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Ende des therapeutischen Nihilismus

19.08.2002


Die gefährlichsten Begleitinfektionen bei Drogenkranken sind behandelbar Wissenschaftliche Publikation der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin

Die größte Gefahr für drogenkranke Menschen ist inzwischen eine Infektion mit dem Erreger der Hepatitis ("Leberentzündung") vom Typ C. Eine HCV-Infektion führt zu schweren Erkrankungen mit manchmal tödlichen Komplikationen, zur weiteren Verelendung der Betroffenen und zu erheblichen Belastungen für Gesundheitswesen und Volkswirtschaft. Bisher gingen die meisten Ärzte davon aus, dass eine Behandlung der HCV-Infektion bei heroinahbängigen Drogenpatienten zwecklos sei, unter anderem, weil diese Menschen ohnehin nicht in der Lage seien, die Therapie durchzuhalten ("non-compliance"). Genau das ist falsch. "Der therapeutische Nihilismus ist längst nicht mehr gerechtfertigt", erklärte Dr. Jörg Gölz (Berlin), Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS). Gölz ist Herausgeber eines Sonderheftes der DGS-Zeitschrift "Suchttherapie"* über "Virushepatitiden bei Drogenabhängigen".

Der Erreger der Hepatitis C kann erst seit wenigen Jahren genau diagnostiziert werden; zuvor wurde die Krankheit - etwas hilflos - "Non-A, Non-B-Hepatitis" genannt, weil das Virus noch nicht identifiziert war, sich aber von den bis dahin bekannten Erregern der A- und der B-Hepatitis unterschied.

In dem Sonderheft beleuchten führende Wissenschaftler und Fachärzte alle Ursachen, Folgen und Therapiemöglichkeiten der Hepatitisinfektionen bei Drogenkranken.
Der Psychiater Dr. Jochen Brack (Hamburg) hat in einer Studie herausgefunden, dass die HCV-Infektion mittlerweile die Ansteckungsrate mit dem Hepatitis-B-Virus überholt hat: Fast 60 Prozent aller heroinabhängigen Patienten weisen Antikörper gegen das HC-Virus auf. Vor allem zeigte sich dabei, dass es deutliche Risikofaktoren für eine solche Ansteckung gibt, insbesondere schlechte soziale Verhältnisse oder Verelendung. Ferner wurde bestätigt, dass sich heroininjizierende Gefängnisinsassen mit zunehmender Haftdauer infizieren; die Rate liegt hier um bis zu 30 Prozent über dem Durchschnitt (siehe auch Pressedienst der DGS vom Februar 2002: "Hamburger Senat fördert lebensgefährliche Infektionskrankheiten"). Aus solchen und weiteren epidemiologischen Daten leitet Brack die Forderung nach umfassenderen und gezielteren Vorbeuge-Maßnahmen ab.
Dr. Thomas Steffen, Prof. Felix Gutzwiller und weitere Autoren aus dem Schweizer Gesundheitsdepartment (Aarau) weisen denn auch nach, dass eine Hepatitis-Prävention während der heroingestützten Behandlung Drogenabhängiger die Rate an Neuinfektionen mit Hepatitis B und C zu halbieren vermag. Dies konnten sie in einer Nachuntersuchung des Programms feststellen, mit dem in der Schweiz - anders als hierzulande immer noch üblich - auch Opiatabhängige mit schweren medizinischen und sozialen Problemen in ein Ersatzstoffe erhalten.

Bisher ging man davon aus, dass AIDS- und Hepatitis-Erreger bei Drogenkranken "nur" durch den gemeinsamen Gebrauch von Spritznadeln ("needle-sharing") übertragen werden. Dr. Barbara Bertisch-Möllenhoff (Zürich) weist in Ihrer Arbeit in dem "Suchttherapie"-Sonderheft nach, dass Viren auch durch gemeinsame Zubereitung von Drogen unter Verwendung durchgespülter (aber eben nicht neuer) Spritzbestecke übertragen werden. Zudem zeigt sich, dass das Hepatitis-C-Virus um das Zehnfache ansteckender ist als der AIDS-Erreger HIV! Folglich müsse jenseits aller Ideologie dafür gesorgt werden, dass Drogenkranke jederzeit Zugang zu frischen Spritzen und Nadeln haben.

Den "therapeutischen Nihilismus" bei der gesellschaftlich und medizinisch ohnehin vernachlässigten Gruppe der Drogenkranken weisen unter anderem Dr. Milo Huber und Dr. Daniel Meili aus Zürich konkret nach. Und das Vorurteil, diese Patienten hätten "ohnehin kein Interesse" an Behandlung und Gesundung, wird widerlegt: 80 Prozent der HIV-infizierten heroinabhängigen Patienten akzeptieren die - durchaus Disziplin erfordernde - Behandlung. Wenn mit einer Therapie begonnen werden kann, sind die Chancen, das Virus zu eliminieren, bei Drogenkranken offensichtlich genauso groß wie bei anderen Patienten.
Dr. Jörg Gölz und Dr. Gerd Klausen (Praxiszentrum Kaiserdamm Berlin) konnten durch Nacherhebungen bei Behandelten überdies ein weiteres Klischee widerlegen: Lediglich sechs Prozent der heroinabhängigen Patienten brachen die Therapie ab. Die Rate an Behandlungsabbrüchen aus medizinischen Gründen kann überdies deutlich gesenkt werden, wenn die psychiatrischen und schweren körperlichen Nebenwirkungen (wie Blutbildveränderungen) medikamentös mit-behandelt werden. Eine bereits vorliegende psychiatrische Begleiterkrankung darf ebenfalls nicht länger ein Hindernisgrund für die Behandlung der Infektionen sein, betont Dr. Martin Schäfer (Charité Berlin). Auch ein vermehrter Abbruch der Entzugsbehandlung findet trotz der Nebenwirkungen während einer antiviralen Therapie nicht statt - anders als die Mehrzahl der Ärzte bisher annahm. Dies weist Dr. Markus Backmund (München) nach.

In weiteren Beiträgen im Spezialheft der "Suchttherapie" werden Ärzte über die virologischen und immunologischen Grundlagen der HCV-Infektion (Dr. Christoph Sarrazin, Uni Frankfurt/M.) und über die Behandlung mit modernsten Arzneimitteln (u.a. Privatdozent Dr. Jürgen K. Rockstroh, Uni Bonn sowie Dr. Stephan Kaiser, Uni Tübingen) informiert.
Der Herausgeber der wissenschaftlichen Zusammenstellung und zugleich Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin, Jörg Gölz, betont in seinem Editorial, durch den "suchtmedizinischen Paradigmenwechsel" des letzten Jahrzehnts hin zu schadenmindernden Behandlungsformen gebe es eigentlich gute Voraussetzungen für einen "therapeutischen Aufbruch": Qualitätsstandards in der Behandlung von Infektionskrankheiten müssten zum Nutzen sowohl der Patienten als auch des Gesundheitswesens endlich auch für drogenkranke Menschen gelten.

Dipl.Pol. Justin Westhoff | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgsuchtmedizin.de/

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