Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Haschisch fürs Herz: Cannabinoide schützen nach Infarkt

11.04.2003


Passive Druck-Volumen-Kurven von Rattenherzen mit kleinem (b) oder großem (c) Infarkt: Bei c wird die Ausweitung der linken Herzhöhle nach einer Blockade der körpereigenen Cannabinoide verstärkt. a: Ratten ohne Infarkt. Grafik: Wagner


Würzburger Mediziner berichten im aktuellen "British Journal of Pharmacology"

... mehr zu:
»Cannabinoid »Herzinfarkt »Infarkt

Die berauschenden Inhaltsstoffe der Cannabis-Pflanze, aus der Haschisch und Marihuana gewonnen werden, gehören zu den so genannten Cannabinoiden. Diese Naturstoffe kommen auch im Körper des Menschen vor und üben dort viele Funktionen aus: Unter anderem steigern sie den Appetit und lindern Schmerzen. Mediziner von der Uni Würzburg haben Anhaltspunkte dafür gefunden, dass es sich lohnen könnte, das körpereigene Cannabinoid-System als Angriffspunkt für die medikamentöse Therapie nach einem Herzinfarkt zu nutzen.

Dieses Thema wird in der aktuellen Ausgabe des "British Journal of Pharmacology" behandelt und von den Herausgebern kommentiert. Die neueste Erkenntnis der Forschungsgruppe von Jens Wagner und Georg Ertl aus der Würzburger Medizinischen Uniklinik: Cannabinoide können die durch einen Infarkt verursachte krankhafte Vergrößerung des Herzens mindern.


Nach einem Infarkt droht unter anderem die Entstehung einer Herzmuskelschwäche, im Fachjargon der Medizin Herzinsuffizienz genannt. Diese stellt sich bei Ratten zwölf Wochen nach einem großen Infarkt ein. "Dann latscht das Herz aus, genau wie beim Menschen", so Wagner. Das heißt: Die linke Herzkammer wird größer und tut sich immer schwerer, einen angemessenen Blutdruck aufzubauen. Weiterhin besteht ein chronischer Flüssigkeitsstau, der zu Atemnot und zur Ansammlung von Wasser in den Beinen führt.

Die Würzburger Wissenschaftler verabreichten herzinsuffizienten Ratten täglich ein synthetisches Cannabinoid. Sie stellten fest, dass diese Behandlung den zu niedrigen Blutdruck und die Störung der Blutgefäßfunktion verhindern kann - allerdings auf Kosten eines erhöhten Füllungsdrucks in der linken Herzkammer, was sich langfristig negativ auswirken könnte. Gaben die Forscher den Ratten über längere Zeit Stoffe, welche die Wirkung der körpereigenen Cannabinoide hemmen, so kam es zu einer weiteren Herzvergrößerung.
Zudem haben die Mediziner herausgefunden, dass Cannabinoide auch beim akuten Herzinfarkt, wenn es also zum lebensbedrohlichen Kreislaufversagen und zur Schock-Symptomatik kommt, mitmischen: In diesem Fall kann ein Hemmstoff, der ganz bestimmte Cannabinoid-Rezeptoren blockiert, bei Ratten den Blutdruckabfall verhindern. Dafür verringerte sich allerdings auch die Überlebensrate der Tiere.

"Fasst man all diese Ergebnisse zusammen, dann muss bis jetzt davon ausgegangen werden, dass die körpereigenen Cannabinoide nach einem Herzinfarkt eine schützende Wirkung ausüben", so Jens Wagner. Weitere Forschungen seien aber nötig: Zurzeit messen die Würzburger Wissenschaftler die körpereigene Cannabinoid-Produktion herzinsuffizienter Patienten im Vergleich zu Gesunden. Außerdem untersuchen sie, auf welche Weise Cannabinoide die Herzkranzarterien von Rattenherzen erweitern.

Jens A. Wagner, Kai Hu, Jan Karcher, Johann Bauersachs, Andreas Schäfer, Martin Laser, Hong Han und Georg Ertl: "CB1 cannabinoid receptor antagonism promotes remodeling and cannabinoid treatment prevents endothelial dysfunction and hypotension in rats with myocardial infarction", British Journal of Pharmacology, April 2003;138:1251-1258.

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Berichte zu: Cannabinoid Herzinfarkt Infarkt

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer IPM präsentiert »Deep Learning Framework« zur automatisierten Interpretation von 3D-Daten

22.08.2017 | Informationstechnologie

Globale Klimaextreme nach Vulkanausbrüchen

22.08.2017 | Geowissenschaften

RWI/ISL-Containerumschlag-Index erreicht neuen Höchstwert

22.08.2017 | Wirtschaft Finanzen