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Killerzellen gegen Krebs

16.07.2003


Während die Diagnose Leukämie vor gut 30 Jahren für betroffene Kinder noch das sichere Todesurteil bedeutete, können mittlerweile drei Viertel der jungen Patienten geheilt werden. Die große Herausforderung der Forschung besteht heute darin, nach neuen Wegen zu suchen, um auch jenen Kindern und Jugendlichen eine Überlebenschance zu eröffnen, die nach Ausschöpfung aller modernen Behandlungsverfahren doch noch einen Rückfall erleiden und diesen nicht überleben. Eine viel versprechende Strategie sieht Dr. Claudia Rössig von der Klinik für Kinderonkologie des Universitätsklinikums Münster darin, das Immunsystem der kleinen Patienten so zu beeinflussen, dass es im Fall eines Rückfalls die Krebszellen erkennt und vernichtet. Soeben erhielt die junge Medizinerin die Nachricht, dass ein von ihr gemeinsam mit dem amerikanischen Krebsforscher Prof. Dr. Malcolm Brenner aus Houston entwickeltes Forschungsprojekt mit fünf Millionen US-Dollar gefördert wird.


Dr. Claudia Rössig



Die hohe finanzielle Unterstützung, mit der die mehrjährigen gemeinsamen Arbeiten auf diesem Gebiet jetzt nachdrücklich vorangetrieben werden können, erfolgt durch die Leukemia and Lymphoma Society, eine amerikanische Organisation zur Förderung der Blutkrebsforschung. Ab Oktober stellt sie für das in Münster und Houston durchgeführte Forschungsvorhaben über einen Zeitraum von fünf Jahren jährlich eine Million US-Dollar zur Verfügung. Die Fördermittel erlauben es Claudia Rössig und ihrem amerikanischen Partner, ihr in mehrjähriger Kooperation entwickeltes innovatives Therapiekonzept jetzt erstmalig im Rahmen einer klinischen Studie an kleinen Patienten anzuwenden, die sonst keine Überlebenschance mehr haben.

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Es handelt sich dabei in der Regel um leukämiekranke Kinder und Jugendliche, die nach einer Knochenmarktransplantation einen Rückfall erleiden. Dies ist bei etwa der Hälfte der jungen Patienten, bei denen dieser Eingriff durchgeführt wird, der Fall. Allein in Münster sind dies jedes Jahr etwa zehn junge Patienten. Eine weitere Intensivierung der klassischen Behandlungsverfahren wie Chemotherapie beziehungsweise eine erneute Knochenmarktransplantation sind hier nicht möglich. Daher suchen Wissenschaftler weltweit nach alternativen Ansätzen, um die Kinder dennoch zu retten. Bei der Immuntherapie, so wie sie Rössig vorschwebt, geht es also nicht darum, die bisherigen Therapieverfahren zu ersetzen, sondern sie vielmehr sinnvoll zu ergänzen.


Das große Dilemma bei der körpereigenen Bekämpfung von Krebszellen liegt bislang darin, dass das Immunsystem diese Zellen nicht als fremd erkennt und ihrer ungehinderten Verbreitung daher Tür und Tor geöffnet sind. Die Idee einer Immuntherapie besteht nun darin, Abwehrzellen genetisch so zu verändern, dass sie Leukämiezellen doch erkennen und vernichten. Dazu werden jedoch nicht die Abwehrzellen des Patienten selbst, sondern Immunzellen eines gesunden Spenders verwandt. Im Labor wird ein spezielles Gen in diese Zellen eingeschleust, das sie in die Lage versetzt, Leukämiezellen anhand bestimmter Oberflächenmerkmale zu erkennen und das Signal zu empfangen, den "Feind" zu vernichten. Das entsprechende Gen, das diese beiden Funktionen erfüllt, wurde von Claudia Rössig bereits entwickelt, indem sie zwei Gene, die jeweils eine dieser beiden Aufgaben erfüllen, "zusammengebaut" hat. Nach den gentechnischen Veränderung der Spender-Zellen werden diese dem leukämiekranken Kind über die Vene transfundiert. Bislang wurde diese innovative Behandlungsstrategie bei Patienten aber noch nicht eingesetzt.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit der münsterschen Medizinerin und ihrem amerikanischen Kollegen rührt von einem dreijährigen Forschungsaufenthalt Claudia Rössigs am Centre for Cell and Gene Therapy des Baylor College of Medicine in Houston her, dessen Leiter Malcolm Brenner ist. Daraus haben sich zahlreiche gemeinsame Projekte ergeben, die bis heute fortbestehen. Mit Bereitstellung der Fördermitteln der Leucemia and Lymphoma Society können jetzt die Vorbereitungen für die geplante klinische Studie konkret beginnen. Rössig geht davon aus, dass in Münster in ein bis zwei Jahren die ersten jungen Patienten, die sonst keine Überlebenschance haben, mit dem neuen Verfahren behandelt werden. Noch scheut sich die Medizinerin allerdings, hier bereits von einem neuen Durchbruch in der Leukämiebehandlung bei Kindern zu sprechen. Dazu seien zu viele Fragen noch völlig ungeklärt. So weiß man beispielsweise noch gar nicht, ob die gentechnologisch veränderten Immunzellen des Spenders auch tatsächlich lebenslang aktiv bleiben und sie damit bei einem möglichen Rückfall der Leukämie auch nach Jahren noch rechtzeitig auf den Plan gerufen werden.

Nach den viel versprechenden Vorarbeiten sieht sie jedoch "berechtige Hoffnung", dass der Weg zum Erfolg führt. Und sollte dies der Fall sein, so könnte eine solche Immuntherapie ihrer Einschätzung nach auch bei anderen Krebserkrankungen eine neue Perspektive bieten. Claudia Rössig verweist dabei beispielsweise auf Knochentumoren und Neuroblastome bei Kindern, aber auch auf bestimmte Tumorerkrankungen bei Erwachsenen, wie etwa Eierstockkrebs, Brustkrebs und Dickdarmkrebs.


Jutta Reising | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenster.de/institute/paedonc/

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