinder im Vorschulalter getestet, das der Lese-Rechtschreibstörung mit kindgerechten Sprachübungen begegnen will - mit Erfolg, wie die ersten Ergebnisse von Rothes Studie zeigen.

Entwickelt wurde das Programm "Hören, lauschen, lernen. Sprachspiele für Kinder im Vorschulalter" von einer Forschergruppe der Uni Würzburg. Auf Rothes Anregung wird es in den Kindergärten "Knirpsenland" und "Regenbogen" in Jena-Lobeda umgesetzt. Das Programm basiert auf der Grundidee, die "phonologische Bewusstheit" der Kinder zu fördern - gemeint ist das Verständnis dafür, dass Sprache nach dem Baukastenprinzip funktioniert: Eine begrenzte Anzahl von Lauten - die Bausteine - lässt sich immer wieder neu zu beliebig vielen Gebilden zusammenfügen: von der Silbe über das Wort bis zum Satz. Dieses Baukastenspiel, das beim Sprechen und Zuhören im Kopf stattfindet, wird durch die Schrift als Kombination von Buchstaben wiedergegeben. "Kindern mit ausgeprägter phonologischer Bewusstheit fällt es leichter, diesen Zusammenhang zu begreifen. Umgekehrt kann mangelndes phonologisches Bewusstsein die Ursache sein, wenn sie besonders schwer lesen und schreiben lernen", macht Rothe den Punkt deutlich, an dem das Präventionsprogramm ansetzt.


Bei den Sprachspielen, die die "Regenbogen"- und "Knirpsenland"-Kinder jeweils ein halbes Jahr lang jeden Vormittag mit ihren Erzieherinnen spielen, werden Wörter und Namen in Silben und Laute zerlegt. "Dabei lernen die Kinder vor allem, einzelne Laute zu benennen und wieder zu erkennen, wenn sie ihnen in anderen Wörtern begegnen - etwa das ’P’ aus ’Paul’ in ’Peter’ oder ’Papa’", nennt Rothe als Beispiel. Ziel der zusammen mit dem Thüringer Kultusministerium, Jenaer Schulamt und Jugendamt durchgeführten Studie ist die wissenschaftliche Bewertung des Präventionserfolgs: "Letztes Jahr sind die ersten Kinder aus der Untersuchungsgruppe eingeschult worden. Am Ende der ersten und zweiten Klasse soll mit Arbeitsaufgaben überprüft werden, ob sie durch das Sprachtraining besser auf den Erwerb der Schriftsprache vorbereitet worden sind als Kinder, die nicht am Präventionsprogramm teilgenommen haben", stellt die 26-jährige Psychologin in Aussicht. Zweierlei steht allerdings jetzt schon fest: Die Spiele machen den Kindern großen Spaß und das tägliche Training hat ihr Bewusstsein für die Lautstruktur der Sprache deutlich gesteigert - das Sprachspiel-Programm wird deshalb vom nächsten Jahr an in allen kommunalen Jenaer Kindergärten angeboten.

Angesiedelt ist Rothes Projekt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Jena, wo Untersuchungen zur Legasthenie seit langem einen Forschungsschwerpunkt bilden. "Mit drei bis fünf Prozent der Bevölkerung betrifft die Lese-Rechtschreibstörung zwar nur einen relativ kleinen Patientenkreis, doch wenn sie einmal aufgetreten ist, lässt sie sich nur noch sehr schwer behandeln", sagt Klinikchef Prof. Dr. Bernhard Blanz. Die Folge: Erwachsene Legastheniker arbeiten überdurchschnittlich häufig in Berufen, in denen ihre Intelligenz dauernd unterfordert wird und die keine Chancen zum sozialen Aufstieg bieten. "Früherkennung und Prävention, wie sie das von Frau Rothe untersuchte Programm aufweisen", betont Blanz, "sind bei Lese-Rechtschreibstörungen deshalb das A und O."

Kontakt:

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
der Universität Jena
Philosophenweg 3-5, 07743 Jena

Prof. Dr. Bernhard Blanz
Tel.: 03641 - 936581, Fax: - 936583
E-Mail: Bernhard.Blanz@med.uni-jena.de

Dipl.-Psych. Evelyn Rothe
Tel.: 03641 -935936, Fax: 03641
E-Mail: Evelyn.Rothe@med.uni-jena.de

Axel Burchardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie