Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Risikogeburt belastet Partnerschaft

07.09.2000


Die Geburt eines Risikokindes setzt Partnerschaften einer starken Belastung aus. Die gegenseitig wichtige Unterstützung der Eltern nimmt im Verlauf von wenigen Wochen bereits ab. Zu diesem Ergebnis kommt Dr.
Thorsten Löhr in seiner Untersuchung, die er in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln erstellte.

Risikogeburt belastet Partnerschaft
Selbstbeschuldigung und Kompetenzängste


Die Geburt eines Risikokindes setzt Partnerschaften einer starken Belastung aus. Die gegenseitig wichtige Unterstützung der Eltern nimmt im Verlauf von wenigen Wochen bereits ab. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Thorsten Löhr in seiner Untersuchung, die er in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln erstellte.

Kinder, die durch eine Frühgeburt auf die Welt kommen und unter 1.500 g Gewicht haben, benötigen eine intensivmedizinische Betreuung. Sie verbringen daher einige Wochen auf der Intensivstation, wo sie vom Pflegepersonal rund um die Uhr versorgt werden.

Die Frühgeburt ihrer Kinder versetzt die Eltern häufig in eine schwere emotionale Krise. Es kommt für sie zu einem Mehrfach-Verlust: dem Verlust des Ideal-Selbst als Vater oder Mutter, des Ideal-Kindes, der normalen Endschwangerschaft und Geburt. Viele Mütter erleben einen Schock. "Ich war doch völlig unvorbereitet, was sollte ich jetzt schon mit dem Kind", sind oft ihre Reaktionen. Durch die verfrühte Elternschaft entsteht bei beiden Elternteilen eine emotionale Belastung. Mehrere Faktoren können beobachtet werden: die Sorge um Überleben und Zukunft des Kindes, Trauer um das erträumte gesunde Baby, die Verunsicherung durch die Trennung vom Kind, Hilflosigkeit und Ohnmacht und Schuldgefühle wegen eventueller Versäumnisse. Des weiteren spielen Deprimiertheit, Überlastung durch vielfältige Anforderungen, Wut und Vorwürfe und Verleugnung der Bedrohung eine wichtige Rolle. Die Angst um ihre neugeborenen Kinder steht für die Eltern im Vordergrund: "Am Telefon traute ich mich gar nicht zu fragen, ob mein Kind lebt. Ich war davon überzeugt, dass es gestorben ist". Neben der Todesangst kommt auch die Angst vor Behinderung und bleibenden Schäden hinzu. Väter haben in dieser Situation auch Angst um die eigene Frau. Obwohl Väter und Mütter ähnliche Ängste haben, erleben die Mütter diese Ängste intensiver und bedrohlicher.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten erleben Mütter und Väter die Frühgeburt ihrer Kinder auf eine unterschiedliche Art und Weise. Während Väter größtenteils verunsichert mitunter gar glücklich nach der Geburt sind, ist ein Stimmungstief bei Müttern zu beobachten. Außerdem reagieren sie emotional heftiger, sind erschrocken oder voller Trauer. Auch beim ersten Kontakt gibt es Unterschiede. Väter können bereits kurz nach der Geburt ihr Kind sehen und es berühren. Aufgrund ihrer schlechten Verfassung sind Mütter in der Regel nicht in der Lage ersten Kontakt zu ihren Kindern sofort nach der Entbindung herzustellen. Da die Entbindungen als Kaiserschnitt zumeist in Vollnarkose vollzogen werden, ist der Eingriff eher mit einer Operation vergleichbar. Die Folge davon ist, dass Mütter mehr unter Trennungsschmerz leiden.

Beide Elternteile wenden in den ersten Wochen nach der Frühgeburt unterschiedliche Bewältigungsstrategien an: Während die Mutter emotional entlastend Zuwendung sucht, gibt sich der Vater optimistisch zupackend. Demzufolge verhalten sich Väter nach einer Frühgeburt ihrer Kinder zupackend und zeigen sich aktiv, bewältigen ihre Situation problemanalytisch und optimistisch. Die Mütter dagegen geben sich ihrem Schicksal hin und warten die Situation passiv ab. Sie suchen eher Zuwendung und Unterstützung und reagieren emotional entlastender als ihre Partner. Beide unterscheiden sich in der Intensität ihrer Gefühle, wobei Frauen in der Regel betroffener reagieren. Zusätzlich beobachtet Dr. Löhr bei den Müttern Eigenschaften wie Selbstbeschuldigung und Kompetenzängste, die jedoch mit der Zeit nachlassen. Im Abstand von einigen Wochen ändern Mütter ihr Verhalten, indem sie weniger grübeln und analog zu ihren Partnern die Probleme analytisch anzugehen versuchen.

Dr. Löhrs Interesse galt der psychischen Situation der Eltern nach einer Frühgeburt, da diese seiner Meinung einen großen Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung von Neugeborenen hat. So können partnerschaftliche Probleme, elterliche Depressionen oder Probleme in der Eltern-Kind-Interaktion die kindliche Entwicklung negativ beeinflussen. Um Entwicklungsdefizite wie z.B. Sprachverzögerungen, allgemeine Schulprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten bei frühgeborenen Kindern zu vermeiden, sollte Eltern in dieser schwierigen Phase geholfen werden.

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Dr. Thorsten Löhr unter den Telefonnummern 0221/463820 (privat) und 02204/410 (beruflich) zur Verfügung.
Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).

Für die Übersendung eines Belegexemplars wären wir Ihnen dankbar.

  Gabriele Rutzen |

Weitere Berichte zu: Frühgeburt Poliklinik Psychiatrie Psychotherapie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics