Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn der Kinderwunsch versagt bleibt

15.08.2002


Neue Sektion an der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg erforscht genetische Ursachen von Fruchtbarkeitsstörungen

Welche genetischen Ursachen liegen einer Unfruchtbarkeit (Infertilität) bei Mann oder Frau zugrunde? Sehr viel häufiger als gemeinhin bekannt, sind es Veränderungen am Erbgut, die den Kinderwunsch vereiteln. Ihre Erforschung sowie die Beratung von betroffenen Paaren ist Aufgabe der neugegründeten Sektion "Molekulargenetik und Fertilitätsstörungen" an der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. Sie gehört zur Abteilung "Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen", die von Prof. Dr. Thomas Strowitzki geleitet wird. "Damit wird die Behandlung von Fruchtbarkeitsstörungen an der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik um eine wichtige Komponente bereichert", erklärt Prof. Strowitzki und weist darauf hin, dass die neue Forschungseinheit Vorreiter-Charakter in Deutschland hat.

Die Ursachen für Unfruchtbarkeit sind vielfältig: von Problemen beim mechanischen Transport der Ei- oder Samenzellen, bis zu hormonellen Störungen oder Änderungen der Chromosomenzahl bzw. einzelner Gene. Immer mehr Paare sind betroffen: In Deutschland müssen bis zu 15 Prozent - dies sind etwa 2 Millionen Paare - damit rechnen, dass ihnen die Erfüllung ihres Kinderwunsches versagt bleibt. "Bei etwa 20 Prozent liegt es nur am Mann, bei 38 Prozent allein an der Frau", sagt Dr. Peter Vogt, Leiter der neuen Sektion. Bei den restlichen Paaren sind die Ursachen bei beiden Partnern zu finden, oder sie sind unbekannt. Wie häufig genetische Veränderungen zugrunde liegen, ist bislang nicht bekannt.

Verminderte Spermienzahl durch überzählige Chromosomen und Gendefekte

Dagegen weiß man, dass die sogenannte "Azoospermie", das vollständige Fehlen von Samenzellen in der Samenflüssigkeit, bei etwa 14 Prozent der Betroffenen durch Chromosomen-Störungen verursacht wird. Dies trifft auch für 5 Prozent der Männer zu, deren Spermienzahl vermindert ist. Am häufigsten ist das sogenannte "Klinefelter Syndrom", dessen Träger neben dem männlichen Y-Chromosom zwei X-Chromosomen (XXY) und deswegen verkleinerte Hoden mit verminderter Spermienproduktion haben.

Die häufigste genetische Erkrankung, die bei männlichen Patienten zur Unfruchtbarkeit führt, ist die Mukoviszidose. Durch einen Gendefekt ist nicht nur das Sekret in der Lunge und der Bauchspeichelsdrüse verdickt, sondern auch kein Samenleiter angelegt.

Injektion einzelner Spermien in die Eizelle / Schwangerschaft bei 40 Prozent

Andere Genveränderungen, die beim Mann zur Unfruchtbarkeit führen, sind vor allem auf dem Y, dem männlichen Geschlechtschromosom, angesiedelt. "Wir haben festgestellt, dass in drei verschiedenen Bereichen des Y-Chromosoms Gene lokalisiert sind, deren Veränderungen zur Unfruchtbarkeit führen können", erklärt Dr. Vogt. Je nach dem, welche dieser "Azoospermie-Faktoren verändert ist, werden überhaupt keine, oder eine geringere Anzahl von Samenzellen produziert.

Können Männer mit diesen Erbgutveränderungen Kinder zeugen? Wie kann den betroffenen Paaren geholfen werden? Ein künstliche Befruchtung im Reagenzglas kommt nicht in Frage, da die Spermien kaum in die Eizelle eindringen würden. Seit 1992 steht die sogenannte "Intracytoplasmatische Spermainjektion" (ICSI) zur Verfügung: Dabei wird unter dem Mikroskop ein einzelnes Spermium in die Eizelle injiziert, und die befruchtete Eizelle in die Gebärmutter eingebracht. Etwa 40 Prozent der Frauen werden heute mit Hilfe der ICSI schwanger.

Gezielte genetische Analyse der Keimzellen deckt Ursache von Abort auf

Bevor Paare mit ungeklärter Sterilitätsursache sich für eine ICSI entscheiden, werden sie von einem Humangenetiker beraten. Dabei wird das Risiko, veränderte Gene oder gar ganze Chromosomen an die Nachkommenschaft weiterzugeben, ausführlich mit dem betroffenen Paar erörtert. In der Regel wird zuerst eine Chromosomenanalyse mit Hilfe ihrer Blutzellen vorgenommen. In einem zweiten Schritt wird dem Paar je nach Verdachtsdiagnose eine molekulargenetische Analyse des Y Chromosoms und/oder des Mukoviszidose Gens vorgeschlagen.

Eine wichtige Aufgabe der neu gegründeten Sektion wird es sein, gezielte genetische Analyse nicht nur an Blutzellen, sondern auch an den Keimzellen (Eizellen und Spermien) vorzunehmen. Dadurch soll insbesondere untersucht werden, ob Chromosomen-Anomalien die Ursache für spontane Aborte nach einer ICSI sind.

Ansprechpartner:
PD Dr. Peter Vogt
Tel. 06221 / 56-7918
E-Mail: Peter_Vogt@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw

Weitere Berichte zu: Eizelle Gen ICSI Unfruchtbarkeit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise