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Darmkrebs: Patienten profitieren von einer Bestrahlung vor der Operation

27.06.2003


Eine präoperative Strahlen-Chemotherapie scheint bei einem Tumor des Enddarms der herkömmlichen postoperativen Behandlung überlegen zu sein. Darauf deuten die ersten Ergebnisse einer klinischen Studie hin, die jetzt auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie in Essen präsentiert wird.



"Sollten sich die Erkenntnisse in der Langzeitbeobachtung bestätigen, müssten die bislang gültigen Therapie-Leitlinien zur Behandlung des Rektumkarzinoms entsprechend verändert werden", erklären die Experten.



In Deutschland ist Darmkrebs bei Frauen die zweithäufigste, bei Männern die dritthäufigste Krebserkrankung. Die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen wird für Männer auf über 27.000, für Frauen auf nahezu 30.000 geschätzt. Das Tumorleiden ist darüber hinaus sowohl für Frauen als auch für Männer die zweithäufigste Krebstodesursache.

Liegt der Tumor bis zu 16 cm oberhalb des Schließmuskels, spricht man von Enddarmkrebs oder Rektumkarzinom. Wenn diese Tumore eine bestimmte Größe überschritten oder bereits das Lymphsystem befallen haben, folgt der Operation bislang eine kombinierte Radio-Chemotherapie, um die Heilungschancen zu verbessern.

Bei besonders großen Tumoren, die nicht mehr operabel waren, drehten die Ärzte vor einiger Zeit erstmals die Behandlungsstrategie um: Die Strahlen-Chemotherapie ging der Operation voraus. Die Idee dahinter: Der Tumor sollte durch die Kombi-Behandlung zunächst soweit verkleinert werden, dass er doch noch operativ entfernt werden kann. In manchen Fällen konnte dem Patienten dadurch die Amputation des Enddarmes und ein künstlicher Darmausgang erspart werden.

Um herauszufinden, ob auch Patienten mit operablen Tumoren von einer solchen präoperativen ("neoadjuvanten") Strahlen-Chemotherapie profitieren, schlossen sich die Fachgesellschaften der chirurgischen, strahlentherapeutischen und internistischen Krebsspezialisten 1994 unter der Federführung von Professor Rolf Sauer (Radioonkologie) zusammen, um diese Frage in einer klinischen Studie mit über 800 Patienten zu klären.

Bessere Ergebnisse

Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhielt die Strahlen-Chemotherapie vor der Operation, die andere Gruppe danach. Nach 4 Jahren lebten in der neoadjuvant behandelten Gruppe noch 77 Prozent, in der postoperativ bestrahlten 73 Prozent. Deutlicher war der Unterschied bei der Lebensqualität: Durch die Vorbestrahlung verdoppelte sich die Anzahl der Patienten, die Schließmuskel-erhaltend operiert werden konnten. Ihnen konnten die Ärzte ein Leben mit künstlichem Darmausgang ersparen. Bei 188 Patienten erschien den Ärzten bei der ersten klinischen Untersuchung eine funktionserhaltene Operation fraglich oder unmöglich. Während des Eingriffs gelang der Erhalt des Schließmuskels bei 19 Prozent der nicht Vorbehandelten. In der neodajuvant behandelten Gruppe kamen die Chirurgen dagegen bei 39 Prozent der Patienten ohne Amputation aus, die normale Funktion des Enddarmes konnte erhalten werden.
Weniger Nebenwirkungen. Auch die Nebenwirkungen waren bei der neoadjuvanten Behandlung geringer: Längerfristige Probleme gaben nur 9 Prozent der vorbehandelten, hingegen 15 Prozent der nachbestrahlten Patienten an. Dies ist insofern naheliegend, als die Strahlentherapie in einem "chirurgisch unberührten Bauch", also ohne Vernarbungen, weniger belastend ist, als nach einem ausgedehnten operativen Eingriff mit entsprechenden Vernarbungen. Entgegen der Befürchtungen vieler Chirurgen wurde die Operation durch die Behandlung nicht erschwert und es traten keine vermehrten Komplikationen auf.

Rückfälle seltener

Ein wesentliches Problem beim Rektumkarzinom stellt das sogenannte Lokalrezidiv dar, d.h. ein erneutes Wachstum des Tumors an seiner ursprünglichen Stelle. Auch hier war die neoadjuvante Behandlung der herkömmlichen überlegen: nur 7 Prozent der Patienten erlitten einen Rückfall, bei der postoperativen Therapie hingegen 11 Prozent. Besonders deutlich wurden die Unterschiede bei gesonderter Auswertung der Patienten aus den beiden größten und erfahrensten Zentren: Hier waren nach 4 Jahren 76 Prozent in der neoadjuvant behandelten Gruppe tumorfrei, während dies bei postoperativer Therapie nur bei 60 Prozent erreicht werden konnte.

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://awmf.org

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