Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Selfish-Brain-Hypothese: Warum Übergewicht und Diabetes im Gehirn entstehen

29.05.2008
Bisher vermuteten Diabetesforscher die Ursache von Diabetes mellitus Typ 2 im zunehmenden Wirkungsverlust des Hormons Insulin, der Insulinresistenz.

Für Professor Dr. med. Achim Peters von der Universität Lübeck dagegen steht die Unfähigkeit des Gehirns, sich der körpereigenen Zuckerspeicher zu bedienen, am Anfang der Erkrankung: Das Gehirn fordert mehr Energienachschub an, als für den Körper gut ist. Die Forscher sprechen vom eigennützigen Gehirn, englisch "Selfish Brain".

Die Selfisch-Brain-Hypothese könnte die Grundlage für zukünftige Therapiekonzepte sein, um Erkrankungen wie Adipositas und Diabetes Typ 2 zu verhindern. Darauf weist die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) anlässlich einer aktuellen Veröffentlichung hin.

Die Selfish-Brain-Hypothese hat den Ansatz, dass der Blutzucker Glukose die wesentliche Energiequelle des Gehirns ist. Da es nur sehr wenig Energie speichern kann, muss es für eine konstante Zufuhr sorgen. Den Energieanforderungssignalen des Gehirns ordnen sich alle anderen Organe unter.

Auch die Bauchspeicheldrüse, in deren Betazellen Insulin gebildet wird: Benötigt das Gehirn mehr Energie, kann es die Produktion des Hormons drosseln. Ohne Insulin nehmen die Muskelzellen keine Glukose aus dem Blut auf. Der Blutzuckerspiegel steigt und es steht mehr Energie für das Gehirn zur Verfügung. Gehen die Zuckervorräte des Körpers zur Neige, löst das Gehirn Hungersignale aus. Das Gehirn sendet jedoch nicht nur Befehle aus, um Energie zu beschaffen. Es kontrolliert auch, was angekommen ist: Ist in den Nervenzellen des Gehirns ausreichend Energie vorhanden, fordert es keine weitere an.

Diese Abläufe können gestört sein. Professor Peters nennt drei Fehlermöglichkeiten: Hardware-Fehler, Software-Fehler sowie Falsch-Signale. Hardware-Fehler sind strukturelle Defekte wie Gendefekte oder Hirnturmore. Software-Fehler können durch Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Probleme, Drogen oder Ablenkung durch Fernsehen und Computerspiele ausgelöst werden. Falsch-Signale sind chemische oder mikrobielle Botschaften, die das Gehirn täuschen. Dazu gehören zum Beispiel Umweltschadstoffe, Medikamente oder Viren.

Alle diese Faktoren können dem Körper irrtümlicherweise mitteilen, dass er Zucker für das Gehirn sparen muss, obwohl in Wirklichkeit mehr als genug vorhanden ist. Die Folgen sind Anstieg des Körpergewichts, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck - das was Diabetesexperten als Metabolisches Syndrom bezeichnen, die Vorstufe zum Typ-2-Diabetes mellitus.

Das eigennützige Gehirn ist, nach Meinung der Forschergruppe um Professor Peters, auch für die Manifestierung des Diabetes Typ 2 verantwortlich: Durch das steigende Körpergewicht droht dem Gehirn, der Brennstoff auszugehen, weil das Fettgewebe mit dem Gehirn um Glukose konkurriert. Das Fettgewebe will es speichern, das Gehirn braucht es zum Überleben. Deshalb hemmt es die Insulinbildung und sorgt dafür, dass die Glukose nicht in die Muskelzellen gelangt. Der Blutzucker steigt auf Dauer an.

Es gibt inzwischen experimentelle Belege, die die Selfish-Brain-Hypothese untermauern. Über den aktuellen Stand ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse informieren die Lübecker Experten in einer aktuellen Veröffentlichung der Fachzeitschrift "Der Diabetologe".

Quelle:
A. Peters, C. Hubold, H. Lehnert
Gehirn und metabolisches Syndrom. Diabetologe 2008; 4: 189-195
Presse-Kontakt für Rückfragen:
Pressestelle DDG
Beate Schweizer
Pf 30 11 20, 70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931 295, Fax: 0711 8931 167
Schweizer@medizinkommunikation.org

Beate Schweizer | idw
Weitere Informationen:
http://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de

Weitere Berichte zu: Insulin Muskelzelle Selfish-Brain-Hypothese

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Im Focus: Developing reliable quantum computers

International research team makes important step on the path to solving certification problems

Quantum computers may one day solve algorithmic problems which even the biggest supercomputers today can’t manage. But how do you test a quantum computer to...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

„Molekularer Schraubstock“ ermöglicht neue chemische Reaktionen

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Internationale Forschungskooperation will Altersbedingte Makuladegeneration überwinden

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Workshop zu flexiblen Solarzellen und LEDs auf der Energiemesse „New Energy“

23.02.2018 | Seminare Workshops

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics