Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Individuelle Therapie statt Kochbuch-Medizin

18.09.2002


Kongresspräsident Waldhäusl warnt vor der starren Befolgung medizinischer Leitlinien

... mehr zu:
»Akutgeriatrie »Rekonvaleszenz

Medizinische Leitlinien beschränken zunehmend die Therapiefreiheit des Arztes und gefährden damit die Wahl der für den einzelnen Patienten am besten geeigneten Behandlung, warnte Univ.-Prof. Dr. Werner Waldhäusl anlässlich der 33. Jahrestagung der von 19. bis 21. 9. in Salzburg. Der Präsident der Gesellschaft forderte in seiner Eröffnungsrede außerdem die Einführung eines Incentives für gesunden Lebensstil sowie die Etablierung von Abteilungen für geriatrische Rekonvaleszenz.

„Mit der sich immer mehr abzeichnenden Leitlinien-Un-Kultur sind tiefgreifende Veränderungen im Gesundheitssystem zu erwarten“, zeigt sich der Kongresspräsident und Vorstand der III. Medizinischen Abteilung am Wiener AKH überzeugt. „Zwangsläufig stellen medizinische Leitlinien immer nur einen Minimalkonsens dar und begründen sicher nicht die für den individuellen Patienten beste Therapieform.“ Hinzu kommt, dass derartige Leitlinien „blitzartig veraltern.“ Dieser für Patienten unter Umständen „fatalen Einengung durch eine moderne Kochbuchmedizin“, so Waldhäusl, könne nur durch eine erweiterte und verbindliche ärztliche Fortbildung entgegengesteuert werden.


Die Österreichische Gesellschaft für Innere Medizin will sich in Zukunft verstärkt für eine Vernetzung der Spezialdisziplinen einsetzen. „Eine Spezialisierung innerhalb des Faches ist sicher gut und wichtig“, meint Waldhäusl, „allerdings haben wir immer mehr multimorbide Patienten, also Personen mit mehreren unterschiedlichen Erkrankungen, zu betreuen und da müssen sich die Spezialdisziplinen wieder einander nähern.“ Eine Möglichkeit zur Sicherstellung einer breiten internistischen Kompetenz wäre die regelmäßige Rotation von Oberärzten an Abteilungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Immerhin erstreckt sich das Fach „Innere Medizin“ von Herz- und Gefäßerkrankungen bis hin zu rheumatischen und Krebserkrankungen. „Ein Herzinfarkt ist zwar ein dramatisches, aber kein isoliertes Ereignis. Meist geht dem eine jahrzehntelange Geschichte von Übergewicht, Diabetes und erhöhten Blutfetten voraus, die langfristig zu schweren Schäden an den Blutgefäßen führen.“

Incentive für Bewegung und Normalgewicht Eine der größten Herausforderungen der Inneren Medizin liege heute darin, „die Menschen zur Selbsthilfe zu motivieren.“ In den Augen der Öffentlichkeit herrsche allerdings noch immer die Vorstellung von der Reparaturmedizin. „Dabei ist in der Medizin seit mehr als 2000 Jahren bekannt, dass Typ II-Diabetes durch eine entsprechende Ernährungsweise verhindert werden kann.“ Während in den 50er Jahren nur einer von hundert Österreichern an dieser Stoffwechselerkrankung litt, sind heute fünf Prozent davon betroffen. „Wir gehen davon aus, dass 90 Prozent dieser Erkrankungen verhindert werden können“, erinnert Waldhäusl.

Um die schädlichen Folgen des modernen Lebensstils zu verhindern und die steigenden Erkrankungszahlen bei Diabetes und Herzinfarkt einzudämmen, müsse das derzeitige System der Krankenversicherung völlig neu überdacht werden. „Vorstellbar wäre beispielsweise die Auszahlung eines Incentives am Jahresende, unter der Voraussetzung, dass bestimmte medizinische Parameter wie ein normales Körpergewicht erreicht werden“, sagt Waldhäusl. Versicherungsmathematisch wäre ein solches Bonus-System ein Nullsummenspiel, „den sozialen Gruppendruck und die Bereitschaft zu einer gesünderen Lebensweise würde es jedoch enorm erhöhen.“

Geriatrische Rekonvaleszenz statt Akutgeriatrie Gesundheitspolitisch brisant scheint auch die Forderung von Waldhäusl, Abteilungen für geriatrische Rekonvaleszenz – und nicht für Akutgeriatrie - zu etablieren. „Der Begriff Akutgeriatrie ist irreführend, da die Akutversorgung alter Patienten ohnehin durch die vorhandenen Abteilungen gewährleistet ist.“ 70 Prozent der internistischen Patienten wären heute älter als 60 Jahre. Nach einer Lungenentzündung oder einer Nierenerkrankung benötigen ältere Patienten im Vergleich zu jüngeren eine wesentlich längere Rekonvaleszenzphase. „Während es einem 30-jährigen vielleicht zumutbar ist, nach einer Woche wieder das Spital zu verlassen, müssen wir einem 70-jährigen oft fünf bis sechs Wochen Erholungszeit zugestehen.“ Das Gesundheitswesen müsse diesen Tatsachen künftig durch den verstärkten Ausbau seiner „geriatrischen Kompetenz“ aller medizinischen Strukturen Rechnung tragen, betont Waldhäusl.

Kongress: Immuntherapie und künstliche Organe Gemäß der Vielfalt an Spezialdisziplinen spannt sich der Bogen der diesjährigen Internistentagung von der Diabetesprävention über die Immuntherapie zur Vorbeugung von Pollenallergien bis hin zur molekularen Diagnostik von Stoffwechselerkrankungen. Die drei medizinischen Fakultäten Wien, Graz und Innsbruck werden ihre aktuellsten Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Inneren Medizin präsentieren. Einen Höhepunkt des Kongresses wird das Grundsatzreferat von Prof. Fritz Bach, Transplantationsspezialist, Harvard Medical School – Boston/USA, zum Thema Organersatz bilden. „Theoretisch nähern wir uns immer mehr der Möglichkeit, menschliche Organe in genetisch veränderten Tieren zu züchten“, berichtet Waldhäusl vorweg. Welche Chancen, aber auch welche potenziellen Gefahren hinter dieser Technik der Xenotransplantation stecken, soll im Rahmen der Tagung erörtert werden. Die 33. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin findet noch bis einschließlich Samstag, 21. September 2002, im Salzburger Kongresshaus statt.

Rückfragen ao. Univ. Prof. Dr. Bernhard Ludvik
Univ. Klinik für Innere Medizin III
Klin. Abt. f. Endokrinologie & Stoffwechsel
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
Tel +43 1 40400-4364
E-Mail bernhard.ludvik@akh-wien.ac.at

Charlotte Ludwig | pte.online
Weitere Informationen:
http://www.oegim.at/

Weitere Berichte zu: Akutgeriatrie Rekonvaleszenz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Therapieansätze bei RET-Fusion - Zwei neue Inhibitoren gegen Treibermutation
26.06.2017 | Uniklinik Köln

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wellen schlagen

Computerwissenschaftler verwenden die Theorie von Wellenpaketen, um realistische und detaillierte Simulationen von Wasserwellen in Echtzeit zu erstellen. Ihre Ergebnisse werden auf der diesjährigen SIGGRAPH Konferenz vorgestellt.

Denkt man an einen See, einen Fluss oder an das Meer, so sieht man vor sich, wie sich das Wasser kräuselt, wie Wellen gegen die Felsen schlagen, wie Bugwellen...

Im Focus: Making Waves

Computer scientists use wave packet theory to develop realistic, detailed water wave simulations in real time. Their results will be presented at this year’s SIGGRAPH conference.

Think about the last time you were at a lake, river, or the ocean. Remember the ripples of the water, the waves crashing against the rocks, the wake following...

Im Focus: Schnelles und umweltschonendes Laserstrukturieren von Werkzeugen zur Folienherstellung

Kosteneffizienz und hohe Produktivität ohne dabei die Umwelt zu belasten: Im EU-Projekt »PoLaRoll« entwickelt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen gemeinsam mit dem Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik UMSICHT und sechs Industriepartnern ein Modul zur direkten Laser-Mikrostrukturierung in einem Rolle-zu-Rolle-Verfahren. Ziel ist es, mit Hilfe dieses Systems eine siebartige Metallfolie als Demonstrator zu fertigen, die zum Sonnenschutz von Glasfassaden verwendet wird: Durch ihre besondere Geometrie wird die Sonneneinstrahlung reduziert, woraus sich ein verminderter Energieaufwand für Kühlung und Belüftung ergibt.

Das Fraunhofer IPT ist im Projekt »PoLaRoll« für die Prozessentwicklung der Laserstrukturierung sowie für die Mess- und Systemtechnik zuständig. Von den...

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Marine Pilze – hervorragende Quellen für neue marine Wirkstoffe?

28.06.2017 | Veranstaltungen

Willkommen an Bord!

28.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Maßgeschneiderte Nanopartikel gegen Krebs gesucht

29.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wolken über der Wetterküche: Die Azoren im Fokus eines internationalen Forschungsteams

29.06.2017 | Geowissenschaften

Wellen schlagen

29.06.2017 | Informationstechnologie