Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Operation am ungeborenen Kind

07.07.2003


Der "offene Rücken" bei Feten lässt sich bereits im Mutterleib operieren; irreparable Spätfolgen lassen sich damit möglicherweise vermindern. Derartige Eingriffe bedeuteten bislang eine große Belastung für Mutter und Ungeborenes. Mediziner der Universität Bonn haben eine endoskopische Methode entwickelt, mit der sich diese Erkrankung schonender operieren lässt. Sie haben bereits drei Feten mit dem neuen Verfahren behandelt.



Die Kamera schiebt sich zwischen Gebärmutterwand und den narkotisierten Fetus. Behutsam gleitet sie am Rücken des Ungeborenen entlang, bis auf dem Bildschirm eine hellere Stelle sichtbar wird. Die bogenförmigen Seiten der Wirbel haben sich hier nicht zu einem Ring geschlossen. Durch den entstandenen Spalt wölben sich Rückenmark und die empfindlichen Nerven nach außen, so dass sie ungeschützt im Fruchtwasser liegen. Mit zwei endoskopischen Mini-Greifern legt Dr. Thomas Kohl einen Flicken aus GoreTex über die Fehlbildung und befestigt ihn mit Nickel-Titan-Clips. Der offene Bereich ist nun bis zur Geburt abgedeckt und geschützt.



"Spina bifida" heißt wörtlich übersetzt "gespaltenes Rückgrat". In den meisten Fällen entschließt sich die Mutter bei diese Diagnose zum Abbruch der Schwangerschaft. Trägt sie ihr Kind aus, leidet es meist sein Leben lang unter mehr oder weniger schweren Lähmungen und Störungen der Blasen- und Enddarm-Funktion. Grund: Der ständige Kontakt zum Fruchtwasser schädigt die sich entwickelnden Fasern - "so wie man in der Badewanne nach einiger Zeit runzlige Hände bekommt", erklärt Dr. Kohl. Später in der Schwangerschaft gelangen mit dem Stuhl des Ungeborenen auch noch Verdauungs-Enzyme ins Fruchtwasser. Sie greifen die offen liegenden Nerven zusätzlich an. Stöße können das freiliegende Rückenmark noch weiter zerstören. Daneben beobachten Mediziner bei fast allen Ungeborenen mit Spina bifida Fehlbildungen des Gehirns, da ständig Hirnwasser über das unverschlossene Rückenmark in die Gebärmutter abfließt. Durch den frühen Verschluss des "offenen Rückens" bereits im Mutterleib ließen sich derartige Folgeschäden möglicherweise vermindern.

In den USA gehören Operationen am Fetus mit Spina bifida bereits zur Tagesordnung. Allerdings öffnen die Chirurgen dabei Bauch und Gebärmutter der Schwangeren wie bei einem Kaiserschnitt, ziehen das Ungeborene hervor und verschließen die Fehlbildung. Für Mutter und Fetus ist dieser Eingriff jedoch enorm belastend. In der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatale Medizin der Universitäts-Frauenklinik greifen die Mediziner daher zu einer schonenderen Methode. Bei ihrem Verfahren schieben sie drei dünne Operationsröhrchen - der Durchmesser dieser "Trokare" beträgt nur drei bis vier Millimeter - durch kleine Schnitte in die Gebärmutter. Im Sichttrokar ist eine kleine Videokamera samt Lampe untergebracht, so dass der Arzt am Bildschirm verfolgen kann, wo er sich jeweils befindet. Durch die beiden Arbeitstrokare kann er dann die offene Stelle am Rückgrat mit einem Flicken abdecken.

Doch der Eingriff ist schwierig: Bestenfalls sollte die Operation zwischen der 18. und 25. Schwangerschaftswoche erfolgen - der Fetus wiegt zu dieser Zeit gerade mal 200 bis 600 Gramm und misst von Kopf bis Steiß 10 bis 15 Zentimeter. Das Operationsfeld ist nur ein bis zwei Zentimeter groß; zwischen ihm und dem Arzt liegen Bauch- und Gebärmutterwand. Das Team um Dr. Kohl hat das Verfahren daher bereits jahrelang tierexperimentell erprobt und verfeinert. Trotzdem bleiben Operationen des Feten riskant: "Immer kommt es nach einem derartigen Eingriff zur Frühgeburt; der Zeitpunkt entscheidet dann maßgeblich über die Überlebenschancen des Kindes", erklärt der Pränatalmediziner. "Und selbst wenn die Operation erfolgreich ist, können wir den Eltern nicht versprechen, dass ihr Kind nachher ein Leben ohne Einschränkungen führen kann." Daher operieren die Bonner auch nur solche Kinder, deren Eltern sich unabhängig von der neuen Methode und der darin gesetzten Hoffnung zur Fortsetzung der Schwangerschaft entschlossen haben.

Bislang haben die Pränatalmediziner der Bonner Uniklinik als weltweit einzige drei dieser so genannten "minimalinvasiven" Eingriffe am Menschen durchgeführt, stets mit Zustimmung der Ethikkommission. "Alle behandelten Kinder zeigten nach der Geburt nur geringe Lähmungserscheinungen der Beine; Blase und Darm funktionierten fast normal." Leider verstarb eines der Kinder an den Folgen der Frühgeburt; die zweite Mutter lebt inzwischen mit ihrem Mädchen in Leipzig. Das dritte Kind wird noch in der Bonner Klinik behandelt. "Den endgültigen Erfolg der Eingriffe werden wir erst nach mindestens zwei Lebensjahren beurteilen können."

In Zukunft hoffen die Mediziner, auch Feten mit schweren Zwerchfellbrüchen oder lebensbedrohlichen Herzschäden vorgeburtlich operieren zu können, um ihre Überlebenschancen zu verbessern.

Ansprechpartner:

Zentrum für Geburtshilfe und
Frauenheilkunde der Universität Bonn
Professor Dr. Ulrich Gembruch
Privatdozent Dr. Thomas Kohl
Telefon: 0228 - 287-5942

Frank Luerweg | idw

Weitere Berichte zu: Fehlbildung Fetus Gebärmutter Schwangerschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Neptun regnet es Diamanten: Forscherteam enthüllt Innenleben kosmischer Eisgiganten

21.08.2017 | Physik Astronomie

Ein Holodeck für Fliegen, Fische und Mäuse

21.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Institut für Lufttransportsysteme der TUHH nimmt neuen Cockpitsimulator in Betrieb

21.08.2017 | Verkehr Logistik