Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erstmals in Deutschland: Neue Operationsmethode zur Therapie von Blasenlähmung

07.01.2003


Rückenmuskel ersetzt Blasenmuskel



Ein Ärzteteam an der Uniklinik für Urologie Tübingen führte zum erstem Mal in Deutschland eine Latissimus dorsi-Plastik erfolgreich durch. Dieses Operationsverfahren wurde angewendet, um einen Patienten, der an Blasenlähmung leidet, zu behandeln. Dabei wird der Rückenmuskel Latissimus dorsi entnommen und an die Stelle des funktionslosen Blasenmuskels gesetzt.



Prof. Arnulf Stenzl, Ärztlicher Direktor der Uniklinik für Urologie Tübingen, führte kürzlich zusammen mit Prof. Milomir Ninkovic (Plastischer Chirurg am Uniklinikum Innsbruck) eine Latissimus dorsi-Plastik erfolgreich durch. Dieses Operationsverfahren wurde zum ersten Mal in Deutschland angewendet, um einen Patienten, der an Blasenlähmung leidet, zu behandeln. Dabei wird der Rückenmuskel Latissimus dorsi entnommen und an die Stelle des funktionslosen Blasenmuskels gesetzt. Der Patient kann so wieder auf natürlichem Wege die Harnblase entleeren.

Die Operation des Tübinger Patienten, ein 20jähriger Student aus Indien, der durch einen Bergunfall seine Blasenfunktion verloren hat, verlief gut. Die Idee für diese Methode kam den beiden Chirurgen 1993. Gemeinsam haben sie das Verfahren weiterentwickelt und seit 1998 25 Patienten operiert.

In der sechs bis acht Stunden dauernden Transplantationsoperation wird der Patient mittels einer Vakuummatratze so gelagert, dass an zwei Orten gleichzeitig operiert werden kann: Und zwar im Achselbereich, um den Rückenmuskel Latissimus dorsi für die Transplantation frei zu präparieren und im Bereich des Unterbauchs, um die Harnblase für die Muskelverpflanzung vorzubereiten.

Im nächsten Schritt wird der Rückenmuskel über den funktionslosen Blasenmuskel gespannt und im Becken an Sehnen und Bändern befestigt. Als Widerlager des Latissimus dorsi wird ein Vicrylnetz eingesetzt und ebenfalls mit dem Muskel verbunden. Die Blutgefäße und der Nerv des Rückenmuskels werden mikrochirurgisch an die Blut- und Nervenversorgung des geraden Bauchmuskels (rectus abdominis) angeschlossen. Der Latissimus dorsi eignet sich deshalb so gut als Transplantat, weil es sich um einen großen, flächenhaften Muskel handelt, der 1.) groß genug ist (etwa 25x20 cm), um die Harnblase zu überspannen, 2.) nur von einer Vene, einer Arterie und einem Nerv versorgt wird und 3.) durch seine Struktur einen langen Kontraktionsweg aufweist. Der Anschluss an anderer Stelle wird daher erleichtert. Darüber hinaus kann die Funktion des Muskels, man braucht ihn unter anderem um Klimmzüge zu machen, von anderen Rückenmuskeln übernommen werden. Der Patient erleidet keine Funktionseinschränkungen.

Nach drei bis sechs Monaten übernimmt das Transplantat die Funktion des Blasenmuskels. In dem der Patient seine Bauchmuskeln anspannt wird durch eine "Serienschaltung" auch der transplantierte Rückenmuskel kontrahiert und presst dadurch die Harnblase aus. Nach kurzem Training kann der Patient seine Harnblase wieder willkürlich entleeren. Ein großer Vorteil dieser Methode ist auch, dass sie nach jahrelang bestehender Lähmung der Harnblase noch möglich ist.

Prof. Stenzl betont, dass der Patient bei einem Misserfolg der Operation keinen langfristigen Schaden zu befürchten hat. Weil die Harnblase erhalten bleibt, hat er "nur" sein früheres Problem: Er muss wie zuvor fünf bis sechsmal am Tag mit einem Blasenkatheter seinen Urin gewinnen. "Wie stark dadurch die Lebensqualität speziell von jungen Menschen eingeschränkt wird, kann sich jeder leicht vorstellen", so Prof. Stenzl.

Von den bislang 25 operierten Patienten im Alter von neun bis 68 Jahren, haben 90 Prozent ihre Blasenfunktion wieder erlangt. Gute Erfolge zeigten sich vor allem bei jüngeren Patientinnen/Patienten mit unfallbedingter Blasenlähmung. Das Verfahren wird hauptsächlich bei so genannten "schlaffen" Lähmungen der Blase angewendet. Diese kann nach Verletzungen der Wirbelsäule oder auch nach Beckenoperationen auftreten. Wichtig ist auch, dass der Schließmuskel regelrecht funktioniert.

Ansprechpartner für nähere Informationen:

Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Urologie
Prof. Arnulf Stenzl, Ärztlicher Direktor
Hoppe-Seyler-Str. 3, 72076 Tübingen
Tel. 07071/29-86613
Fax 07071/29-5092
E-Mail: Urologie@med.uni-tuebingen.de

Dr. Ellen Katz | idw
Weitere Informationen:
http://www.uro-tuebingen.de

Weitere Berichte zu: Blasenlähmung Blasenmuskel Harnblase Latissimus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie