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Hypnose gegen chronischen Schmerz: Göttinger Forscher entwickeln Therapie

09.01.2003


Patienten wenden Hypnose zu Hause an - Lehrvideo für Mediziner und Psychologen erhältlich



"Sie atmen langsam und gleichmäßig. Sie spüren die angenehme Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Sie liegen ungestört an ihrem Lieblingsstrand..." Dr. Stefan Jacobs, Wissenschaftler am Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie der Universität Göttingen, nimmt seine Patienten auf eine Phantasiereise mit: Hypnoseinstruktionen sind die wichtigsten Bestandteile einer verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Schmerztherapie, die an der Georg-August-Universität entwickelt wurde und die Hilfe für rund 15 Millionen chronische Schmerzpatienten in der Bundesrepublik leisten will. Schmerzpatienten erlernen unter Anleitung eines Therapeuten, sich durch einen auf Tonkassette gesprochenen Text in einen Zustand tiefer Entspannung zu versetzen. Mit der individuell abgestimmten Autohypnose gelingt es den Göttinger Untersuchungen zufolge nachweisbar, Schmerzen deutlich zu reduzieren, die mit der Krankheit einhergehenden Depressionen zu lindern, die Funktionsfähigkeit im Alltag zu steigern und insgesamt eine verbesserte Lebensqualität zu erzielen.

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Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitstudie am Göttinger Psychologie-Institut erprobten 14 chronische Schmerzpatienten das von Dr. Jacobs und seinen Mitarbeitern entwickelte verhaltenstherapeutische Kurzprogramm. In zwei Vorbereitungsstunden und neun Sitzungen erlernten sie die hypnotischen Interventionen, führten Schmerztagebücher und durchliefen mehrere standardisierte Tests. Alle Patienten zeigten eine schwere Symptomatik und galten als "austherapiert" - es gab medizinisch keine Möglichkeiten mehr, ihre Schmerzen zu lindern. Die zehn weiblichen und vier männlichen Teilnehmer litten unter Rückenschmerzen, Migräne oder Rheuma, teilweise mit mehrfachen Schmerzsyndromen. "Das Ergebnis der Studie zeigte eine deutliche Reduktion der Schmerzstärke und ähnlich starke Verbesserungen in den Bereichen Depressivität und Funktionsfähigkeit", fasst Dr. Jacobs zusammen. Wer zu Hause mindestens zweimal am Tag seine persönliche Phantasiereise praktizierte, profitierte dauerhaft, wie eine Nachuntersuchung nach drei Monaten zeigte. "Das Tolle ist, dass es wirkt," so eine Patientin, die während der zwanzigminütigen Hypnose den Schmerz nur noch als ein "vertrautes Druckgefühl" empfand.

Damit niedergelassene Therapeuten das Therapieprogramm ihren Patienten anbieten können, haben die Göttinger Psychologen ein Lehrvideo und ein Therapiemanual für ihre Fachkollegen entwickelt, das für 35 Euro bei der Zentralen Einheit Medien (ZEM) der Universität Göttingen bestellt werden kann. Verhaltenstherapeuten mit Grundkenntnissen in Hypnose können, so Dr. Jacobs, das Programm bei ihren Patienten nach kurzer Zeit einsetzen und sie gezielt auf die selbstständige Anwendung zu Hause vorbereiten. Er bedauert, dass Ärzte und auch Psychologen wenig über verhaltenstherapeutische Maßnahmen bei chronischem Schmerz wüssten. Bis die Betroffenen den Weg zur Göttinger Institutsambulanz fänden, hätten sie in der Regel einen langen Leidensweg von durchschnittlich neun Jahren hinter sich. "Zu uns kommen häufig Patienten, die bereits im Universitätsklinikum bei der Schmerzambulanz waren - wir haben eine enge Zusammenarbeit mit den dortigen Ärzten entwickelt", so Dr. Jacobs. Das autohypnotische Programm der Göttinger Psychologen wirkt jedoch nicht grundsätzlich bei allen Schmerzpatienten. Dr. Jacobs weist auf eine kleine Gruppe hin, die nicht auf Hypnose anspreche. Ihre "Suggestibiltät", das heißt die Fähigkeit sich auf eine Phantasiereise zu begeben, sei zu gering.

Die Göttinger Psychologen verfolgen das Thema Schmerztherapie bereits weiter. Mit einer Folgestudie wollen sie den Zusammenhang zwischen der Schmerzreduktion durch Autohypnose und einem dadurch bedingten geringeren Verbrauch von Schmerzmitteln belegen. Gelingt der Nachweis, würde der Einsatz der verhaltenstherapeutischen Hypnose auch einen Beitrag zur Senkung der Kosten im Gesundheitswesen leisten. Dr. Jacobs: "Schmerzmittel gelten als umsatzstärkster Bereich der Pharmaindustrie."

Weitere Informationen sind in der Therapie- und Beratungsambulanz des Georg-Elias-Müller-Instituts für Psychologie unter der Telefonnummer (0551) 39-2081 (montags bis freitags von 10 bis 11.30 Uhr) erhältlich. Bestelladresse für Film und Manual: Universität Göttingen, Zentrale Einheit Medien, Humboldtallee 32, 37073 Göttingen, Fax (0551) 39-8030

Kontaktadresse:

Dr. Stefan Jacobs
Georg-August-Universität Göttingen
Biologische Fakultät
Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie
Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie
Goßlerstraße 14, 37073 Göttingen
Tel. (0551) 39-3585, Fax (0551) 39-3544
e-mail: sjacobs@uni-goettingen.de

Marietta Fuhrmann-Koch | idw
Weitere Informationen:
http://www.psych.uni-goettingen.de

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