Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Den Tumor behandeln, den Kehlkopf erhalten

12.08.2002


Bestrahlung und Chemotherapie als sichere Alternative zur Operation

Fortgeschrittener Kehlkopfkrebs kann heute bei einem großen Teil der Patienten geheilt werden, ohne dass der Kehlkopf entfernt werden muss. Dies hat eine Studie an mehreren deutschen Zentren gezeigt, die von der Sektion Onkologie der Hals-Nasen-Ohrenklinik des Universitätsklinikums Heidelberg koordiniert worden ist. "Durch eine Kombination von Strahlenbehandlung und Chemotherapie konnten 70 Prozent der Patienten nach Ablauf von einem Jahr erfolgreich behandelt werden. Ihr Tumor bildete sich zurück", erklärt der Leiter der Sektion, Privatdozent Dr. Andreas Dietz. Die Entfernung des Kehlkopfes und die damit verbundene Einschränkung der Lebensqualität blieb den Patienten erspart.

Bösartige Tumoren des Kehlkopf und im unteren Rachenbereich haben sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 3.000 Menschen an diesem Tumorleiden, überwiegend Männer. Die wichtigsten Risikofaktoren für Kehlkopfkrebs sind Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum. Da die Erkrankung im Anfangsstadium nur unspezifische Symptome hervorruft, etwa anhaltende Heiserkeit oder Reizhusten, ist sie bei mehr als 60 Prozent der Patienten schon in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium, wenn sie festgestellt wird, und hat meist eine schlechte Prognose.

Ohne Kehlkopf können Probleme beim Schlucken, Atmen und Sprechen auftreten

Standardtherapie beim fortgeschrittenen Kehlkopfkrebs ist bislang die Entfernung des gesamten Kehlkopfes mit anschließender Bestrahlung. Sind die umgebenden Lymphknoten befallen, wird auch ein Teil der Halsmuskulatur entfernt. Nur bei lokal begrenzten Tumoren ist eine teilweise Entfernung des Kehlkopfes möglich. Dank exakter Laserchirurgie unter dem Operationsmikroskop können die Tumoren sicher reseziert werden, ohne Schäden im verbliebenen Gewebe zu setzen.

Wird der Kehlkopf komplett entfernt, geht die Stimme verloren. Meist wird dann ein Sprechventil in die Speiseröhre eingesetzt, mit dessen Hilfe eine Ersatzsprache erlernt werden kann. Gleichzeitig wird ein künstlicher Ausgang der Luftröhre über dem Brustbein gelegt (Tracheostoma). Dies ist erforderlich, weil der Kehlkopf als Weichensteller zwischen Luftröhre und Speiseröhre fehlt und Nahrung in die Lunge zu geraten droht. Nicht immer ist das Ergebnis zufriedenstellend. Probleme beim Schlucken, Atmen und Sprechen können die Lebensqualität des Patienten erheblich beeinträchtigen. Immer häufiger wird eine Kehlkopfentfernung deswegen abgelehnt.

Diesen Patienten kann künftig voraussichtlich eine alternatives Therapieangebot mit guten Aussichten auf Erfolg gemacht werden: die primäre Radiochemotherapie. "Studien im Ausland haben gezeigt, dass eine kombinierte Strahlen- und Chemotherapie ebenso erfolgreich wie die Operation ist und der Kehlkopf erhalten werden kann", sagt Dr. Dietz. Von den positiven Ergebnissen ermutigt, hat die Sektion Onkologie 1997 in Zusammenarbeit mit der Heidelberger Radiologischen Universitätsklinik eine multizentrische Studie initiiert, deren erste Ergebnisse jetzt veröffentlicht worden sind (HNO 2002, 50, S. 146-154). Insgesamt 28 Patienten mit einem fortgeschrittenen Tumorleiden (Stadium II und III) erhielten fünf Wochen lang täglich eine Bestrahlung und zusätzlich in der ersten und fünften Woche eine Chemotherapie mit Carboplatin. Am Anfang und am Ende der Therapie wurde das Tumorstadium erneut überprüft, um falls erforderlich doch eine Operation durchzuführen.

Studie an 17 Zentren überprüft Wirkung und Risiken der Radiochemotherapie

"Ein Jahr nach der Behandlung hatte sich bei 20 von 28 Patienten der Tumor komplett zurückgebildet", berichtet Dr. Dietz. Die restlichen Patienten zeigten einen Befall der Halslymphknoten oder weiter entfernte Metastasen. Die Heidelberger Ärzte hoffen nun die Ergebnisse durch weitere Maßnahmen zu verbessern. So soll nach einer ersten Chemotherapie das Ansprechen des Tumors geprüft werden, da es einen Hinweis auf die Strahlensensibilität des Tumors geben dürfte. Außerdem scheint die Behandlung mit dem Medikament Erythropoietin, das den Gehalt an rotem Farbstoff (Hämoglobin) im Blut und damit die Sauerstoffaufnahme erhöht, einen günstigen Effekt zu haben. "Wir hoffen außerdem, dass neue Chemotherapeutika wie die Taxane die Ergebnisse weiter verbessern," sagt Dr. Dietz.

Mittlerweile wird eine noch umfassendere Studie zur Radiochemotherapie von der "Deutschen Larynx-Organerhalt Studiengruppe" (DeLOS) an 17 Zentren in Deutschland von den HNO-Kliniken in Würzburg, Hamburg und Heidelberg koordiniert. Die Patienten werden mit den Chemotherapeutika Paclitacel und Cisplatin vorbehandelt, da die simultane Strahlentherapie das Gewebe schädigt und eine eventuell erforderliche Kehlkopfentfernung erschwert. Erst wenn klar ist, dass der Tumor anspricht, wird mit der Bestrahlung begonnen.

An dieser Studie können noch Patienten teilnehmen.

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.delos.de.vu/

Weitere Berichte zu: Bestrahlung Chemotherapie Kehlkopf Kehlkopfkrebs

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome
28.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Die bestmögliche Behandlung bei Hirntumor-Erkrankungen
28.03.2017 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Nachwuchswissenschaftler blicken in die Quantenwelt

28.03.2017 | Seminare Workshops

Warum der Brennstoffzelle die Luft wegbleibt

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie