Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ulmer Netzhaut-Mikrochip lässt Patienten vorsichtig hoffen

04.03.2008
Dürfen Patienten mit Retinitis pigmentosa, vielleicht auch mit altersbedingter Makula-Degeneration, zumindest vorsichtig hoffen? Ein direkt unter die menschliche Netzhaut implantierter Mikrochip könnte ihnen langfristig wenigstens ein schemenhaftes Sehen ermöglichen.
Den medizinischen Part eines vom Bundesforschungsministerium mit 1,3 Millionen Euro geförderten Projekts hat die Universitäts-Augenklinik Tübingen gemeinsam mit Augenärzten der Regensburger Uni übernommen, den Chip entwickelt ein Forschungsteam der Universität Ulm unter Leitung von Professor Albrecht Rothermel vom Institut für Allgemeine Elektrotechnik und Mikroelektronik im Auftrag des Reutlinger Medizintechnikunternehmens Retina Implant AG.

Über erste bedeutende Erfolge konnte Projektleiter Professor Eberhard Zrenner (Uni-Klinik Tübingen) verschiedenen Medienberichten zufolge bereits im vergangenen Jahr berichten. Einige der insgesamt sieben ersten Probanden konnten demnach zumindest Schemen erkennen oder Lichtquellen orten. Ihnen war noch der Netzhaut-Chip eines Stuttgarter Instituts eingepflanzt worden.

Bessere Ergebnisse versprechen sich die Beteiligten in Zukunft von der nächsten Generation des an der Uni Ulm entwickelten drei mal drei Millimeter messenden Winzlings. "Wenn alles gut läuft, können die ersten Chips vielleicht noch in diesem Jahr implantiert werden können", sagt Rothermel, der das medienträchtige Projekt kürzlich auf der ISSCC (International Solid-State Circuits Conference) in San Francisco, der mit rund 3500 Teilnehmern bedeutendsten internationalen Konferenz zum Thema elektronische Schaltungen, vorstellen durfte und es damit auf die Titelseite eines weltweit verbreiteten Fachblattes schaffte.

Professor Rothermel, seit 1993 stellvertretender Institutsdirektor in Ulm, rechnet vor allem mit einer besseren Auflösung durch den neuen Mini-Chip: "Wir hoffen, dass die Probanden damit auch feinere Strukturen erkennen können." Zugleich warnt er vor übertriebenen Erwartungen. Denn in dem Bereich des schärfsten Sehens der Netzhaut lasse sich der Chip nicht so ohne weiteres platzieren. Dafür rechnet der Ulmer Wissenschaftler mit einer längeren Lebensdauer des Chips. Überdies entfällt Albrecht Rothermel zufolge bei der neuen Version die für den Probanden lästige, für Versuchsmessungen gleichwohl nötige Verkabelung samt Steckverbindung. Vielmehr werde den Patienten künftig eine kleine Dose unter die Haut gepflanzt. Damit könnten die Daten dann induktiv übertragen werden. "Und der Proband kann damit auch problemlos nach Hause", so Professor Rothermel.

Produziert werde der Mikro-Chip übrigens von einem österreichischen Hersteller nach seinen Design-Vorgaben. Und in eben diesen elektronischen Schaltungen findet sich neben den Erfahrungen aus der ersten Versuchsreihe auch die Kompetenz des Ulmer Forschungsteams. Schließlich soll die künstliche Sehhilfe vereinfacht ausgedrückt eben jene Funktionen der Netzhaut übernehmen, die wegen der abgestorbenen lichtempfindlichen Zellen nicht mehr möglich sind: Die Aufnahme und Weitergabe von visuellen Reizungen an die dahinter liegenden Sehnerven nämlich, die sie dann verarbeiten und an das Gehirn weiterleiten. Den ersten Teil erledigen die jeweils 1600 Photosensoren und Titan-Nitrid-Elektroden des Mikro-Chips. Abhängig vom Lichteinfall steuern die Sensoren mittels der elektronischen Schaltungen die Elektroden, die die jeweiligen Signale als elektrische Spannungen an die Sehnerven übertragen.

Insofern sind intakte Sehnerven Voraussetzung für ein Funktionieren des Systems, für das Projektleiter Professor Zrenner als Fernziel eine Sehschärfe von sechs Prozent vorgibt - ausreichend, um Gesichter zu erkennen oder mit einer starken Sehhilfe zu lesen. Aus diesem Grund aber auch hilft der Retina-Ersatz nicht bei angeborener Blindheit, bei Schäden im Sehzentrum des Gehirns etwa durch einen Schlaganfall oder bei weit fortgeschrittenem Grünem Star.

Unabhängig davon: Zrenners Projekt und damit ebenso seine Ulmer Partner befinden sich nicht nur im Wettlauf mit der Zeit, sondern auch im Wettbewerb mit zahlreichen Teams weltweit. Dem renommierten medizinischen Fachblatt Science zufolge arbeiten rund zwei Dutzend Forschungsteams in mehreren Ländern an der Entwicklung von Netzhautchips. Zum Teil mit deutlich höheren Budgets, wie Professor Rothermel weiß, ferner mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätzen wie dem sub- oder dem epiretinalen Verfahren. Versuchsreife bescheinigen übereinstimmende Medienberichte allerdings bislang nur je zwei deutschen und amerikanischen Produkten und einem japanischen Chip. Dabei ist der Ulmer Wissenschaftler durchaus zuversichtlich: "Ich sehe absolut gute Chancen für unsere Lösung."

Weitere Informationen: Prof. Dr. Albrecht Rothermel, Tel. 0731/50-26204

Willi Baur | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-ulm.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flashmob der Moleküle

19.01.2017 | Physik Astronomie

Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn

19.01.2017 | Medizin Gesundheit

Fraunhofer-Institute entwickeln zerstörungsfreie Qualitätsprüfung für Hybridgussbauteile

19.01.2017 | Verfahrenstechnologie