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Statt Lesen mehr ins Freie gehen? Neueste Erkenntnisse der Kurzsichtigkeitsforschung

24.07.2008
Frische Luft für gutes Sehen, Brillen gegen Augenwachstum: Auf der 12. Internationalen Kurzsichtigkeitskonferenz in Cairns (Australien) stellten etwa 200 Wissenschaftler aus aller Welt vom 8. bis 11. Juli ihre neuesten Ergebnisse vor. Prof. Frank Schaeffel, Leiter der Sektion für Neurobiologie des Auges des Universitätsklinikums Tübingen, war vor Ort und hat die Ergebnisse der Konferenz zusammengefasst.

Kurzsichtigkeit (Myopie) ist die häufigste Fehlentwicklung des Auges in der ersten Lebenshälfte. In den Industrienationen ist etwa ein Drittel der Bevölkerung kurzsichtig, in den Großstädten Asiens teilweise über 90 Prozent ? Tendenz mit der zunehmenden Ausbildung steigend.

Bei Kurzsichtigkeit wächst Auge zu sehr in die Länge, so dass die Netzhaut ein unscharfes Bild erhält, wenn man in die Ferne blickt. Seit mindestens 200 Jahren suchen Wissenschaftler nach den Ursachen für Kurzsichtigkeit - bisher mit eher mäßigem Erfolg. Das liegt daran, dass Kurzsichtigkeit durch eine komplexe Wechselwirkung von Umwelt und Genetik entsteht und die Forschung deshalb vor Schwierigkeiten stellt. Fest steht jedoch: Je unterschiedlicher Kinder leben, desto klarer ist der Einfluss der Umwelt zu erkennen. So sind Stadtkinder viel häufiger kurzsichtig als Kinder, die in ländlichen Gegenden aufwachsen. Wie die Genetik die Kurzsichtigkeit beeinflusst, zeigt sich besonders deutlich bei Kindern mit ähnlichen Lebensweisen und -umständen, z.B. bei Geschwistern.

Die Fragestellungen der Kurzsichtigkeitsforschung gehen derzeit in drei Richtungen:

1. Epidemiologische Untersuchungen erforschen, wie kurzsichtige Kinder im Vergleich zu Kindern ohne Brille aufwachsen. Die auf der Konferenz vorgestellten Ergebnisse liefern eine klare Antwort:

Bewegung an der frischen Luft beeinflusst die Entwicklung von Kurzsichtigkeit bei Kindern in hohem Maße. Studien aus den USA, Australien und Singapur zeigen deutlich, dass Kinder, die sich mindestens zehn Stunden pro Woche im Freien aufhalten, seltener kurzsichtig werden als ihre Altersgenossen, die nur wenig Zeit draußen verbringen. So sind Kinder in Singapur besonders häufig kurzsichtig - bezeichnenderweise halten sich diese durchschnittlich nur drei Stunden pro Woche im Freien auf. Was den entscheidenden Unterscheid zwischen "Drinnen" und "Draußen" ausmacht, ist noch nicht klar. Eine wesentliche Rolle spielen auch die Eltern. Sind sie kurzsichtig, ist die Wahrscheinlichkeit auch bei den Kindern erhöht: etwa 3-faches Risiko mit einem kurzsichtigen Elternteil und 6-faches mit zwei.

2. Weiterhin fragt Myopieforschung nach Genen, die die Entwicklung von Kurzsichtigkeit bestimmen.

Für die Suche nach diesen Genen benötigt man die Fehlsichtigkeit des Patienten und DNA, z.B. aus Blut- oder Speichelproben. Es wird untersucht, wie bestimmte Marker auf den Chromosomen zusammen mit der Kurzsichtigkeit von einer auf die nächste Generation übertragen werden. Viele solche Marker sind bekannt und über die ganzen Chromosomen dicht verteilt. Damit lassen sich Abschnitte auf den Chromosomen finden, in denen "Kurzsichtigkeits-Gene" liegen. Bisher wurden mindestens 15 solcher Bereiche entdeckt. Weil in diesen Bereichen oft mehr als hundert Gene liegen, wurde bis jetzt keines eindeutig als Ursache identifiziert.

3. Ein großes Rätsel der Kurzsichtigkeitsforschung ist nach wie vor, wie die Netzhaut, die "Bildaufnahme-Einheit" im Auge und Lederhaut, die äußere Augenhülle, die die Augenform bestimmt, funktionieren und wie man sie beeinflussen kann. Für folgende Fragen interessiert sich die Forschung besonders:

Wie entscheidet die Netzhaut, ob das Auge wachsen soll oder nicht? Welche Signale aus der Netzhaut gelangen zur Lederhaut?

Zum besseren Verständnis hilft folgende Vorstellung: Wenn wir am Mikroskop sitzen, können wir das Bild nur scharf stellen, indem wir ausprobieren. Experimente zeigen, dass die Netzhaut dieses Problem ohne Probieren in etwa zwei Minuten lösen kann: Sie lässt das Auge je nach Bedarf mehr oder weniger wachsen. Hier suchen die Forscher, ebenso wie bei den Signalen, die die Netzhaut aussendet, noch nach Erklärungen. Eindeutige Fortschritte macht die Erforschung der Wachstumsmechanismen in der Lederhaut - sie ist jedoch auch vom Aufbau und von den Zelltypen her weniger komplex als die Netzhaut.

Kann man die Netzhaut durch andere Brillen dazu bringen, das Auge langsamer wachsen zu lassen?

Hier zeigen Versuche, dass bestimmte Brillengläser das Augenwachstum erfolgreich hemmen. Fehlsichtigkeit in der Peripherie, also außerhalb der Stelle des schärfsten Sehens im gelben Fleck in der Mitte des Gesichtsfeldes, ist unerwartet wichtig für die Steuerung des Augenwachstums. Die meisten Brillen erzeugen relative Weitsichtigkeit in der Peripherie. Entsprechend versucht die Netzhaut, diesen Fehler zu korrigieren und das Augenwachstum zu verstärken. Man stellt deshalb jetzt Brillengläser her, die in der Peripherie statt Weitsichtigkeit relative Kurzsichtigkeit erzeugen. Da man in der Peripherie sowieso nicht sehr hoch aufgelöst sieht, stört die leichte Unschärfe nicht. Mit diesem Thema hat sich ein erheblicher Teil der Vorträge auf der Konferenz beschäftigt. Auch die Brillenindustrie hat großes Interesse, diese neuen Erkenntnisse in die Entwicklung Ihrer Gläser einfließen zu lassen.

Zuletzt bleibt die Frage, wie das Wachstum der Lederhaut durch Medikamente gesteuert werden kann.

Das nach wie vor wirksamste Medikament um das Augenlängenwachstum zu hemmen, ist Atropin. Es muss allerdings täglich angewandt werden und hat störende Nebenwirkungen. Dennoch ist bemerkenswert, dass 35 Prozent aller kurzsichtigen Kinder in Taiwan regelmäßig mit Atropin behandelt werden. Eine geeignete Alternative fehlt noch immer.

Angesichts der Tatsache, dass Kurzsichtigkeit bei weitem die häufigste Entwicklungsstörung des jugendlichen Auges ist, wird hier viel geforscht. In zwei Jahren werden die dann vorliegenden neuen Erkenntnisse auf der 13. Internationale Kurzsichtigkeitskonferenz vorgestellt - dann in Tübingen.

Ansprechpartner für nähere Informationen:

Universitätsklinikum Tübingen
Prof. Dr. rer. nat. Frank Schaeffel
Sektion für Neurobiologie des Auges
Forschungsinstitut für Augenheilkunde
Department für Augenheilkunde
Calwerstr. 7/1, 72076 Tübingen
Telefon 07071/29-8 07 39
frank.schaeffel@uni-tuebingen.de

Dr. Ellen Katz | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de
http://www.uak.medizin.uni-tuebingen

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