Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der elektronische Berater AID kennt mehr als 57.000 Medikamente

04.02.2003


Auch wer "Acetylsalicylsäure" falsch schreibt, kann die wichtigsten Informationen zu der Substanz aufrufen


Neuer Arzneimittel-Informationsdienst des Universitätsklinikums hilft den Ärzten bei der Verordnung / Infos zu Dosisanpassung und Nebenwirkungen

... mehr zu:
»AID

Wer heute aus einer Medizinischen Klinik entlassen wird, nimmt im Durchschnitt mindestens fünf Arzneimittel am Tag ein. Die Kombi-Therapie verbessert zwar die Behandlung, doch können unerwünschte Ereignisse und Wechselwirkungen zwischen den Arzneimitteln gleichzeitig zunehmen. Einen elektronischen Berater, der den Arzt sicher durch den unübersichtlichen deutschen Arzneimittelmarkt leitet, hat jetzt das Universitätsklinikum Heidelberg eingeführt. Der Arzneimittel-Informations-Dienst AID berücksichtigt sämtliche neue sowie wieder zurückgezogene Medikamente und unterstützt den Arzt zuverlässig bei der diffizilen Arzneimittel-Verordnung.

Als elektronisches Hilfsmittel im Intranet "zaubert" der AID in wenigen Sekunden Informationen zu jedem Präparat auf einen der über 5.000 vernetzten Terminals des Klinikums. Der Dienst enthält Informationen zu über 57.000 Arzneimitteln, die in Deutschland auf dem Markt sind. Und wer sich bei der Eingabe von so komplizierten Namen wie "Acetylsalicylsäure" verschreibt, bekommt, dank eingebauter phonetischer Erkennung, dennoch die gewünschten Informationen: Welche Präparate mit diesem Wirkstoff gibt es? Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten? Was ist bei der Dosierung zu beachten? Und nicht zuletzt: Welches sind die kostengünstigsten Präparate?


AID wird ständig aktualisiert und ist an Wissensdatenbanken angekoppelt

"Gegenüber dem Standard-Arzneimittelbuch, der "Roten Liste", das jeder Arzt im Regal hat, bietet der elektronische Arzneimittelinformationsdienst AID viele wichtige Vorteile," erklärt Prof. Dr. Walter Haefeli, dessen Abteilung Innere Medizin VI, Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie an der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg gemeinsam mit der Apotheke des Klinikums das System entwickelt hat. Die wichtigsten Informationen zu Arzneimitteln können umgehend abgefragt werden. Neben der Zusammensetzung eines Präparates und einem Auszug aus der Fachinformation werden z.B. Angaben über den Hersteller, die verfügbaren Packungsgrößen oder den öffentlichen Apothekenpreis angezeigt. Im Gegensatz zu Nachschlagewerken in Buchform reagiert der AID auf Fluktuationen im Markt zeitnah.

Als Datengrundlage dient die "Gelben Liste", die vom Medizinverlag MediMedia herausgegeben und 14-tägig aktualisiert wird. Im Gegensatz zu anderen elektronischen Systemen erlaubt AID die direkte Kopplung an Wissensdatenbanken und damit die Anbindung hauseigener Informationen. So werden bei Anfragen zunächst die Präparate der Hausliste aufgeführt, die von der Arzneimittelkommission des Klinikums - nach Qualität und Preis - zusammengestellt worden sind und bevorzugt verwendet werden sollen. Darüber hinaus können spezifische Wissensmodule in AID integriert werden, die dem Arzt konkrete Hilfestellungen beim Verordnen geben.

Bereits in Aktion ist das "Niereninsuffizienz-Modul": Wird ein Wirkstoff hauptsächlich über die Niere ausgeschieden und hängt damit seine Dosierung direkt von der Ausscheidungsfunktion der Nieren ab, so ist das entsprechende Präparat mit "Dosing" gekennzeichnet. "Etwa 14 Prozent aller Patienten in der Medizinischen Klinik haben eine Niereninsuffizienz", sagt Prof. Haefeli. Sie benötigen also eine niedrigere Dosis, da solche Arzneistoffe bei diesen Patienten nur noch langsam ausgeschieden werden.

Wie kann nun die optimale Dosis gefunden werden? Die Klinischen Pharmakologen haben eine Datenbank mit Informationen zu den wichtigsten 600 Wirkstoffen aufgebaut, die in mehreren Tausend Präparaten auf dem Markt sind. Diese Datenbank steht nicht nur den Ärzten des Heidelberger Klinikums, sondern allen Interessenten im Internet unter www.dosing.de zur Verfügung. Benötigt werden der "Kreatinin-Wert", ein routinemäßig bestimmter Laborwert, der die Ausscheidungsfunktion der Niere kennzeichnet, sowie Angaben zu Alter, Geschlecht und Gewicht des Patienten. Gibt man diese Werte ein, errechnet das Niereninsuffizienz-Modul für das ausgewählte Präparat in Sekundenschnelle die individuell erforderliche Dosisreduktion, wodurch Überdosierungen vermieden werden können.

Informationen zu Wechselwirkungen / Eindrückliches Beispiel war Lipobay

Ein weiteres Risiko der Arzneimitteltherapie sind die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Substanzen. "Der durchschnittliche Patient verlässt heute mit fünf Medikamenten unsere Klinik. Daraus ergeben sich bereits 26 verschiedene Kombinationen, die sich gegenseitig beeinflussen können", sagt Prof. Haefeli. Welche Arzneimittel dies tun, ist aufgrund der Fülle von Möglichkeiten für den Arzt schwer überblickbar. Bis Ende des Jahres 2003 ist deshalb die Ankopplung des zweiten Moduls, das eine Datenbank mit umfangreicher Information über Wechselwirkungen von Arzneimitteln enthält, geplant. Der AID kann mit seiner Hilfe vor gefährlichen Wirkstoffkombinationen warnen. Denn zu selten wird derzeit berücksichtigt, dass sich Medikamente in ihrer Wirkung entscheidend beeinflussen können und es zu schlimmen Nebenwirkungen kommen kann.

Prominentes Beispiel ist der Cholesterinsenker Lipobay, der 2001 wegen gefährlicher Nebenwirkungen vom Markt genommen werden musste. Vor allem die gleichzeitige Einnahme eines weiteren Wirkstoffs (Gemfibrozil), der ebenfalls die Blutfette verringern sollte, hatte zu einem gefährlichen Zerfall der Muskulatur, Muskelschwäche und in einigen Fälle zu tödlichem Nierenversagen geführt. Ein eindrückliches Beispiel für die wachsende Bedeutung aktueller und umfassender Informationssysteme im Bereich der Arzneimitteltherapie.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. med. Walter E. Haefeli
Medizinische Universitätsklinik und Poliklinik
Abteilung Innere Medizin VI
Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie
Bergheimer Straße 58, 69115 Heidelberg
Tel.: 06221/56-8722
E-Mail: walter_emil_haefeli@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.dosing.de

Weitere Berichte zu: AID

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten