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Blutwäsche hilft bei chronischer Herzmuskelschwäche (dilatative Kardiomyopathie, DCM)

29.11.2002


Der Zustand von Patienten mit chronischer Herzmuskelschwäche (dilatative Kardiomyopathie, DCM) kann mit Hilfe einer Blutwäsche, die speziell bestimmte, den Herzmuskel schädigende Auto-Antikörper aus dem Blut fischt, erheblich gebessert werden.



Das ist das Ergebnis einer ersten klinischen Studie, über das Dr. Gerd Wallukat vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch sowie Dr. Johannes Müller und Prof. Roland Hetzer vom Deutschen Herzzentrum Berlin jetzt im renommierten New England Journal of Medicine ("Specific Removal of beta-1 Adrenergic Autoantibodies from Patients with Idiopathic Dilated Cardiomyopathy", Vol. 347, No. 22, 28. November 2002) berichten. Mit einem neuartigen Adsorber, den die Wissenschaftler und Kliniker gemeinsam mit Medizintechnikern der Berliner Biofirma Affina Immuntechnik GmbH entwickelt haben, gelang es ihnen, Antikörper gegen so genannte beta-1-adrenerge Rezeptoren gezielt aus dem Blut der Patienten zu filtern - ähnlich der Dialyse bei Nierenpatienten. Die Behandlung wurde an fünf aufeinander folgenden Tagen für jeweils 3-4 Stunden durchgeführt. Noch ein Jahr nach der Behandlung war die Zahl der Auto-Antikörper im Blut der Betroffenen sehr gering. "Die Anwendung dieses spezifischen Immunadsorptionssystems hat zu einer erheblichen Verbesserung der Herzfunktion der behandelten Patienten geführt", erläutert Dr. Müller. "Zudem ist die spezifische Immunadsorption frei von Nebenwirkungen". Jetzt wollen die Berliner die ersten positiven Ergebnisse in multizentrischen Studien mit größeren Patientenzahlen weiter überprüfen.



In der Bundesrepublik leiden über 280 000 Menschen an chronischer Herzmuskelschwäche. Bei dieser Erkrankung vermindert sich die Pumpleistung des Herzens. Der Herzmuskel dehnt sich (Dilatation - Ausdehnung) im Laufe der Erkrankung zunehmend, um den Leistungsabfall zu kompensieren, was ihm aber immer weniger gelingt. Wenn das Herz dann überdehnt ist, sind die Betroffenen in ihrer körperlichen Leistung stark eingeschränkt. Diese Erkrankung wird zunächst mit Medikamenten behandelt, die aber nur vorübergehend helfen können. In sehr schweren Fällen benötigen die Patienten eine Herztransplantation oder eine kleine Herzpumpe.

Noch ist die Bedeutung von Auto-Antikörpern für die Entstehung der chronischen Herzmuskelschwäche beim Menschen, im Gegensatz zum Tierversuch, nicht eindeutig nachgewiesen, räumen Dr. Wallukat, Dr. Müller und Prof. Hetzer in dem Beitrag ein. Ein Teil der Fälle ist, so die Forscher, genetisch, also familiär, bedingt.

Dr. Wallukat konnte jedoch bei etwa 80 Prozent der Patienten mit chronischer Herzmuskelschwäche diese Auto-Antikörper im Blut nachweisen. Unklar ist, weshalb das eigene Immunsystem nicht mehr zwischen "fremd" und "selbst" (autos im Griechischen) unterscheiden kann und, wie im Fall der dilatativen Kardiomyopathie, den Herzmuskel angreift, seine Zellen schädigt und dadurch seine Funktion beeinträchtigt. Die Auto-Antikörper attackieren nach Angaben von Dr. Wallukat den beta-1-adrenergen Rezeptor der Herzmuskelzellen und schädigen damit den Herzmuskel durch chronische Beanspruchung. Mit Hilfe der beta-adrenergen Rezeptoren regulieren die Hormone Noradrenalin und Adrenalin normalerweise die Schlagfrequenz und Schlagkraft (Kontraktilität) des Herzens. Die Auto-Antikörper hingegen aktivieren den beta-1-adrenergen Rezeptor, was den Kalziumhaushalt der Zellen stört und damit ihre Funktion verändert, erläutert der Zellbiologe. Auf Basis dieser grundlegenden Untersuchungen von Dr. Wallukat entwickelte er zusammen mit der Affina GmbH und Dr. Müller einen Adsorber, der speziell die Auto-Antikörper aus dem Blut der Patienten filtert, die sich gegen beta-1-adrenerge Rezeptoren richten.

Darüber hinaus gibt es eine zweite Form dieser Behandlung, die ebenfalls in den vergangenen Jahren entwickelt worden ist, jedoch unspezifisch Auto-Antikörper mit Hilfe der Blutwäsche aus dem Körper der Betroffenen entfernt. Bei der "unspezifischen Immunadsorption" kann es nach Aussage von Dr. Müller "in einzelnen Fällen zu Begleitreaktionen kommen, die zu einem Abbruch der Behandlung führen". Bisher hat das Deutsche Herzzentrum Berlin über 100 Patienten, die an chronischer Herzmuskelschwäche leiden, mit diesen beiden Techniken behandelt. Die ersten positiven Ergebnisse mit beiden Therapieformen sollen jetzt in multizentrischen Studien mit einer größeren Patientenzahl weiter überprüft werden, sagte der Herzchirurg.

Erst vor kurzem hatten Dr. Wallukat und Dr. Müller für die Entwicklung einer Blutwäsche zur Behandlung der chronischen Herzmuskelschwäche in Düsseldorf den "Apherese-Innovationspreis der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Klinische Nephrologie" (Teilpreis) erhalten.


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Barbara Bachtler
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Barbara Bachtler | idw
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