Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie Depressionen entlarvt werden können

15.07.2002


Ein Fragebogen für Patienten entdeckt doppelt so viele Erkrankungen wie der Arzt. Dies haben Untersuchungen der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg gezeigt.



Wie oft waren Sie in den letzten zwei Wochen müde und unkonzentriert? Haben Sie wenig Freude und Interesse an Ihrer Tätigkeit? Diese und weitere Fragen können Ärzten im Krankenhaus und in der Praxis helfen, bei ihren Patienten verborgene Depressionen aufzuspüren. Wissenschaftler an der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg haben in einer Untersuchung festgestellt, dass der "Gesundheitsfragebogen für Patienten (PHQ-D)" dem Vergleich mit anderen Screening-Tests standhält und Depressionen diagnostiziert, die dem Arzt durch das bloße Gespräch mit dem Patienten entgangen wären.

... mehr zu:
»Depression »PHQ »PHQ-D »Screening-Test


Der PHQ-D (Patient Health Questionnaire Depression) wurde von dem amerikanischen Psychiater Robert L. Spitzer, Universität New York, und dem Internisten Kurt Kroenke, Universität Indiana (USA), entwickelt. Professor Wolfgang Herzog, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Allgemeine Klinische und Psychosomatische Medizin am Heidelberger Universitätsklinikum, hat zusammen mit seinen Mitarbeitern eine deutsche Fassung erarbeitet und ihre Wirksamkeit in Studien an Patienten belegt.

Depressionen gehören zu den häufigsten Erkrankungen; etwa 4 Millionen Menschen in Deutschland sind gegenwärtig davon betroffen; nur ein geringer Anteil wird jedoch behandelt. Weitere 8 Millionen Menschen erleben mindestens einmal in ihrem Leben eine Depressionsphase. Obwohl Depressionen stark beeinträchtigen, wird die Erkrankung in vielen Fällen nicht erkannt, auch weil es den Patienten schwer fällt, psychische Beschwerden wie Hoffnungslosigkeit und verlangsamtes Denken zu offenbaren. Oft begleiten Depressionen andere chronische oder akute Krankheiten. Eine schwere Depression muss stets ernst genommen werden: Bis zu 15 Prozent der Betroffenen begehen Selbstmord.

Einfaches diagnostisches Instrument für niedergelassene Ärzte und Klinikärzte

"Niedergelassene Ärzte haben oft weder Kenntnisse noch Zeit, eine Depression zu erkennen", sagt der Dr. Bernd Löwe, Arzt und Psychologe an der Heidelberger Universitätsklinik. Für sie ist der PHQ-D, der in einer kurzen und ausführlichen Version vorliegt, ein wertvolles diagnostisches Instrument. Es kann nicht nur Depressionen, sondern auch andere psychische Störungen sowie Probleme im psychosozialen Bereich erkennen. "Bis zu 35 Prozent der Patienten, die den Arzt wegen körperlicher Beschwerden aufsuchen, haben psychische Störungen," sagte Löwe. Das Feststellen einer Depression ist der wichtigste Schritt zur Heilung, denn 70 Prozent können mit Psychotherapie und/oder Medikamenten erfolgreich behandelt werden, bei weiteren 25 Prozent kann zumindest eine Besserung erzielt werden.

Patienten, die in eine Klinikambulanz oder Praxis kommen, können den gut verständlichen Fragebogen während der Wartezeit ausfüllen. Im Gespräch sollte der Arzt die Richtigkeit der Angaben prüfen. Die Auswertung mit einer Schablone nimmt wenig Zeit in Anspruch. Bei bestimmten Verdachtsdiagnosen müssen weitere medizinische Untersuchungen vorgenommen werden, bevor die Erkrankung endgültig feststeht. "Der Gesundheitsfragebogen liefert starke Hinweise auf eine Depression oder eine andere psychische Störung, aber er kann die Gespräche mit dem Patienten, die zur Sicherung der Diagnose erforderlich sind, nicht ersetzen", warnt Professor Herzog.

Fragebogen PHQ ist anderen Screening-Tests überlegen

Seinen Wert als Screening-Test haben die Heidelberger Psychosomatiker nun erneut in einer wissenschaftlichen Untersuchung untermauert. Sie verglichen den PHQ mit zwei international eingeführten Tests, die ebenfalls in der Lage sind, Depressionen aufzudecken, der "Hospital Anxiety and Depression Scale" und dem "WHO Well Being Index". Rund 500 Patienten füllten alle drei Testbögen vor dem Gespräch mit dem Arzt aus. Die Diagnose wurde durch ein strukturiertes klinisches Interview gesichert, dem Goldstandard in der Psychodiagnostik.

Alle drei Tests waren in der Lage, über 80 Prozent der Depressionen zu entdecken, während der Arzt im ersten Gespräch nur etwa 40 Prozent feststellte. Schwere Depressionen wurden am ehesten (98 Prozent) mit dem PHQ festgestellt. Bei leichteren Fällen waren die verschiedenen Tests gleich leistungsfähig. Die Heidelberger Wissenschaftler empfehlen deshalb, dass der Gesundheitsfragebogen PHQ in größerem Umfang als Screening-Test verwendet wird. Da die hohen Folgekosten von unentdeckten Depressionen vermieden werden könnten, sei ein breiter Einsatz gerechtfertigt.


Weitere Informationen:
Dr. med. Dipl.-Psych. Bernd Löwe
Abteilung Innere Medizin II
der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg
Tel. 06221 / 56 - 8667
bernd_loewe@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw

Weitere Berichte zu: Depression PHQ PHQ-D Screening-Test

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Gefäßregeneration: Wie sich Wunden schließen
12.12.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Mit 3D-Zellkulturen gegen Krebsresistenzen
11.12.2017 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mit Quantenmechanik zu neuen Solarzellen: Forschungspreis für Bayreuther Physikerin

12.12.2017 | Förderungen Preise

Stottern: Stoppsignale im Gehirn verhindern flüssiges Sprechen

12.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

E-Mobilität: Neues Hybridspeicherkonzept soll Reichweite und Leistung erhöhen

12.12.2017 | Energie und Elektrotechnik