Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Ecstasy" schädigt die Hirnfunktion - Neurotoxische Wirkung erstmals beim Menschen nachgewiesen

29.06.2000


... mehr zu:
»Syndrom
Die synthetische Droge "Ecstasy" schädigt eindeutig die Hirnfunktion. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die eine Arbeitsgruppe um Privatdozent Dr. Rainer Thomasius aus der Klinik für Psychiatrie und
Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) durchgeführt hat. In der Studie wurde erstmals eine repräsentative Stichprobe von "Ecstasy"-Konsumenten erreicht. Bislang hatten Wissenschaftler nur kleine Gruppen untersucht, oder Einzelfall-Beschreibungen, so genannte Kasuistiken, zu den Folgen der Einnahme von "Ecstasy" veröffentlicht.

Privatdozent Dr. Rainer Thomasius untersuchte mit seinen Mitarbeitern in einem Zeitraum von 21 Monaten 107 "Ecstasy"-Konsumenten und 52 Probanden in zwei Kontrollgruppen. Die Probanden wurden direkt bei "Techno"-Veranstaltungen und in Diskotheken angesprochen und für die Studie gewonnen. Die Untersuchung sollte zwei Fragen beantworten:

1. Welche psychiatrischen, neurologischen und internistischen Gesundheitsschäden ruft die synthetische Droge "Ecstasy" am Menschen hervor?

2. Hängen diese Schäden mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und Neurosenstrukturen der Konsumenten zusammen?

Im Rahmen einer kontrollierten Querschnittsstudie setzten die Wissen-schaftlerinnen und Wissenschaftler psychiatrische, psychologische, neurologische, internistische und nuklearmedizinische Untersuchungs-verfahren ein.

Psychische Störungen

Ein Ergebnis der Studie: Das Ausmaß von psychischen Störungen, die durch verschiedene Drogen bei "Ecstasy"-Konsumenten verursacht werden, ist außerordentlich hoch. Mehr als ein Viertel der "Ecstasy"-Konsumenten wies in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine durch so genannte psychotrope Substanzen bedingte psychotische Störung auf. Zu diesem Krankheitsbild gehören Halluzinationen, Personenverkennungen (zum Beispiel: Der Arzt wird als Onkel wahrgenommen) oder Wahnvorstellungen. Hinzu kommen Beziehungsideen, in denen Beziehungen zu Personen oder Gegenständen wahrgenommen werden, die nicht real sind.

Bei acht Prozent der "Ecstasy"-Konsumenten ließen sich die Phänomene auf "Ecstasy" zurückführen, bei weiteren acht Prozent auf den Gebrauch von Halluzinogenen und bei 14 Prozent auf den Gebrauch mehrerer Substanzen. Dauerkonsumenten von "Ecstasy" sind im Vergleich häufiger durch psychotische Störungen beeinträchtigt (49 Prozent) als Gelegenheits-konsumenten (22 Prozent) und Probierkonsumenten (0 Prozent).

Neben diesen sofort auftretenden psychotischen Störungen gibt es auch so genannte Restzustände nach "Ecstasy"-Konsum oder verzögert auftretende psychische Störungen. Dazu gehören Störungen der Denkleistung oder depressive und manische Verstimmungen. Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen treten ebenso auf wie Nachhallzustände, bei denen die Konsumenten einen erneuten Rausch erleben, obwohl sie kein "Ecstasy" eingenommen haben.

Der Anteil der Dauerkonsumenten mit diesen Störungen ist ebenfalls besonders hoch: Drei Viertel aller Dauerkonsumenten haben mindestens eine Diagnose aus der Kategorie "Restzustände", bei 76 Prozent der Konsumenten war hierfür "Ecstasy" die Ursache. Auch die Gelegenheitskonsumenten wiesen zu 68 Prozent eine Störung aus dieser Kategorie auf, bei 40 Prozent dieser Gruppe war "Ecstasy" die Ursache, gefolgt vom Gebrauch mehrerer Substanzen (18 Prozent) oder Cannabis-Konsum (7 Prozent).

Hirnfunktions-Schäden durch "Ecstasy"

Die Studienergebnisse ergaben vielfältige Hinweise auf ein neurotoxisches Potenzial der Droge "Ecstasy". 37 Prozent der "Ecstasy"-Konsumenten hatten ein so genanntes amnestisches Syndrom. Dabei wird das Kurzzeit-Gedächtnis so stark gestört, dass das alltägliche Leben beeinträchtigt wird. In der Gruppe der schweren "Ecstasy"-Konsumenten mit einer Gesamtdosis von 500 bis 2500 Tabletten litten 60 Prozent an einem amnestischen Syndrom.

Die neuropsychologische Untersuchung bestätigte diesen Trend. Sowohl das Arbeitsgedächtnis als auch das Kurzzeit- und das mittelfristige Gedächtnis sind bei "Ecstasy"-Konsumenten in Mitleidenschaft gezogen - linear abhängig von der Gesamtdosis. "Ecstasy" schränkt aber auch die Leistungen in den Handlungs-Funktionen ein; die psychomotorische Geschwindigkeit ist vermindert. In der statistischen Auswertung ließ sich dieser Einfluss von "Ecstasy" deutlich gegen die Wirkung anderer Drogen absichern.

In der Elektro-Enzephalo-Grafie (EEG) zeigten sich bei "Ecstasy"-Konsumenten gehäuft Zeichen einer deutlich verminderten Wachsamkeit. Die Positronen-Emissions-Tomografie (PET) dokumentierte, dass die Hirnaktivität bei "Ecstasy"-Konsumenten in bestimmten Hirnarealen ebenfalls vermindert ist.

Vor dem Hintergrund der Studienergebnisse kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Gehirn durch "Ecstasy"-Konsum auf Dauer geschädigt wird. Hierzu sind jedoch Untersuchungen notwendig, die "Ecstasy"-Konsumenten über einen längeren Zeitraum (Längsschnitt) beobachten. Eine solche Studie wird derzeit im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführt.

Internistische und neurologische Komplikationen

Artikel in der Fachliteratur berichteten in Einzelfällen über internistische und neurologische Komplikationen oder Folgeerkrankungen des "Ecstasy"-Konsums. Dazu gehörte eine Erhöhung der Körpertemperatur (bis auf 43 Grad Celsius), Nieren- und Leberfunktionsstörungen oder Krampfanfälle und Hirninfarkte. Diese Befunde ließen sich durch die Studie nicht bestätigen, sicherlich auch, weil Konsumenten mit akuten Störungen aufgrund des Studiendesigns nicht untersucht werden konnten. Auch hierzu könnte die laufende Längsschnitt-Untersuchung nähere Auskunft liefern.

Persönlichkeitspsychologie und Psychodynamik

Bei schweren "Ecstasy"-Konsumenten fanden sich gehäuft Entwicklungs- und Identitätsstörungen, die mit einem Mangel an Selbstwahrnehmung, Mangel an Freundschaften und an sozialer Unterstützung einhergehen. Als besonderes Persönlichkeitsmerkmal zeigt sich in vielen Fällen ein eher empfindlich reagierender Charakter. Diese Konsumenten mit einer so genannten Ich-Schwäche neigen zu einem hohen "Ecstasy"-Konsum und sind deshalb besonders stark von Hirnfunktions-Schäden betroffen. Ein direkter Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsstruktur und "Ecstasy"-Konsum ist nach diesen Ergebnissen wahrscheinlich.

Schlussfolgerung

"Ecstasy"-Abhängige mit schweren Konsumformen wiesen eine starken Leidensdruck auf. Sie schätzen den Stellenwert psychotherapeutischer Behandlungen vergleichsweise hoch ein. Da diese Konsumenten zudem gute Voraussetzungen hinsichtlich ihrer Mitarbeit und ihrer Einsichtsfähigkeit in psychodynamische Zusammenhänge mitbringen, sollte bei "Ecstasy"-Abhängigen viel öfter als bisher geprüft werden, ob die Indikation für eine Psychotherapie vorliegt.

Im Rahmen der Studie wurden pro Teilnehmer (Konsumenten und Kontrollgruppe) folgende Untersuchungen durchgeführt:

ein Erstgespräch und drei Folgegespräche (psychiatrische und psychologische Diagnostik),

körperliche internistische und neurologische Untersuchung,

neuropsychologische Testdiagnostik,

Blut- und Urinuntersuchungen verschiedener Stoffwechselparameter,

EEG-Untersuchung (Messung der Hirnströme),

VEP-Untersuchung (Messung visuell evozierter Potenziale),

Dopplersonografie (Ultraschall der hirnversorgenden Blutgefäße),

PET-Untersuchung (Messung der Gehirnaktivität),

Haaranalyse auf Drogenbestandteile.

An der Studie arbeiteten 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des UKE sowie 10 Doktoranden mit.

Der vollständige Studienbericht erscheint als Buchveröffentlichung am 14. Juli 2000 bei der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft in Stuttgart.

Bei weiteren Fragen wenden Sie sich bitte an Privatdozent Dr. Rainer Thomasius, Tel. (040) 428 03 - 42 17, oder an die Pressestelle des UKE, Tel. (040) 428 03 - 47 47.

Dr. Marion Schafft |

Weitere Berichte zu: Syndrom

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Anzeichen einer Psychose zeigen sich in den Hirnwindungen
26.04.2018 | Universität Basel

nachricht Revolutionär: Ein Algensaft deckt täglichen Vitamin-B12-Bedarf
23.04.2018 | Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Why we need erasable MRI scans

New technology could allow an MRI contrast agent to 'blink off,' helping doctors diagnose disease

Magnetic resonance imaging, or MRI, is a widely used medical tool for taking pictures of the insides of our body. One way to make MRI scans easier to read is...

Im Focus: Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

Das Kleben der Zellverbinder von Hocheffizienz-Solarzellen im industriellen Maßstab ist laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und dem Anlagenhersteller teamtechnik marktreif. Als Ergebnis des gemeinsamen Forschungsprojekts »KleVer« ist die Klebetechnologie inzwischen so weit ausgereift, dass sie als alternative Verschaltungstechnologie zum weit verbreiteten Weichlöten angewendet werden kann. Durch die im Vergleich zum Löten wesentlich niedrigeren Prozesstemperaturen können vor allem temperatursensitive Hocheffizienzzellen schonend und materialsparend verschaltet werden.

Dabei ist der Durchsatz in der industriellen Produktion nur geringfügig niedriger als beim Verlöten der Zellen. Die Zuverlässigkeit der Klebeverbindung wurde...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Konferenz »Encoding Cultures. Leben mit intelligenten Maschinen« | 27. & 28.04.2018 ZKM | Karlsruhe

26.04.2018 | Veranstaltungen

Konferenz zur Marktentwicklung von Gigabitnetzen in Deutschland

26.04.2018 | Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Weltrekord an der Uni Paderborn: Optische Datenübertragung mit 128 Gigabits pro Sekunde

26.04.2018 | Informationstechnologie

Multifunktionaler Mikroschwimmer transportiert Fracht und zerstört sich selbst

26.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Berner Mars-Kamera liefert erste farbige Bilder vom Mars

26.04.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics