Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Häufiges Computerspielen und Fernsehen schaden dem Gleichgewicht

05.03.2008
Neue Zwischenergebnisse der Aktion Kid-Check vorgestellt

Kinder, die viel Zeit vor dem Fernseher oder Computer verbringen, haben besonders ausgeprägte Haltungsschwächen. Grund ist eine gestörte Wahrnehmung der Kinder für ihren eigenen Körper. Das haben jetzt Orthopäden, Neurologen, Humanbiologen, Sportwissenschaftler und Physiotherapeuten im Rahmen einer Teilstudie der Aktion Kid-Check der Universität des Saarlandes mit einer eigens entwickelten Messmethode erstmals nachgewiesen.

Bei der Aktion Kid-Check untersuchen Ärzte und Wissenschaftler seit 1999 Kinder und Jugendliche auf Haltungsschwächen und -schäden wie Rundrücken, Hohlkreuz, hängende Schultern und O-Beine. Ziel ist es, schlechte Körperhaltung zu erkennen, die Ursachen zu erforschen und die Haltung durch Training zu verbessern.

Das Zwischenergebnis der Studie ist alarmierend: Vier von zehn Kindern sind demnach nicht in der Lage, im Stehen eine stabile Körperhaltung einzunehmen und zu bewahren. Insgesamt untersuchten die Wissenschaftler 1600 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 17 Jahren. Rund 40 Prozent der jungen Teilnehmer gelang es nicht, ihren Körper im Stehen aufrecht zu halten. Die Kinder fielen ins Hohlkreuz, der Kopf kippte nach vorn, die Schultern sackten nach unten, der Körper neigte sich deutlich nach vorn oder nach hinten.

Besonders ausgeprägt sind solche Haltungsschwächen bei Kindern, die viel Zeit vor dem Fernseher oder Computer verbringen. Bei einem speziellen Test mussten die Kinder erst mit geöffneten, dann mit geschlossenen Augen eine Minute still stehen. Dabei wurde die Körperschwankung gemessen. Diese war bei geschlossenen Augen häufig deutlich höher, insbesondere bei Kindern, die viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen.

Für die Steuerung unserer Körperhaltung und -bewegung sind mehrere Sinnessysteme zuständig. Neben den Augen (visuelles System) sind dies Sinneszellen in den Fußsohlen, in Haut, Muskeln, Sehnen und Gelenken und schließlich das Gleichgewichtsorgan im Ohr. Häufiges Fernsehen und Computerspielen führen offenbar dazu, dass das visuelle System besonders beansprucht und trainiert wird und dadurch bei der Steuerung der Haltung und Bewegung des Körpers eine dominierende Rolle übernimmt. Die anderen Sinneswahrnehmungen zur Körpersteuerung werden bei langem Sitzen vor dem Bildschirm hingegen nicht ausreichend genutzt und geschult. Den betroffenen Kindern fällt es daher mit geschlossenen Augen im Stehen schwer, das Gleichgewicht zu halten und richtig still zu stehen.

Eine schlechte Körperhaltung bei Kindern und Jugendlichen ist also nicht allein auf schwache oder schlecht gedehnte Muskeln zurückzuführen. Denn das Kid-Check-Team hat jetzt erstmals zweifelsfrei nachgewiesen, dass in vielen Fällen aufgrund schlecht trainierter Sinneswahrnehmungen das Gefühl der Mädchen und Jungen für den eigenen Körper gestört ist. Man spricht auch von gestörter Körpereigenwahrnehmung (Propriozeption). Um eine gute Körperhaltung einnehmen zu können, muss unser Nervensystem die Muskulatur zielgerichtet, genau dosiert und in einer festen zeitlichen Reihenfolge aktivieren. Dafür benötigt das Gehirn als Steuerzentrale jederzeit von den verschiedenen Sinnessystemen genaue Informationen über die Stellung der Gelenke und die Spannung der Sehnen und Muskeln. Fällt bei geschlossenen Augen das visuelle System weg, können die schlecht trainierten anderen Sinneswahrnehmungen keine ausreichenden Informationen liefern. Daher gelingt es den betroffenen Kindern nicht, ihre Haltung optimal zu steuern.

Der ärztliche Leiter der Aktion, Prof. Dr. med. Eduard Schmitt von der Orthopädischen Klinik der Universitätsklinik Homburg, verweist auf die Bedeutung dieser Ergebnisse für die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen: "Erst wenn wir genau verstehen, wie Haltungsschäden entstehen, können wir gezielt dagegen vorgehen. Im Rahmen der Aktion wurden bereits mehrere hundert Kinder untersucht." Zum wiederholten Mal erarbeiteten die Saarbrücker Experten für eine Gruppe von Jugendlichen, die beim Kid-Check durch ihre schlechte Haltung aufgefallen waren, ein maßgeschneidertes Trainingsprogramm. 15 Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren absolvierten ein halbes Jahr lang Übungen für Gleichgewicht und Koordination. Außerdem wurden Kraft und Beweglichkeit trainiert. Im Vergleich zu einer inaktiven Kontrollgruppe zeigten alle Jugendlichen der Trainingsgruppe nach Abschluss der Studie eine deutlich verbesserte Körperhaltung.

Die Bedeutung des Projektes unterstrich auch Universitätspräsident Prof. Dr. Volker Linneweber: "Hinter der Aktion Kid-Check steckt die Idee, schon im Kindesalter Haltungsschwächen und -schäden vorzubeugen. Die Universität des Saarlandes hat die Aktion zusammen mit der Saarbrücker Zeitung ins Leben gerufen, weil sie auch einen Beitrag zur Gesundheit der Studenten und Erwachsenen von morgen leisten möchte. Die Wissenschaftler der Klinik für Orthopädie, des Sportwissenschaftlichen Instituts, des Instituts für Sport- und Präventivmedizin sowie der Klinik für Neurologie stellen ihre Forschungen in den Dienst einer wichtigen Sache."

Bei weiteren Fragen wenden Sie sich bitte an:
Dr. Oliver Ludwig, Tel.: (0170) 4961170
Prof. Dr. Eduard Schmitt, E-Mail: oredsc@uniklinik-saarland.de

Saar - Uni - Presseteam | idw
Weitere Informationen:
http://www.kidcheck.de
http://www.uni-saarland.de

Weitere Berichte zu: Gleichgewicht Haltungsschwäche Körperhaltung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf
06.12.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie