Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die künstliche Harnblase und der künstliche Schließmuskel

28.05.2002


Professor Helmut Wassermann (Mitte) bei einer Harnblasen-Operation


Zwei Innovationen aus dem BMBF-Programm "anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung an Fachhochschulen" (aFuE)

... mehr zu:
»Gewebe »Harnblase »Implantat

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 18.000 Menschen an einem Tumor der Harnblase, die in vielen Fällen operativ entfernt werden muss. Die Ärzte nutzen dann meist größere Darmabschnitte des Patienten, um ein neues Harnreservoir und Harnableitungen im Körper anzulegen. Der aus körpereigenem Gewebe geschaffene neue Speicher bleibt allerdings im Gegensatz zur Blase passiv und muss mechanisch ausgedrückt werden. Zudem gelingt der Eingriff nur in rund 25 Prozent aller Fälle und ist mit einem hohen Nachsorgeaufwand verbunden. Mit Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen "Otto von Guericke" (AiF) haben Wissenschaftler der Fachhochschule München und der Medizinischen Universität zu Lübeck eine künstliche Harnblase entwickelt. Neue, biokompatible Werkstoffe und Miniaturisierungstechnik ermöglichen dieses Implantat, das den Patienten weit weniger belastet als die bislang genutzte Methode. Die AiF und das Bundesministerium für Bildung und Forschung haben die Innovation von Professor Helmut Wassermann (München) und Professor Dr. Dieter Jocham (Lübeck) für den Deutschen Zukunftspreis 2002 vorgeschlagen.

Das Implantat hat die Form einer Kapsel, in die die aktiven technischen Subsysteme integriert sind. Lediglich eine der Energietransfer-Spulen, ein Meldesystem für die Blasenfüllung und ein individuell codierbarer Baustein für die kontrollierte Entleerung sind außerhalb der Kapsel, aber ebenfalls vollständig unter der Haut eingesetzt. Zur Energieversorgung benutzt der Patient ein externes Lade- und Steuergerät, das er bei Bedarf auf seinen Unterbauch auflegt. Der Akku des Implantats wird dann durch Induktion über eine direkt unter die Haut eingesetzte Spule aufgeladen. Das Harnreservoir ist ein flexibler Balg aus dem Kunststoff Polyurethan. Wenn sich die Füllung dem Maximum nähert, macht sich die Blase durch einen Vibrationsalarm bemerkbar. Der Träger des Implantats kann dann selbst mittels Signal ein Ventil öffnen, eine Pumpe starten und so die Entleerung in Gang setzen.


Zum medizinischen Nutzen gesellt sich bei der künstlichen Harnblase ein großes wirtschaftliches Potenzial: Aus einer Abschätzung der zu erwartenden Stückzahlen von mindestens 10.000 pro Jahr und einem Stückpreis von 20.000 Euro ergibt sich ein Umsatz von 200 Mio. Euro pro Jahr. Bei zügigem Test- und Entwicklungsfortschritt ist die Markteinführung noch im Jahr 2004 möglich.

Neben der Entwicklung der künstlichen Harnblase ist in München auch eine neue Behandlungsmethode der Harninkontinenz gelungen. Sechs bis sieben Millionen Menschen leiden in Deutschland an diesem unfreiwilligem Urinverlust. Ursache ist meist eine Schließmuskelschwäche. Ärzte beheben die Inkontinenz, indem sie operativ eine Art aufpumpbare Manschette um den Harnleiter legen. Durch Fehleinstellung kann es bei solchen Schließhilfen jedoch zu Nekrosen, einem Absterben des Gewebes, kommen, was für den Patienten mit Schmerzen und oft auch mit dauerhaftem Leiden verbunden ist. Ebenfalls mit einer Förderung über das aFuE-Programm der AiF hat Professor Wassermann ein neues Schließsystem entwickelt. Es passt sich einer Druckerhöhung im Unterbauch durch Lachen, Husten oder Niesen, die eine Inkontinenz verursacht, blitzschnell an und vermeidet so Nekrosen. Für ihre Arbeiten an diesem Schließmechanismus wurden die Studenten Chi-Nghia Ho und Alexander Hentschel im Februar dieses Jahres mit dem Deutschen Studienpreis 2001/02 ausgezeichnet.

Das neue Implantat besitzt einen feinsensorigen Regelkreis, der einen kritischen Blutstau verhindert, wobei er gleichzeitig den Harnfluss kurzzeitig intensiv und damit sicher sperrt. Der Schließmechanismus, den eine in den Körper implantierte Kontrolleinheit steuert, ist mit einer Silikon-Manschette ausgestattet. Kontrolleinheit, Pumpe und Akku sind in bio-kompatiblem Material verkapselt, damit sie der Körper nicht abstößt. Der Energiespeicher wird, ebenso wie bei der künstlichen Harnblase, durch Induktion aufgeladen.

Ansprechpartner: Prof. Helmut Wassermann, Fachhochschule München,
Tel.: 089 1265-2903

Silvia Behr | idw
Weitere Informationen:
http://www.aif.de/

Weitere Berichte zu: Gewebe Harnblase Implantat

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie