Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue OP-Methode hilft augenlos geborenen Kindern

17.06.2003


Eine neue Operationsmethode kann Kindern, die ohne Augäpfel zur Welt kommen, zu einem natürlichen Aussehen und einer normalen Gesichtsentwicklung verhelfen.


Eines von 5000 Neugeborenen kommt in Deutschland mit nur einem Auge oder gar völlig augenlos zur Welt. Ursache dafür ist eine Entwicklungsstörung im Mutterleib: Den betroffenen Kindern fehlt ein Augapfel, bei vielen fehlen sogar beide Augäpfel. Die medizinische Bezeichnung für diese Fehlbildung lautet "Anophthalmie". Die Kinder sind entsprechend auf einem Auge oder völlig blind. Hinzu kommt, dass die Fehlentwicklung des Auges Folgen für die gesamte Gesichtsregion hat. Die Lidspalte und die das Auge umgebenden Gesichtsknochen, die Augenhöhle, wachsen nicht. Die Folge: die Gesichtsregion um das Auge herum sieht eingefallen aus. Die Anophthalmie kann, muss aber nicht mit weiteren Fehlbildungen des Gesichtes einhergehen, etwa Spaltbildungen an Lippe und Gaumen.

Frühzeitige Therapie ist wichtig


"Weil die Knochen der Augenhöhle in den ersten vier Lebensjahren besonders rasant wachsen, ist es wichtig, rechtzeitig mit der chirurgischen Behandlung zu beginnen", betont Professor Karsten Gundlach von der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie der Universität Rostock. Mit vier Jahren ist das Wachstum von Auge und Augenhöhle zu 70 Prozent abgeschlossen. Gundlachs Patienten sind darum im Durchschnitt vier Monate alt. Der Rostocker Gesichtschirurg hat mit seinem Team bislang 21 Kinder mit fehlenden Augäpfeln operiert, bei neun davon fehlten beide Augen.

Anschwellende Expander

Das Neue an der Operationstechnik, deren Grundlagen an der Universitätsklinik Göttingen gelegt wurden, sind winzige Kunststoffexpander, die sich mit Flüssigkeit aus dem Gewebe vollsaugen und größer werden. Diese "osmotischen Expander" auf der Basis von Methylmethacrylat und Vinylpyrrolidon schaffen Platz für ein künstliches Auge. Vor allem regen sie das Wachstum der knöchernen Augenhöhle an und sorgen so für ein weitestgehend normales Aussehen.

Die Expander sind zunächst klein und hart, saugen sich aber voll wie Schwämme und werden dann gallertartig weich, genau wie der fehlende Augapfel. Wir können chemisch steuern, wieviel Flüssigkeit diese Expander aufnehmen", betont Gundlach. Sie können um das drei- bis dreissigfache anschwellen."

In kleinen Schritten zum Ersatzauge

Bis das künstliche Auge Platz hat, muss das Wachstum der Augenhöhle Schritt für Schritt angeregt werden. Als erstes pflanzen die Gesichtschirurgen einen winzigen halbrunden osmotischen Expander in den Bindehautsack des Säuglings ein, um diesen zu erweitern. Das Kunststoffimplantat hat vor dem Einsetzen ein Volumen von nur 0.27 Milliliter. Es saugt die Tränenflüssigkeit auf und quillt bis zu einem Volumen von 0.9 Millilitern auf. Nach etwa zwei Monaten wird der Expander durch einen Glasball oder ein künstliches Auge ersetzt.

Nach weiteren drei bis vier Monaten setzen die Chirurgen einen größeren kugelförmigen Expander hinter dem Bindehautsack ein, um die Augenhöhle zu vergrößern. Gleichzeitig bekommt das Kind eine Augenprothese aus Glas. Wenn das neu aufgebaute Auge nicht weit genug hervortritt, tauschen die Ärzte den 2-Milliliter-Expander gegen einen 3-Milliliter Expander aus. Ist das Augenwachstum abgeschlossen - also mit etwa sieben Jahren - fassen die Kunststoffkugeln fünf Milliliter.

Das kosmetische Ergebnis überzeugt

"Die Ergebnisse sind überzeugend, wenn auch noch nicht überragend", resümiert Gundlach die ersten Erfahrungen. Alle 21 Patienten nahmen das künstliche Auge gut an. Zwei Kinder tragen bereits die endgültige Größe des Expanders. Die Eltern sind sehr zufrieden mit dem kosmetischen Ergebnis.

Von insgesamt 88 gesetzten Expandern versagten allerdings 26, weil bei der Operation Probleme auftraten oder nicht die richtige Größe oder Form gewählt wurde. "Aber grundsätzlich sind die Expander erfolgreich", freut sich der Rostocker Gesichtschirurg. "Die Augenhöhlen der Vierjährigen erreichen immerhin 70 Prozent der normalen Größe." Behandelt man die Anophthalmie nicht, wird die Augenhöhle noch nicht einmal halb so groß wie bei gesunden Kindern.

Rückfragen an:

Prof. Dr. Dr. Karsten Gundlach
Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft
für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichts-Chirurgie
Universität Rostock
Strempelstraße 13, 18057 Rostock
Tel.: 0381-494-6552, Fax: -6698
E-mail: Karsten.Gundlach@med.uni-rostock.de

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://awmf.org

Weitere Berichte zu: Expander Fehlbildung Gesichtschirurg

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Gentherapie für seltene Bluterkrankung
18.12.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Carmenes“ findet ersten Planeten

Deutsch-spanisches Forscherteam entwirft, baut und nutzt modernen Spektrografen

Seit Januar 2016 nutzt ein deutsch-spanisches Forscherteam mit Beteiligung der Universität Göttingen den modernen Spektrografen „Carmenes“ für die Suche nach...

Im Focus: Fehlerfrei ins Quantencomputer-Zeitalter

Heute verfügbare Ionenfallen-Technologien eignen sich als Basis für den Bau von großen Quantencomputern. Das zeigen Untersuchungen eines internationalen Forscherteams, deren Ergebnisse nun in der Fachzeitschrift Physical Review X veröffentlicht wurden. Die Wissenschaftler haben für Ionenfallen maßgeschneiderte Protokolle entwickelt, mit denen auftretende Fehler jederzeit entdeckt und korrigiert werden können.

Damit die heute existierenden Prototypen von Quantencomputern ihr volles Potenzial entfalten, müssen sie erstens viel größer werden, d.h. über deutlich mehr...

Im Focus: Error-free into the Quantum Computer Age

A study carried out by an international team of researchers and published in the journal Physical Review X shows that ion-trap technologies available today are suitable for building large-scale quantum computers. The scientists introduce trapped-ion quantum error correction protocols that detect and correct processing errors.

In order to reach their full potential, today’s quantum computer prototypes have to meet specific criteria: First, they have to be made bigger, which means...

Im Focus: Search for planets with Carmenes successful

German and Spanish researchers plan, build and use modern spectrograph

Since 2016, German and Spanish researchers, among them scientists from the University of Göttingen, have been hunting for exoplanets with the “Carmenes”...

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neue Konfenzreihe in Berlin: Landscape 2018 - Ernährungssicherheit, Klimawandel, Nachhaltigkeit

18.12.2017 | Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue Konfenzreihe in Berlin: Landscape 2018 - Ernährungssicherheit, Klimawandel, Nachhaltigkeit

18.12.2017 | Veranstaltungsnachrichten

„Carmenes“ findet ersten Planeten

18.12.2017 | Physik Astronomie

Fehlerfrei ins Quantencomputer-Zeitalter

18.12.2017 | Physik Astronomie