Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn die Therapie bei Depressionen versagt: Implantation eines Nervus Vagus Stimulators

11.10.2002


Erste Implantation eines Nervus Vagus Stimulators in Süddeutschland am Universitätsklinikum Erlangen


Nur rund fünf Zentimeter misst der operativ eingebrachte Nervus Vagus Stimulator. Foto: Pressestelle


Das Team von PD Dr. Wolfgang Sperling (li.) demonstriert die Einstellung des Stimulators auf die Bedürfnisse des Patienten. Dr. Barbara Beyer (Mi.) hält die Programmierwand auf den Einsetzpunkt. Dr. Thomas Hillenmacher nimmt die Einstellungen vor.



Das Gerät misst rund fünf Zentimeter und ist einen Zentimeter dick. Nach dem Einsetzen in die linke Brustmuskulator bleibt nur eine winzige Narbe zurück. Ein kleiner minimal invasiver Eingriff mit großem Erfolg für Patienten mit Depressionen. Die Rede ist von einem so genannten Nervus Vagus Stimulatur, der jetzt erstmals in Süddeutschland an der Erlanger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Direktor: Prof. Dr. Johannes Kornhuber) in Zusammenarbeit mit der Neurochirurgischen Universitätsklinik (Direktor: Prof. Dr. Rudolf Fahlbusch) eingesetzt wurde.



Für Patientinnen und Patienten stehen eine Vielzahl von Therapien zur Behandlung der verschiedenen Depressionsformen von der Psychotherapie über die Pharmakotherapie bis zur Lichttherapie und Bewegungstherapie bereit. Manchmal schlagen all diese Behandlungsversuche jedoch fehl. Hier bringt der Nervus Vagus Stimulator neue Hoffnung. Mit ihm wird der Nervus Vagus, der größte vegetative Nervenast des Menschen, stimuliert. Er verläuft vom Gehirn über das Herz bis zum Magen und ist im Gehirn mit wesentlichen Schaltzentralen verbunden, so auch mit dem Bereich, der für die Regulierung der Gefühle zuständig ist. Der linke Nervus Vagus wird über den implantierten Stimulator direkt elektrisch gereizt. Damit wird genau der Teil des Gehirns angeregt, die Stoffe auszuschütten, deren Mangel die Depression ausgelöst hat und die sonst über Psychopharmaka reguliert werden müssten.

Das Verfahren der Nervus Vagus Stimulation wurde in Deutschland bislang nur in wenigen Zentren angewandt. In Erlangen kann diese neue Behandlungsmethode an der Psychiatrischen Universitätsklinik vor kurzem erstmals angewandt und kann nun als wirkungsvolle Alternative zu herkömmlichen Methoden in der Depressionsbehandlung angeboten werden. "Vor dem Hintergrund der Lebensgefährdung und des tiefen Leidens, das eine schwere therapieresistente Depression verursacht, stellt die Nervus Vagus Stimulation eine neue Hoffnung für Betroffene dar," zeigt sich PD Dr. Wolfgang Sperling überzeugt, der mit seinem Team das Verfahren bei depressiven Patienten in Erlangen eingeführt hat.

Relativ unkomplizierte Operation
Der Nervus Vagus Stimulator wird in der Höhe des linken Brustmuskels unter der Haut eingesetzt. Vergleichbar mit einem Herzschrittmacher hat er einen Durchmesser von fünf Zentimetern und ist nur rund einen Zentimeter dick. Von dort aus wird ein feiner Draht zum Nervus Vagus geführt, so dass von dem Stimulator Impulse ausgeübt werden können, die direkt in das Gehirn weitergeleitet werden. Die Operation ist relativ unkompliziert, der Krankenhausaufenthalt beträgt in der Regel zwei Tage. Üblich ist allerdings ein Aufenthalt in der Psychiatrie, um die antidepressive Wirksamkeit genau beobachten zu können. Durchschnittlich alle fünf Minuten wird der Nerv für etwa 30 Sekunden stimuliert. "Die Stromstärke und die Impulsrate können mit Hilfe einer Steuersoftware und der so genannten ’Programmierwand’ jederzeit variiert und an den jeweiligen Patienten genau angepasst werden", erläutert Dr. Sperling.

Die elektrische Reizung des Nervus Vagus ist aus der Epilepsiebehandlung bekannt. Weltweit wurden mehr als 16.000 Patienten behandelt. Im Rahmen von Depressionsbehandlungen wurde sie an rund 400 Patienten erprobt - mit Erfolg! Bereits nach achtwöchiger Behandlung zeigten sich bei chronisch Depressiven erste Besserungen. In der Langzeittherapie traten nach einem Jahr bei 30 Prozent der Behandelten keine Anzeichen für Depressionen mehr auf. Die Lebensqualität der allermeisten Patienten steigt deutlich. Ein weiterer Vorteil: Die Nebenwirkungen sind gering. Dr. Sperling: "Die Patienten klagen zu Beginn nur über Heiserkeit. Zudem kommt es zu keiner Interaktion mit anderen Medikamenten." Auch sei der Eingriff selbst letztlich zielgenauer als die Einnahme von Psychopharmaka, die auf den gesamten Organismus wirken. Je nach Simulationsstärke ist nach acht bis zehn Jahren eine Erneuerung der Batterie notwendig.

Auskünfte erteilt:
PD Dr. Wolfgang Sperling
Klinik mit Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Tel.: 09131/ 85 -36194
E-mail: wolfgang.sperlig@psych.imed.uni-erlangen.de

Thomas Wenzel M.A. | idw

Weitere Berichte zu: Depression Implantation Nervus Psychiatrie Vagus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Kostformen im Vergleich: Für Menschen mit Diabetes ist die Mittelmeer-Diät besonders gut geeignet
19.01.2018 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Vielversprechender Malaria-Wirkstoff erprobt
19.01.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie