Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Europaweit erste Temperaturmessung der Herzgefäßwand mit neuem Herzkathetersystem

01.08.2002


Trotz aller Behandlungserfolge sind Ablagerungen an den Herzgefäßen weiterhin die führende Krankheits- und Todesursache, sogar mit weltweit steigender Tendenz. Diese Ablagerungen können plötzlich und ohne vorangehende Warnzeichen aufbrechen und einen Herzinfarkt verursachen. Bislang gibt es kaum Möglichkeiten vorherzusagen, welche Ablagerungen sich ruhig verhalten und welche aufzubrechen drohen. Nach einem ersten Test in Neuseeland wird ein neuartiger Herzkatheter nun erstmals in Europa am Universitätsklinikum Essen durch Professor Raimund Erbel, Dr. Axel Schmermund und Privatdozent Dr. Dietrich Baumgart in der Abteilung für Kardiologie beim Patienten eingesetzt.


Entdeckung verändert Welt der Kardiologie

Die Entdeckung der letzten Jahre, dass Entzündungsprozesse bei der Entstehung eines Herzinfarkts eine wesentliche Rolle spielen, hat die Welt der Kardiologie verändert. Es konnte nachgewiesen werden, dass Entzündungsprozesse zu einer Veränderung der Ablagerungen führen. Die Ablagerung ("Plaque") wächst verstärkt, und im Inneren bildet sich eine teigige Masse aus Fettstoffen und Zellbestandteilen ("Atherom"). Die schützende Bedeckung aus Bindegewebe wird aufgeweicht und ausgedünnt. Wenn die Bedeckung aufbricht, bildet sich ein Gerinnsel im Gefäß aus, das bis zur kompletten Verlegung des Gefäßinneren und damit zur Unterbindung der Blutversorgung führen kann. Besteht das Gerinnsel über längere Zeit - mehr als 20 Minuten -, so kommt es zum Herzinfarkt.


Temperaturerhöhungen direkt messen

Eine Entzündung im Körper äußert sich durch typische Zeichen, die fast allen Menschen von der Haut bekannt sind. Die entzündete Stelle ist geschwollen, gerötet und überwärmt. Eine Arbeitsgruppe aus Texas um die Professoren Jim Willerson and Ward Cascells konnte zeigen, dass es sich mit der Entzündung der Plaques in den Gefäßen nicht anders verhält. Es lässt sich eine Überwärmung derjenigen Plaques feststellen, die besonders gefährlich sind. Allerdings gelang dieser Nachweis bislang lediglich nach der Entnahme der betroffenen Gefäße bei einer Operation. Die Firma Volcano Therapeutics wurde im Jahr 2001 unter anderem durch Professor Ward Cascells gegründet, um eine Möglichkeit zu schaffen, die Temperaturerhöhung der Plaques vor Ort zu messen.

Übersicht der Herzgefäße

Bereits nach einem Jahr war der Prototyp eines Herzkatheters fertiggestellt, der eine Temperaturmessung in den Gefäßen erlaubt. Der Katheter wird in ein Herzgefäß vorgeschoben und mit Hilfe eines automatischen Systems langsam und gleichmäßig wieder zurückgezogen. Es entsteht eine sogenannte Thermografie, also die Temperaturmessung in den Herzgefäßen. Die Temperatur wird kontinuierlich durch fünf Sensoren erfasst, die der Gefäßwand anliegen. Ein weiterer, zentral gelegener Sensor misst die Temperatur des fließenden Blutes. Das Thermografie System gibt auf einem Monitor den Temperaturunterschied zwischen dem fließenden Blut und der Gefäßwand wieder und erstellt eine Übersicht des Herzgefäßes, die jede Temperaturerhöhung ("Hot Spots") wiedergibt. Die Hot Spots zeigen eine entzündliche Reaktion in der Herzgefäßwand an.

Kardiologen erwarten große Fortschritte

Die Kardiologen erwarten große Fortschritte in der Diagnostik. Sie hoffen, die Gebiete in den Herzgefäßen erkennen zu können, die besonders gefährdet sind. "Oftmals", so Professor Erbel, "sind gar nicht die Verengungen selbst gefährlich, sondern Ablagerungen an anderer Stelle mit ausgeprägter Entzündung, die aufbrechen und den Infarkt verursachen." Weil die übliche Herzkatheteruntersuchung lediglich Aussagen über das Vorliegen von Verengungen erlaubt, erwarten die Kardiologen wichtige Zusatzinformationen durch die Temperaturmessung. So ist es auch vorstellbar, dass Eingriffe besser geplant werden können.

"Wenn wir eine Gefäßstütze einsetzen müssen und dies in einem Gebiet mit heftiger Entzündung tun, dann ist die Gefahr groß, dass es zu einer erneuten Verengung kommt. Vielleicht bietet die Temperaturmessung die Möglichkeit, dies besser abzuschätzen und vorbeugend zu behandeln", erklärt Professor Erbel. Ein wichtiges Augenmerk gilt auch der Vorbeugung des Herzinfarkts. Patienten mit Hot Spots in den Herzgefäßen müssen, so sind sich die Kardiologen einig, besonders intensiv behandelt werden, damit die Entzündung zurückgedrängt wird.

Erste Erfahrungen positiv

Die ersten Erfahrungen mit dem Temperaturkatheter sind positiv. "Der Katheter lässt sich problemlos in das Herzgefäß legen. Der Patient merkt gar nichts davon. Es scheint ein sehr sicheres System zu sein", so Erbel. Das aber muss erst noch genau geprüft werden. Professor Erbel und seine Mitarbeiter wollen die Durchführbarkeit und Sicherheit der Temperaturmessung untersuchen. Ihre Erkenntnisse werden dann den Zulassungsbehörden vorgelegt, damit der Katheter letztlich für alle Kardiologen zugänglich wird. "Ich glaube, dass unsere über zehnjährige Erfahrung in der Ultraschalluntersuchung der Herzgefäße den Ausschlag gegeben hat, die Untersuchung erstmals hier durchzuführen", erklärt Erbel. "Das Klinikum ist weltweit führend im Bereich der Ultraschalluntersuchungen, und von der Handhabung her ähneln sich die Systeme."

Redaktion: Daniela Endrulat, Telefon (02 01) 1 83 - 45 18
Weitere Informationen: Dr. Axel Schmermund, Telefon (02 01) 7 23 - 44 01

Monika Roegge | idw

Weitere Berichte zu: Gefäß Herzgefäß Herzinfarkt Kardiologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf
06.12.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weiterbildung zu statistischen Methoden in der Versuchsplanung und -auswertung

06.12.2016 | Seminare Workshops

Bund fördert Entwicklung sicherer Schnellladetechnik für Hochleistungsbatterien mit 2,5 Millionen

06.12.2016 | Förderungen Preise

Innovationen für eine nachhaltige Forstwirtschaft

06.12.2016 | Agrar- Forstwissenschaften