Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie das Trauma zur "normalen" Erinnerung wird

23.06.2003


Jedes vierte Opfer entwickelt eine Belastungsstörung / Frühzeitige Behandlung mit rhythmischen Augenbewegungen und Psychotherapie erfolgreich



Nach schweren Gewalttaten und Katastrophen entwickelt im Durchschnitt jedes vierte Opfer eine psychische Störung, die behandelt werden muss. Sonst sind die Betroffenen gezwungen, das schlimme Ereignis immer wieder zu durchleben. Eine spezielle Therapie, die auf rhythmischen Augenbewegungen beruht, kann in Verbindung mit herkömmlicher Psychotherapie die Erinnerung an belastende Ereignisse "entschärfen" und in das Leben integrieren. Dies stellten Traumaexperten bei dem Kongress "Wege aus der Wortlosigkeit" fest, der am vergangenen Wochenende in Heidelberg mit ca. 800 Teilnehmern stattfand.



Frauen und Ausländer beiden Geschlechts sind besonders gefährdet: Sie entwickeln nach einer Gewalttat häufiger eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Keinen Einfluss dagegen haben die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht sowie das Alter des Betroffenen. Dagegen ist das Risiko erhöht, wenn längere Zeit eine Arbeitsunfähigkeit besteht. Dies sind erste Ergebnisse der Heidelberger Gewaltopferstudie, an der bislang 70 Personen teilnahmen, die in jüngster Zeit Opfer eines Gewaltverbrechens im Stadtbereich Heidelberg waren. Darüber berichtete Privatdozent Dr. Günter H. Seidler, Leiter der Sektion Psychotraumatologie der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg, bei einer Pressekonferenz anlässlich des Heidelberger Kongresses.

Folter- und Vergewaltigungsopfer leiden meist an Belastungsstörungen

Etwa ein Prozent der Bevölkerung sind an einer chronischen Belastungsstörung als Folge eines Traumas erkrankt. Es kann jüngerer Zeit, aber auch in der Kindheit passiert sein. Nicht alle Menschen, die gewalttätige, verstörende Erlebnisse hatten, leiden ein Leben lang unter den Folgen, falls ihnen therapeutisch nicht geholfen wird. Je nach Trauma sind es etwa ein Viertel der Betroffenen, die das Erlebte ohne therapeutische Hilfe nicht verarbeiten können. Besonders häufig betroffen sind systematisch gefolterte Menschen und vergewaltigte Frauen (50 bis 80 Prozent), gefolgt von Opfern von Gewaltverbrechen, Kriegserlebnissen, schweren Unfällen und Naturkatastrophen. Je stärker die Persönlichkeit selbst und ihre sozialen Bindungen angegriffen wird, desto höher die Gefährdung. Kinder reagieren besonders sensibel auf ausgeübte oder angedrohte Gewalt.

Traumaopfer werden ihre quälenden Erinnerungen nicht mehr los: Schon geringe Erinnerungsreize lassen das Geschehene wie einen Film ablaufen, ohne dass darauf Einfluss genommen werden kann. Viele Betroffene können den Alltag nicht mehr bewältigen, fühlen sich von der Realität abgetrennt, ziehen sich zurück und entwickeln zusätzlich andere schwere psychische Störungen. "Die etablierte Psychotherapie allein kann hier nicht helfen", erklärte Prof. Dr. Peter Fiedler, Direktor des Psychologischen Instituts an der Universität Heidelberg. Denn hier versuche man vor allem, durch Analyse das Geschehene zu verarbeiten. Gespräche reichten jedoch nicht aus, um traumatische Ereignisse zu verarbeiten, ja könnten sie ohne Zusatztherapie sogar zu weiteren psychischen Schäden führen: "Traumatische Erlebnisse lassen sich nicht wegreden."

Seit einigen Jahren hat sich die EMDR-Therapie (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) als wissenschaftlich geprüfte, effektive Therapie erwiesen: Der Patient ruft sich das traumatische Ereignis vor Augen, seine Verarbeitung wird durch rhythmische Augenbewegungen oder Berührungen gefördert. Dabei werden traumähnliche Prozesse in Gang gesetzt, die unverbundenen Erinnerungsfetzen werden zu ganzheitlicher Erinnerung verschmolzen. Zurück bleibt das Wissen um ein schreckliches Ereignis; die Bilder hören jedoch auf zu kreisen und verlieren ihre Bedrohung. "Der Patient muss zunächst ausreichend psychisch stabilisiert werden, um sich den schlimmen Ereignissen wieder aussetzen zu können," erklärte Dr. Arne Hofmann, Leiter des EMDR-Instituts Deutschland in Bergisch-Gladbach. Er wies darauf hin, dass nur zertifizierte Therapeuten, die das Verfahren unter Qualitätskontrolle erlernt hätten, EMDR praktizieren dürfen. In Deutschland stehen ca. 250 Therapeuten zur Verfügung.

Übererregung und Zellzerstörung im Gehirn nachgewiesen

"Warum EMDR wirkt, wissen wir nicht", sagte Dr. Hofmann. Dennoch gibt es mittlerweile naturwissenschaftliche Belege dafür, dass Psychotraumata sichtbare Spuren im Gehirn hinterlassen und die Therapie in der Lage ist, diese zum Teil rückgängig zu machen. "Bei Gewaltopfern wurde mit Hilfe bildgebender Verfahren wie der Kernspintomographie festgestellt, dass bestimmte Gehirnstrukturen sehr stark erregt sind, die für Gefühle verantwortlich sind", sagte Prof. Dr. Gerhard Roth, Direktor des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen. Dazu zählt vor allem der Mandelkern (Amygdala). Ein Hirnbereich, der für Erinnerung zuständig ist, der sogenannte Hippokampus, weist bei Traumaopfern Schädigungen seiner Zellen auf, die durch eine effektive Therapie rückgängig gemacht werden können. Bei langfristigen Belastungsstörungen sind Teile dieser Region zerstört.

"Deutschland ist Entwicklungsland in der Psychotraumatologie"

Diese Forschungsergebnisse sind neueren Datums. "Die Psychotraumatologie ist ein junges Gebiet", erklärte Dr. Seidler. Einen Vorsprung haben die USA: Nachdem in den achtziger und neunziger Jahren Vietnam-Veteranen mit den üblichen psychotherapeutischen Verfahren nicht von ihren schweren psychischen Störungen zu heilen waren, begannen dort in den neunziger Jahren intensive Forschungsarbeiten.

"Deutschland ist hier noch Entwicklungsland", stellten die Experten bei der Heidelberger Tagung fest. Dies gelte nicht nur für die Forschung, sondern auch für den Versorgungsstand. Während die medizinische Katastrophenversorgung von Unfallopfern flächendeckend organisiert sei, gebe es z.B. im südwestdeutschen Raum neben Heidelberg nur eine weitere Klinik, in der Traumaexperten beschäftigt seien. Für ein "Großschadensereignis", z.B. ein großes Eisenbahnunglück, ständen nicht ausreichend Fachleute zur Verfügung, die sich im Anschluss um die Opfer und ihre Angehörigen kümmerten, um schwere langfristige Schäden des Traumas zu vermeiden.

Weitere Informationen zur Psychotraumatologie im Internet:

Psychosomatische Universitätsklinik Heidelberg

"Der psychisch traumatisierte Patient in der ärztlichen Praxis" (Dr. Günter Seidler, Deutsches Ärzteblatt, Februar 2002, S. 77)

Leitlinien der AWMF zur Posttraumatischen Belastungsstörung

EMDR-Institut Deutschland

EMDR-Institut USA

Dr. Annette Tuffs | idw

Weitere Berichte zu: Belastungsstörung Psychotherapie Psychotraumatologie Trauma

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Chancen für die Behandlung von Kinderdemenz
24.07.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

Recherche-Reise zum European XFEL und DESY nach Hamburg

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Lupinen beim Trinken zugeschaut – erstmals 3D-Aufnahmen vom Wassertransport zu Wurzeln

24.07.2017 | Biowissenschaften Chemie