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Neue Therapie gegen Multiple Sklerose in der Erprobungsphase

16.07.2002


Forschungsgruppe für Multiple Sklerose und Neuroimmunologie der Justus-Liebig-Universität Gießen sucht Patientinnen und Patienten für klinische Studie ORIMS

Seit einigen Monaten prüfen Gießener Mediziner eine neue Therapie gegen Multiple Sklerose. Der Vorteil: Bei dieser Therapie wird nicht das gesamte Immunsystem unterdrückt, sondern nur die Immunzellen, die das Nervengewebe tatsächlich schädigen. Ein weiterer Vorteil: Die neue Medizin kann geschluckt, muss also nicht Woche für Woche gespritzt werden. Leiter der Studie ist PD Dr. Patrick Oschmann von der Abteilung für Neurologie. Die Studie trägt den Namen ORIMS-Studie, für Orale Immuntoleranz bei Multiple Sklerose.

Zunächst sollen 80 Patientinnen und Patienten, die in den letzten zwölf Monaten mindestens einen Schub hatten, behandelt werden. Die Hälfte der Patienten erhält die neue Therapie, die andere Hälfte nur ein Plazebo. Durch diesen Vergleich kann die Wirksamkeit besser nachgewiesen werden. Die Einteilung in beide Gruppen erfolgt nach dem Zufallsprinzip. Sie wird bis zum Ende der Studie geheim gehalten, so dass weder die behandelnden Ärzte noch die Patienten wissen, wer die wirkstoffhaltigen und wer die wirkstofflosen Tabletten bekommen hat. Weitere Interessenten an dieser Studie werden noch gesucht.

Entwickelt wurde die neue Therapie von der Jomaa Pharmaka GmbH, einem jungen Biotechnologieunternehmen aus Gießen (gegründet als Spin-Off der Justus-Liebig-Universität Gießen von Dr. Hassan Jomaa und Prof. Dr. Ewald Beck) mit Sitz im Europaviertel. Das Un-ternehmen hat sich vor allem in Zusammenhang mit der Malaria-Forschung einen Namen gemacht und in der Vergangenheit einige Substanzen entdeckt, mit denen sich Bakterien und Parasiten vor dem Immunsystem in Deckung bringen. Alendronat, ein Wirkstoff, der in Deutschland zur Behandlung der Osteoporose zugelassen ist, ist diesen molekularen Tarnkappen sehr ähnlich.

Hinter der neuen Therapie, die nun in Gießen erprobt wird, steht folgende Idee: Gibt man dem Patienten mit Multipler Sklerose neben Alendronat etwas von den Proteinen, gegen die sich die krankhafte Immunantwort richtet - das Myelin, das die Nervenzellen umgibt -, wird zunächst eine Immunreaktion ausgelöst, die dann mit Hilfe von Alendronat gezielt unterdrückt wird.

Die Immuntoleranz entsteht also über einen Prozess, in dem die kritischen Zellen zunächst aktiviert und dann "entschärft" werden. Wirkort für diese neue Therapie ist der Darm. Der Darm ist der Ort für die Ausbildung einer natürlichen Immuntoleranz gegen an sich harmlose mit der Nahrung aufgenommene Stoffe. Der neue Behandlungsansatz für Multiple Sklerose nutzt genau dieses effektive Schutzprinzip aus.

Jeder, der an der Studie teilnehmen möchte, wird genau ein Jahr lang im Rahmen der Studie ärztlich betreut und muss in dieser Zeit dreimal täglich die Prüfmedikation schlucken. Sie besteht aus Alendronat und Myelinen. Die Studienteilnehmer werden jeden Monat mit dem Kernspintomographen untersucht - insgesamt 13-mal - und erhalten alle drei Monate eine genaue neurologische Untersuchung. Die Hoffnung ist, mit dieser neuen Therapie sowohl die Zahl als auch die Größe der geschädigten Areale im Nervensystem zu reduzieren und damit die Multiple Sklerose dauerhaft zum Stillstand zu bringen.

Weitere Informationen für Patientinnen und Patienten: 
ORIMS@neuro.med.uni-giessen.de

Tel.: 0163/262 0 260

Kontakt:
Andrea Gertz
PD Dr. Patrick Oschmann
Forschungsgruppe für Multiple Sklerose und Neuroimmunologie
Am Steg 14
35385 Gießen
Tel: 0641/ 99 45 360
Fax: 0641/ 99 45 329
E-Mail: andrea.gertz@neuro.med.uni-giessen.de

Charlotte Brückner-Ihl | idw

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