Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mäusehirne und Menschenleiden

10.06.2002


Tiermodell soll Aufschluss geben über tödliche Krankheit:


die Parkinson verwandte "Multiple Systematrophie"

... mehr zu:
»MSA »Protein »Systematrophie

Ablagerungen im Gehirn, die Nervenzellen zerstören und bei den Patienten schwere Störungen verursachen, sind typisch für Alzheimer und die Parkinson´sche Erkrankung, aber auch weniger bekannte neurodegenerative Leiden wie die "Multiple Systematrophie". Das auch kurz MSA genannte Leiden bewirkt Symptome wie Störungen der Motorik, des Gleichgewichtes und der Sprechfähigkeit. Bei Patienten wurden in bestimmten Zellen im Gehirn Ablagerungen nachgewiesen, die hauptsächlich aus dem Protein a-Synuclein bestehen. Forscher der Universität München haben jetzt Mäuse gezüchtet, die in diesen Zellen menschliches a-Synuclein produzieren - und dann ebenfalls die für MSA charakteristischen Ablagerungen entwickeln (EMBO reports, Bd. 6, Nr. 3, S.583-588, 2002). Die Wissenschaftler erhoffen sich von diesem Tiermodell weitere Einblicke in die Entstehung dieser tödlichen Krankheit und eine Grundlage für die Entwicklung eines Medikaments.

In Europa leiden mehr als 100.000 Patienten an MSA. Weil das Leiden die Patienten mit so vielfältigen schweren Symptomen belastet, wurde es erst vor relativ kurzer Zeit als ein einziges Krankheitsbild unter dem Namen "Multiple Systematrophie" erfasst. Bis dahin wurden drei verschiedene Krankheiten diagnostiziert, unter anderem das "Shy-Drager-Syndrom". Dieses umfasste die als "Parkinsonismus" bezeichneten Symptome wie Körpersteifheit und verlangsamte Bewegungen. Andere Ausfälle bei MSA betreffen Körperfunktionen, die nicht bewusst kontrolliert werden können wie der Blutdruck. Fällt er bei MSA-Patienten schlagartig ab, können diese schwindlig oder im schlimmsten Fall bewusstlos werden. Aber auch der Gleichgewichtssinn, die Fähigkeit zu Sprechen oder Schlucken kann beeinträchtigt sein.


MSA setzt meist in der zweiten Lebenshälfte ein und beeinträchtigt die Patienten massiv. Der Verlauf der Krankheit ist rapide. Männer sind doppelt so häufig betroffen wie Frauen. "Die genaue Ursache von MSA ist bislang unbekannt", berichtet Philipp Kahle, der maßgeblich an dem Projekt beteiligt ist. "Eine Heilung ist derzeit nicht möglich."

Bei MSA-Patienten wurden typische Veränderungen nachgewiesen: Bestimmte Zellen, die sich als schützende Isolierschicht um die Nervenzellen im Gehirn legen, enthalten in ihrem Inneren faserförmige Einschlüsse. Diese bestehen hauptsächlich aus dem Protein a-Synuclein, das auch in den Ablagerungen im Gehirn von Parkinson-Patienten vorkommt. Zudem wurde gezeigt, dass bei MSA-Patienten dieses Protein - ebenso wie bei anderen Erkrankungen - an einer bestimmten Stelle chemisch verändert ist. Woher das Protein stammt, das sich in den Zellen ablagert und letztlich deren Tod bewirkt, ist nicht bekannt. "In gesunden Zellen der Nerven-Schutzschicht wird a-Synuclein im ausgereiften Zustand gar nicht produziert", berichtet Philipp Kahle. Normalerweise kommt das Protein nur an bestimmten Stellen in den Membranen von Nervenzellen vor: da wo zwei dieser Zellen aneinander grenzen.

Die Forscher um Professor Christian Haass, Department für Biochemie der LMU, züchteten im Rahmen einer langjährigen Industriekooperation mit dem Schweizer Healthcare-Unternehmen Roche jetzt transgene Mäuse, die das menschliche a-Synuclein in den Zellen der Nerven-Schutzschicht produzieren. "Das Protein in den Gehirnen der Tiere wird im Inneren dieser Zellen mit den typischen chemischen Veränderungen und in charakteristischer Dreiecks- oder Halbmondform abgelagert, wie man es auch bei MSA-Patienten sieht", beschreibt Manuela Neumann, Mitarbeiterin am Institut für Neuropathologie der LMU unter der Leitung von Professor Hans Kretzschmar.

Die "Multiple Systematrophie" ist kein häufiges Leiden, beeinträchtigt die Patienten aber massiv, verläuft rapide - und ist verwandt zu weit verbreiteten neurodegenerativen Krankheiten wie etwa Parkinson. Die Forscher hoffen jetzt, dass das Tiermodell ihnen helfen kann, die Krankheit besser zu verstehen. "Die Ablagerung des a-Synuclein in den Zellen ist vermutlich nur die erste Stufe der Erkrankung", meint Philipp Kahle. "Es wird deshalb sehr interessant sein, die Mäuse noch länger zu beobachten - vor allem im Alter. Denn wenn die Krankheit ähnlich wie bei Menschen verläuft, werden sich erst dann die charakteristischen Symptome zeigen." (suwe)

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Christian Haass, Lehrstuhl für Stoffwechselbiochemie
Adolf-Butenandt-Institut der Fakultät für Medizin, LMU
Tel.: 5996-472
e-mail: haass@pbm.med.uni-muenchen.de

Cornelia Glees-zur Bonsen | idw

Weitere Berichte zu: MSA Protein Systematrophie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Aggressiver Bauchspeicheldrüsenkrebs: Welche Rolle spielen Entzündungssignale?
08.02.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht „Moment, hier war ich doch schon!“ – Wie das Gehirn Ortserinnerungen bildet
05.02.2016 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gravitationswellen 100 Jahre nach Einsteins Vorhersage entdeckt

LIGO öffnet mit der Beobachtung kollidierender schwarzer Löcher ein neues Fenster zum Universum / Entscheidende Beiträge von Forschern der Max-Planck-Gesellschaft und der Leibniz Universität Hannover

Zum ersten Mal haben Wissenschaftler Kräuselungen der Raumzeit, sogenannte Gravitationswellen, beobachtet, die – ausgelöst von einem Großereignis im fernen...

Im Focus: Messkampagne POLSTRACC: Starker Ozonabbau über der Arktis möglich

Die arktische Stratosphäre war in diesem Winter bisher außergewöhnlich kalt, damit sind alle Voraussetzungen für das Auftreten eines starken Ozonabbaus in den nächsten Wochen gegeben. Diesen Schluss legen erste Ergebnisse der vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) koordinierten Messkampagne POLSTRACC nahe, die seit Ende 2015 in der Arktis läuft. Eine wesentliche Rolle spielen dabei vertikal ausgedehnte polare Stratosphärenwolken, die zuletzt weite Bereiche der Arktis bedeckten: An ihrer Oberfläche finden chemische Reaktionen statt, welche den Ozonabbau beschleunigen. Diese Wolken haben die Klimaforscher nun ungewöhnlicherweise bis in den untersten Bereich der Stratosphäre beobachtet.

„Weite Bereiche der Arktis waren über einen Zeitraum von mehreren Wochen von polaren Stratosphärenwolken zwischen etwa 14 und 26 Kilometern Höhe bedeckt –...

Im Focus: AIDS-Impfstoffproduktion in Algen

Pflanzen und Mikroorganismen werden vielfältig zur Medikamentenproduktion genutzt. Die Produktion solcher Biopharmazeutika in Pflanzen nennt man auch „Molecular Pharming“. Sie ist ein stetig wachsendes Feld der Pflanzenbiotechnologie. Hauptorganismen sind vor allem Hefe und Nutzpflanzen, wie Mais und Kartoffel – Pflanzen mit einem hohen Pflege- und Platzbedarf. Forscher um Prof. Ralph Bock am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam wollen mit Hilfe von Algen ein ressourcenschonenderes System für die Herstellung von Medikamenten und Impfstoffen verfügbar machen. Die Praxistauglichkeit untersuchten sie an einem potentiellen AIDS-Impfstoff.

Die Produktion von Arzneimitteln in Pflanzen und Mikroorganismen ist nicht neu. Bereits 1982 gelang es, durch den Einsatz gentechnischer Methoden, Bakterien so...

Im Focus: Einzeller mit Durchblick: Wie Bakterien „sehen“

Ein 300 Jahre altes Rätsel der Biologie ist geknackt. Wie eine internationale Forschergruppe aus Deutschland, Großbritannien und Portugal herausgefunden hat, nutzen Cyanobakterien – weltweit vorkommende mikroskopisch kleine Einzeller – das Funktionsprinzip des Linsenauges, um Licht wahrzunehmen und sich darauf zuzubewegen. Der Schlüssel zu des Rätsels Lösung war eine Idee aus Karlsruhe: Jan Gerrit Korvink, Professor am KIT und Leiter des Instituts für Mikrostrukturtechnik (IMT) am KIT, nutzte Siliziumplatten und UV-Licht, um den Brechungsindex der Einzeller zu messen.

 

Im Focus: Production of an AIDS vaccine in algae

Today, plants and microorganisms are heavily used for the production of medicinal products. The production of biopharmaceuticals in plants, also referred to as “Molecular Pharming”, represents a continuously growing field of plant biotechnology. Preferred host organisms include yeast and crop plants, such as maize and potato – plants with high demands. With the help of a special algal strain, the research team of Prof. Ralph Bock at the Max Planck Institute of Molecular Plant Physiology in Potsdam strives to develop a more efficient and resource-saving system for the production of medicines and vaccines. They tested its practicality by synthesizing a component of a potential AIDS vaccine.

The use of plants and microorganisms to produce pharmaceuticals is nothing new. In 1982, bacteria were genetically modified to produce human insulin, a drug...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

SUMA-Kongress 2016 – Die offene Web-Gesellschaft 4.0

12.02.2016 | Veranstaltungen

Career Center deutscher Hochschulen tagen an der Europa-Universität Viadrina

12.02.2016 | Veranstaltungen

Frauen in der digitalen Arbeitswelt: Gestaltung für die IT-Branche und das Ingenieurswesen

11.02.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ultraschnelle Kontrolle von Spinströmen durch Laserlicht

12.02.2016 | Physik Astronomie

SCHOTT stellt auf der Photonics West zukunftsweisende Lösungen für die Optik vor

12.02.2016 | Messenachrichten

Große Sauerstoffquellen im Erdinneren

12.02.2016 | Geowissenschaften