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Körperliche Beschwerden und Konzentrationsprobleme nehmen in der Grundschule erheblich zu

30.04.2003


Studie der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie und des Gesundheitsamtes Rhein-Neckar-Kreis. Schulempfehlung abhängig vom psychosozialen Verhalten.



Immer mehr Kinder müssen wegen psychischer Probleme im Laufe ihrer Grundschulzeit behandelt werden; Jungen sind stärker betroffen als Mädchen. Der Anteil der Eltern, die wegen Problemen ihres Kindes Beratung benötigen, steigt. Sind es in der Einschulungsphase noch 10,5 Prozent der Eltern von Jungen und 5,6 Prozent der Eltern von Mädchen, so wächst dieser Anteil in den folgenden vier Jahren auf 14,8 und 9,4 Prozent. Der Anteil der Kinder, die wegen seelischer oder Verhaltensprobleme bei einem Arzt oder Psychologen vorgestellt wurden, steigt von 5,8 auf 10,6 Prozent (Jungen 7,9 auf 13,7 Prozent, Mädchen 3,5 auf 8,1 Prozent). Kinder, denen ein Besuch der Hauptschule empfohlen wird, weisen wesentlich mehr Verhaltensauffälligkeiten auf als Kinder, für die eine Empfehlung zum Besuch von Realschule oder Gymnasium ausgesprochen wurde.

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Dies sind die Ergebnisse von zwei Untersuchungen der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums gemeinsam mit dem Gesundheitsamt Rhein-Neckar-Kreis, die an jeweils mehr als 5.000 Kindern bei der Einschulung und im 4. Schuljahr durchgeführt wurden. "Wir wollten herausfinden, welche gesundheitlichen und psychischen Probleme die Kinder und ihre Familien belasten und welche Risikofaktoren eine Rolle spielen", erklärt Prof. Dr. Franz Resch, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dafür wurden die Eltern gebeten, über 118 Fragen anonym zu beantworten.

Risikofaktoren: Probleme in der Familie, kinderfeindliches Umfeld, übermäßiger Fernsehkonsum und Lärmbelastung

Sogenannte "expansive Verhaltensformen" sind sowohl bei der Einschulung als auch vier Jahre später die häufigsten Auffälligkeiten. Die Kinder sind eigensinnig, lehnen sich auf und fordern gleichzeitig vermehrt Zuwendung. Dies geben etwa die Hälfte aller Eltern von Viertklässlern an; etwa 5 bis 10 Prozent beklagen eine stark ausgeprägte Form, oft verbunden mit Aufmerksamkeitsstörungen und Unausgeglichenheit. Auch Konzentrationsprobleme, Nervosität und Anspannung nehmen im Verlauf der Grundschulzeit zu.

"Die klassische Einteilung in schüchtern introvertierte und aggressiv extrovertierte Kinder trifft nicht mehr zu", erklärt Johann Haffner, Psychologe der Heidelberger Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Vielmehr zeigen viele Kinder diese Verhaltensmuster abwechselnd; nach innen und nach außen gerichtete Probleme überschneiden sich. D.h. Kinder mit Verhaltensproblemen sind oft auch traurig, unglücklich und emotional belastet.

"Beunruhigend ist auch die Zunahme an körperlichen und psychosomatischen Beschwerden", berichtet Prof. Resch. So klagen Kinder vor der Einschulung selten über Übelkeit. Diese sind - ebenso wie Kopfschmerzen, Bauchweh und Übergewicht - recht häufige Beschwerden bei Viertklässlern. Asthma und Allergien nehmen ebenfalls in bedenklichem Maße zu.

Welche Faktoren begünstigen die Entstehung psycho-sozialer Auffälligkeiten? "Vor allem Probleme in der Familie haben einen ungünstigen Einfluss", berichtet Prof. Resch. Dies können seelische oder Beziehungs-Probleme der Eltern, aber auch finanzielle oder andere Sorgen sein. Als Belastung erweist sich auch ein kinderfeindliches Wohnumfeld, Lärmbelastung, eine chronische Krankheit oder Behinderung des Kindes. Auch ein täglicher Konsum von Fernsehen oder Video von mehr als zwei Stunden pro Tag scheint die psychische Entwicklung des Kindes zu beeinträchtigen. Leicht negativ wirkt sich auch ein junges Alter der Mutter, die Abwesenheit eines Elternteils sowie fehlende Schulabschlüsse der Eltern aus.

"Normalitätsbegriff" von psychischer Gesundheit muss überdacht werden

"Unsere Untersuchung hat erwiesen, dass es einen starken Zusammenhang zwischen psychischen Auffälligkeiten und Schulleistungen gibt. Dies haben die Schulempfehlungen gezeigt", sagt Prof. Resch und plädiert dafür, dass in den Schulen aktiv psycho-soziale Probleme angegangen werden. Heidelberg ist hier modellhaft Vorreiter: Nicht zuletzt aufgrund der Studienergebnisse stellt das Jugendamt Heidelberg für jede Haupt- und Förderschule einen Sozialarbeiter zur Verfügung, der sich dieser Probleme annimmt. "Gerade in den Grundschulen, aber auch schon in den Kindergärten sollten Eltern, Erzieher und Lehrer sich gemeinsam bemühen, ungünstige Verhaltensmuster zu ändern, die den weiteren Werdegang des Kindes behindern." Hier müssten die verschiedenen Erziehungssysteme Kindergarten und Schule sowie das psychosoziale Beratungssystem und das Gesundheitswesen eng mit den politischen Entscheidungsträgern zusammenarbeiten.

Prof. Resch plädiert aber auch dafür, dass Eltern und Gesellschaft den "Normalitätsbegriff" von psychischer Gesundheit bei Kindern neu überdenken. "Kinder erscheinen heute aus Sicht der Erwachsenen zunehmend eigenwillig kompetent und fordernd," sagt Prof. Resch. Oft zeigten sie ausgeprägtes Konkurrenzverhalten und ein hohes Maß an Aktivität, die von Erwachsenen als störend empfunden werden. Gleichzeitig hätten sie große emotionale Bedürfnisse und mehr Schwierigkeiten, sich ihrem sozialen Umfeld anzupassen. In einer schnelllebigen, überstimulierenden Kultur müssten die Kinder und Ihre Eltern neue Formen der Bewältigung der hohen Alltagsanforderungen entwickeln. Die beobachteten Auffälligkeiten von Kindern wären demnach auch ’normale’ Bewältigungsversuche und Anpassungsprozesse an veränderte Lebensbedingungen.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Franz Resch
Tel. 06221 - 56 6915

Dr. Johann Haffner
E-mail: Johann_Haffner@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-heidelberg.de

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