Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stumpfe Waffen: 60 Jahre nach Einführung der Antibiotika sind immer mehr Erreger resistent

08.10.2002


Mittel für Erforschung der Resistenzentwicklung erforderlich / Tagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie in Heidelberg


Infektionskrankheiten gewinnen in den industriellen Ländern wieder an Bedeutung und stehen bereits an dritter Stelle bei den Todesursachen, nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall) und Krebs. Neue Erreger werden gefunden, lange bekannte treten epidemieartig wieder auf. Auf diese Entwicklung weisen Wissenschaftler anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) hin, die vom 6. bis 10. Oktober 2002 in Heidelberg stattfindet. Sorge bereitet außerdem die Zunahme von Erregern, die gegen alle Mittel resistent sind. "Sechzig Jahre nach Einführung der Antibiotika stehen wir vor neuen Herausforderungen", erklärt Prof. Dr. Hans-Günther Sonntag, Präsident der DGHM. "Damit wir wirksame Strategien zur Verfügung haben, müssen wir zunächst die Mechanismen der Resistenzentwicklung besser verstehen." Deshalb müsse in die Forschung investiert werden.

Auch Viren, Parasiten und Pilze werden zunehmend resistent


Nicht zuletzt der Einsatz von Antibiotika in Landwirtschaft und Tierzucht hat dazu geführt, dass viele Substanzen mittlerweile weitgehend wirkungslos sind. Multi-resistente Bakterien, die gegen mehrere Substanzen gefeit sind, stellen eine nicht zu unterschätzende Bedrohung dar. Ähnlich ist die Situation bei vielen Viruskrankheiten. Für das humane Immundefizienzvirus (HIV) wurden erst vor kurzem hochwirksame Therapien eingeführt, deren Nutzen jedoch bereits nach wenigen Jahren in Frage gestellt ist, da viele Erreger-Stämme bereits resistent sind. Nicht anders ist dies bei parasitär bedingten Erkrankungen. So gibt es in Südostasien Resistenzen gegen alle verfügbaren Substanzen, die zur Malaria-Prophylaxe eingesetzt werden. Auch die einzig wirksame Therapie bedrohlicher Pilzinfektionen durch Azole ist infolge zunehmender Resistenzentwicklung in Frage gestellt.

Trotz der unbestreitbar großen Erfolge bei der Entwicklung von Anti-Infektiva zeichnet sich das Szenario einer durch Resistenzentwicklung bedingten weitgehenden Wirkungslosigkeit einst hochwirksamer Medikamente ab, warnen die Wissenschaftler. Die globale Gefahr durch Infektionskrankheiten ist nicht gebannt, sondern vielmehr weit größer als in den vergangenen Jahrzehnten. Die Wissenschaftler der DGHM beklagen, dass diese Erkenntnis bisher nur unzureichend Eingang in die öffentliche Diskussion gefunden hat und bislang kaum bei der Forschungsförderung berücksichtigt worden ist. Dies wird durch die Tatsache dokumentiert, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein DFG-Schwerpunkt oder Sonderforschungsbereich und kein BMBF-Verbundprojekt existiert, das sich spezifisch der Resistenzentwicklung gegen Anti-Infektiva widmet. Ausnahme ist das neue Kompetenznetz zur Erforschung von Resistenzentwicklung, das die Landesstiftung Baden-Württemberg finanziert.

Resistenzen gegen mehrere Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen

Für Deutschland liegen gegenwärtig nur wenige bevölkerungsbezogene Daten zu Verbreitung, Risikofaktoren und Ausbreitungswegen der Resistenz in der Allgemeinbevölkerung vor. Zahlreiche internationale Studien zeigen, dass über 70 Prozent aller Staphylococcus aureus Stämme resistent gegen Penicilline sind und Resistenzen auch bei vielen Escherichia coli und Streptococcus pneumoniae Isolaten gefunden werden. Nach Schätzungen in den USA liegen dort die durch Antibiotika-Resistenz bedingten Mehrkosten im Gesundheitswesen bei ca. 4 Milliarden Dollar pro Jahr. Noch alarmierender ist die zunehmende Multi-Resistenz, wobei Methicillin-resistente Staphylokokken bereits weit verbreitet sind und in jüngster Zeit vermehrt Resistenzen gegen das letzte "Reserve-Antibiotikum" Vankomycin beobachtet werden.

Vergleichbare Zahlen zur Resistenzentwicklung gibt es für Mycobacterium tuberculosis und für Plasmodium falciparum, den Erreger der Malaria, wo fast flächendeckende Resistenz gegen Chloroquin vorliegt. Bei der HIV-Infektion sind bereits über 50 Prozent der Stämme resistent gegen Azidothymidin, das erste eingesetzte Virostatikum. Resistente und multi-resistente Isolate werden zunehmend bei Primärinfektionen gefunden. Eine ähnliche Entwicklung ist für klinisch bedeutsame Virusinfektionen wie die Hepatitis B oder die insbesondere in der Transplantationsmedizin gefürchtete Erkrankung durch das Cytomegalievirus (CMV) absehbar. Generell findet sich Resistenzen nicht nur gegen einzelne Medikamente, sondern gleichzeitig gegen mehrere an unterschiedlichen Wirkmechanismen angreifende Substanzen, so dass auch Kombinationstherapien zunehmend an Wirkung verlieren.

Angesichts dieser Situation sind wissenschaftliche Untersuchungen zum gegenwärtigen Stand der Resistenz und deren Ausbreitung, zu den molekularen Mechanismen der Resistenzentwicklung, zu besseren und schnelleren diagnostischen Nachweismethoden und natürlich zur Überwindung der Resistenz von größter Bedeutung.


Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.dghm.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie