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Die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften nach Reagenzglasbefruchtung senken

13.09.2002


Deutsche Reproduktionsmediziner würden gerne die Zahl der übertragenen Embryonen nach einer Reagenzglasbefruchtung reduzieren, um Mehrlingsschwangerschaften zu vermeiden. Um die Erfolge der assistierten Reproduktion nicht zu schmälern, müsste dann jedoch ein Embryo ausgewählt werden, der die besten Aussichten hat, sich in der Gebärmutter einzunisten. Dies verbietet bislang das Embryonenschutzgesetz. "Handlungsbedarf des Gesetzgebers" sehen darum die Experten auf dem 54. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

International gehört die hohe Rate von Mehrlingen - Zwillingen, Drillingen oder gar Vierlingen - zu den großen Problemen der Reproduktionsmediziner. In Deutschland kommen bei jeder vierten Geburt nach einer Reagenzglasbefruchtung Mehrlinge zur Welt, 22 Prozent sind Zwillinge, drei Prozent Drillinge.

Der Grund liegt der Hand: Wenn die Reproduktionsmediziner mehrere Embryonen nach der Befruchtung übertragen, steigen die Erfolgschancen. Werden drei Embryonen übertragen, liegt die Schwangerschaftsrate bei 27 Prozent. Bei zwei Embryonen sinkt sie auf 25 und bei einem Embryo auf neun Prozent.

Doch der Preis des Erfolges ist hoch: Bei Mehrlingsschwangerschaften steigt die Zahl der Frühgeburten - mit allen nachteiligen Folgen für die Kinder. Drillinge kommen beispielsweise im Schnitt in der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt mit einem Geburtsgewicht von nur 1600 Gramm. Häufiger sind auch Probleme während der Schwangerschaft, die Kaiserschnittrate steigt.

Das Töten "überzähliger" Feten im Mutterleib (Fetozid) in den ersten beiden Monaten der Schwangerschaft, hält Professor Klaus Diedrich von der Frauenklinik der Universität Lübeck für eine "nicht akzeptable Lösung". Für ihn und die meisten seiner Kollegen gibt es nur eine Opti-on: "Wir sollten einer Frau nur noch einen Embryo übertragen."

Dass dies nicht zwingend mit einer schlechteren Erfolgsrate verknüpft ist, belegen die Erfahrungen in anderen Ländern. In Schweden übertragen die Reproduktionsmediziner inzwischen nur noch einen Embryo. Dies schreibt seit 1 Juli diesen Jahres ein Gesetz vor. Gleichwohl können Reproduktionsmediziner auch dann Schwangerschaftsraten von 40 Prozent erzielen. "Diese Kollegen befruchten zahlreiche Eizellen und untersuchen die Embryonen vor dem Transfer. Übertragen werden nur jene, die aufgrund ihrer Entwicklung die beste Aussicht haben, sich in der Gebärmutter einzunisten. Der Rest wird eingefroren", weiß Diedrich. Möglich sind sowohl morphologische als auch genetische Untersuchungen, das so genannte Aneuploidie-Screening.

Doch diese Möglichkeit verbietet den deutschen Reproduktionsmedizinern das Embryonenschutzgesetz: "Wir dürfen höchstens drei Eizellen befruchten und müssen auch alle übertragen", klagt Diedrich.
Darum hoffen die Reproduktionsmediziner auf den Gesetzgeber: "Wir haben Signale", sagt Diedrich, "dass in der nächsten Legislaturperiode ein Reproduktionsmedizin-Gesetz auf den Weg gebracht werden soll." Dann wollen die Experten dieses Thema aufs Tapet bringen.

Mehrlingsschwangerschaften treten aber nicht nur nach Reagenzglasbefruchtungen auf. Sie treten auch dann auf, wenn Ärzte die Eierstöcke einer Frau hormonell stimulieren und die Befruchtung ganz normal im Mutterleib stattfindet. Eine Überstimulation kann jedoch Nebenwirkungen haben, Zysten und Bauchwassersucht. Inzwischen stehen bessere Medikamente, so genannte rekombinante Gonadotropine, zu Verfügung, die den Körper der Frau weniger belasten. Früher trat dieses Überstimulationssyndrom in etwa sechs Prozent der Fälle auf. Inzwischen ist es mit etwa einem Prozent zu einem seltenen Krankheitsbild geworden. Darüber hinaus kann diese Hormonbehandlung in den Zyklus der Frau besser integriert werden, wodurch dieser weniger gestört wird als früher. Die Frau kann sich das Medikament auch selbst injizieren, so dass weniger Arztbesuche nötig sind.

"Auch in Zukunft muss die Fehlbildungsrate der Kinder nach assistierter Reproduktion weiter aufmerksam beobachtet werden", fordert Diedrich. Die große deutsche ICSI-Studie, die von der Lübecker Universitätsfrauenklinik federführend in Deutschland über drei Jahre durchgeführt wurde, konnte bei mehr als 3000 nach ICSI geborenen Kindern eine erhöhte Fehlbildungsrate zeigen. Die Fehlbildungsrate betrug 8,3 Prozent gegenüber 6,8 Prozent in einem Kontrollkollektiv mit über 8000 Kindern. Die häufigsten Fehlbildungen traten an Herz und Skelett auf, die pränataldiagnostisch erkannt werden können.

In Deutschland kamen im Jahr 2000 mehr als siebentausend Kinder zur Welt, die im Reagenzglas gezeugt wurden. Seit der ersten Reagenzglasbefruchtung (In-Vitro-Fertilisation, kurz: IVF) im Jahr 1981, drei Jahre nach der Geburt des ersten "Retortenbabys" Louise Brown im Jahr 1978, leben hier zu Lande rund hunderttausend IVF-Sprösslinge, weltweit sind es etwa eine Million.

Rückfragen:
Prof. Dr. med. Klaus Diedrich
Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Universität zu Lübeck
Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck, Tel.: 0451-500-2133; Fax: 0451-500-2139
E-Mail: diedrich@medinf.mu-luebeck.de

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw

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